| Adore | Eigentlich sollte mich das nicht so berühren. Ich kannte sie ja gar nicht. Ich sah sie nur drei Jahre lang an unserer Schule, habe aber niemals je ein Wort mir ihr gewechselt. Ich habe sie nur manchmal bewundert – im Stillen, wie vermutlich viele. Warum? Sie war so wunderschön mit diesem engelsblonden Haar, dem makellosen Gesicht und diesen ausdrucksstarken dunkelbraunen Augen. Aber mal abgesehen davon, dass sie hübsch war, denke ich, dass sie viel mehr war. Ich hab sie selten, wenn überhaupt in schlechter Laune gesehