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  Forum: Nebelpfade
    Thema: Lauf (Teil I einer Fortsetzungsgeschichte)
Adoreich wusste nicht so recht, wo ich diesen text posten sollte. wenn er nicht hier herein passt, kann er gerne in meinen garten verschoben werden. Kritik könnt ihr [URL=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=44219]hier[/URL] hinterlassen oder eine pN an mich schicken.

würde mich wirklich freuen, wenn sich tatsächlich jemand zeit nähme das alles zu lesen.

Ich sitze hier, am Rande des Wassers, meinen Blick in die unergründliche Tiefe gerichtet und höre ihm beim plätschern zu. Lasse meine Fußspitzen hinein hängen, sodass sie sanft umspült werden. Einsamkeit, Stille, nichts außer mir und den Geräuschen der Natur – Friede, den ich jetzt brauche, denn es gibt so viel nachzudenken. So vieles, das mir das Gehirn platzen könnte. Plötzlich höre ich aus der ferne Stimmen.
„Sag mal hast du die kleine schlampe vorhin vorbeigehen sehen?“
„Ja, du meinst die kleine Schwarze, mit dem schnellen Schritt – die hab ich genau ins Auge gefasst. Ich meine hast du sie dir mal angesehen?“
„Ja klar, die kann sich so viel verhüllen wie sie will, solche Titten hüpfen mir alle mal ins Auge!“
Ich horche weiter, woher genau die stimmen kommen. Ich kann die Richtung nicht identifizieren; höre sie nur immer näher heranschlurfen. Alle meine Nervenstränge sind gespannt wie Drahtseile, bald werden sie reißen, wenn ich nicht mache dass ich wegkomme. Schnell ziehe ich meine nackten Füße aus der wohlig warmen Flüssigkeit und setzte sie auf den kalten matschigen Boden.
„Wo kann sie bloß hingegangen sein?“
„Ich weiß nicht, aber sie ist sicher hier lang gegangen. Die kann nicht weit sein, wir werden sie schon noch aufgabeln.“
Mein Herz schlägt mir gegen die Rippen, will fast hindurch brechen – aber es kann nicht. Keine Zeit, muss meine Sachen schnell einsammeln, sonst finden sie mich. Aber wieso pisse ich mich vor solchen Typen eigentlich an. Ich hab sie doch an der Straßenecke stehen sehen – wirkten doch wie absolute Schwächlinge, unfähig sich selbst die Schnürsenkel zu binden, zu nichts imstande außer großem reden. Trotzdem, ich kann nicht anders, die Angst ist einfach da. Das ganze Gefühl kracht mir wieder mit einem Schlag in den Körper hinein: ich fühle wieder diesen festen Händedruck um meinen Oberkörper, die Finger, die an meiner Kleidung zerren, unaufhaltsam weiter wandern. Grob. Wild. Scheiße Alter, ich muss hier weg. Nie ist etwas wie es zu sein scheint. Damals hab ich auch gedacht, die Schritte hinter mir, wären einfach bloß von jemandem, der den selben Weg hat wie ich. Auf keinen Fall lasse ich mich wieder von meiner Naivität überreden zu bleiben ohne mich paranoid umzudrehen. Ich werde einfach mucksmäuschenstill zu diesem Stein dort drüben tapsen und warten, vielleicht hauen sie ja wieder ab, weil es ihnen zu dumm wird. Hoffentlich. Ich kenne das alles hier wie meine Westentasche, während andere nur Schwärze vor sich sehen. Langsam, vorsichtig – ich darf bloß nicht auf die knackenden Hölzer treten, sonst bin ich geliefert. Schritte scharren über den körnigen Fußweg und werden plötzlich lautlos, als sie in den Matsch treten.
„Ja ja, komm schnell hier rüber und sieh dir an was ich gerade gefunden habe!“
„Was? Teufel noch mal, spuck’s aus, was ist es denn? Wehe du verarschst mich bloß, ich will nicht umsonst hier im Finsteren rumrennen!“
„Hey, beruhig dich, das hier sind ihre kleinen Schühchen ...“
verdammt, wie konnte ich die nur stehen lassen. Mein Atem geht stoßweise, mir bricht der Schweiß auf der Stirn aus, mein Hände zittern. Aber ich muss mich zusammenreißen, meine Muskeln spannen, sonst lasse ich womöglich noch was fallen. Ich kann hier nicht weglaufen. Ich kann hier nicht sitzen bleiben. Was soll ich den tun, ich kann ja nicht einmal einen Gedanken fassen. Ruhig, ich muss mich beruhigen! Die Stimmen, sie scheinen näher zu kommen, oder bilde ich es mir bloß ein?
„Hey Kleines, ich weiß dass du da bist, ich sehe dich!“
„Wo, wo ist sie denn, ich kann hier gar nichts erkennen.“
„Na da du Trottel, der schwarze Fleck oder nicht?“
„Kann schon sein, geh’ doch mal näher ran.“
Lauf! Lauf! Jetzt gleich! Ich springe auf, obwohl ich mir wie gelähmt vorkomme. Ich weiß nicht wohin, ich kann nicht auf den Weg zurück, denn von da kommen sie ja. Ich muss in die andere Richtung, weiter hinein ins Dickicht und dann irgendwie wieder zum Weg.
„Ich hab da vorne etwas rascheln gehört!?“
„Nun mach schon, steh da nicht so dumm rum, nimm deine verfickten Beine in die Hände!“
„Ich versuch’s ja, aber ich seh hier gar nichts ...“
Ich renne blind, nur darauf bedacht nicht gegen einen Baum zu laufen, denn sonst hab ich wirklich verloren. Noch habe ich eine Chance. Noch. Währen des Laufens verliere ich alle meine Sachen, verstreue sie hinter mir auf dem Boden um den unnützen Ballast abzuwerfen. Meine Knie wackeln, erschweren mir den Schritt. Jedes mal, wenn ich einen Fuß wieder auf die Erde stelle, bohren sich Steinchen in meine Sohlen und Blätter und Morast bleiben daran kleben. Aber das ist jetzt unwichtig. Alles was noch zählt ist wegzukommen. Ich kann hier nicht einmal um Hilfe rufen. Niemand ist da. Es war nie jemand da. Wieso auch sollte es gerade heute anders sein? Ich komme am Waldrand heraus, höre aber noch die dumpfen Schreie hinter mir durch die rabenschwarze Nacht gellen:
„Nun mach schon!“
„Ich lauf ja so schnell ich kann, aber hier sind überall verschissene Wurzeln und Gräser.“
„Dann heb’ gefälligst deine Füße, das kann doch nicht so schwer sein! Komm schon, ich seh’ sie noch dort auf der offenen Wiese.“
Die Schatten fliegen hinter meinem Rücken über das offene Gelände. Holen mit jedem Schritt auf. Ich keuche schon, weil ich nicht mehr kann. Aber ich muss das jetzt durchhalten. Mit riesigen aber schweren Schritten haste ich noch die letzten Meter, kann mich kaum noch auf den Beinen halten. Schon bin ich auf der Straße, es ist nicht mehr weit. Ich sehe schon die Häuser, kann schon die hölzerne Tür vor meinen Augen sehen. Wünsche mich auf schnellstem weg dorthin. Angekommen. Die wuchtigen Schritte hallen noch in der Straße hinter mir, aber verlangsamen sich merklich.
„Vielleicht schaffen wir es noch, sie kann nicht ewig davonrennen.“
„Aber ich kann nicht mehr, denkst du wirklich so eine Kleine ist die Mühe wert?“
Ich stehe jetzt davor, hämmere vor deine Tür, kann nichts mehr außer meinen Rufen hören.
„Herz, nun mach schon auf, lass mich rein bitte!“
„Was willst du? Kommst du jetzt plötzlich angekrochen?“
„Hör auf damit, ich hab für diesen Dreck jetzt keine zeit, schließ endlich die verwichste Tür auf!“
„Wieso sollte ich, erst stößt du mich so vor den Kopf und jetzt soll ich dich reinlassen, damit du mich wieder runtermachen kannst – nein danke!“
„Herz bitte, nur jetzt, du kannst mich, ohne dass wir auch nur ein Wort wechseln, dann gleich wieder vor die Tür setzten, aber lass mich jetzt rein!“
Flüstere ich noch heiser. Ich weiß nicht, ob du es überhaupt noch verstanden hast. ich trommle fester mit den Fäusten gegen die schwachen Holzbretter. Verzweifelt. Nur noch wenige Meter trennen sie von mir, sie gehen weiter auf mich zu. Sie genießen es, sich darauf vorzubereiten mich fertig zu machen. Ich kann das Grinsen schon in ihren faltigen Gesichtern erkennen, welches voll gelber fauliger zähne erstrahlt. Ihre ekligen Augen sind auf mich fixiert, in Gedanken schon einige Minuten, dort, was sie gleich mit mir machen werden ... Der eine wispert ein leises
„Schätzchen“
Ein knacken, deine Tür öffnet sich einen Spalt. Ich reiße an der Klinke und trete so rasch ich kann ein, während der eine schon nach meiner Hand zu langen ansetzt. Ich werfe sie hinter mir gleich wieder zu, sperre ab und gaffe noch mit bleichem Gesicht und ohne dir auch nur ein Wort zu erklären durch den Spion. Sie sehen enttäuscht aus.
„Verdammte Scheiße, wie konnten wir sie entwischen lassen?“
„Ach, vergiss es, es laufen so viele davon herum, wir brauchen uns nur eine zu greifen!“
Sie verschwinden aus meinem Blickfeld, wieder in die Dunkelheit aus der sie gekommen waren und ich sinke an der Tür herab, wage es nicht dich anzusehen. Ich kann nicht.
rainraven:(
ich bin betroffen. Hoffentlich ist Dir das nicht wirklich passiert...
Es ist sehr mitreißend. Ich war gestern abend noch an einem Waldweiher, deswegen kann ich mir auch die Stimmung so genau vorstellen. Ich war zum Glück nicht alleine.
Adorenein gott - oder wem auch immer - sei dank. das ist eine geschichte, die aus persönlichen erlebnissen, erzählungen und allen möglichen gedanken und eindrücken heraus entstanden ist, aber trotzdem irgendwie eine meiner panischsten ängste darstellen soll, weil mir da am helllichten tag mal was passiert ist, was mich veranlasst hat, das zu formen. obwohl ich gerne allein rumrenne (auch im dunkeln) eine gewisse ungemütlichkeit bleibt, auch wenn man das gefühlt haben sollte ganz in sicherheit zu sein.

darf man fragen inwiefern du betroffen bist (wenn du es hier nicht reinschreiben willst, kannst du dich auch an mich persönlich wenden)? ich hoffe diese frage ist nicht zu privat, wenn ja, entschuldige.
rainraven:) nein, nicht betroffen im Sinne von, daß mir sowas passiert wäre, aber seelisch Anteil nehmend, wenn ich mir das bildlich vor Augen führe.
Und ich habe mir gerade die Stimmung vorgestellt, als ich da gestern am See war und es schon dunstig und ruhig war und die Sicht schon schlecht wurde...da wird einem schon unheimlich, wenn man sich dann sowas vorstellt.

Wenn ich mir vorstelle, daß da irgendwelche Kerle ein Mädel durch den Wald hetzen, da steigt bei mir echt das Adrenalin. Das sollen die erst mal wagen! Ich könnte da sicher nicht weglaufen, bei mir würde das eine Keilerei geben...:mad:
Carcas999Vielleicht nicht ganz der richtige Platz hier..aber dennoch:
sehr bedrückend und anschaulich geschrieben.
Man fühlt richtig die Panik des Mädchens, als sie vor der Tür steht und derjenige dahinter nicht aufmachen möchte.
Das Ende gefällt mir, weil es noch ein wenig Spielraum lässt.

Einige umgangssprachliche Ausdrücke wie das "Alter" in "Scheiße Alter, ich muss hier weg", kannst du weg lassen, bei den zwei Männern passen diese Ausdrücke vielleicht, aber nicht bei ihr.

Liebe Grüße
Car

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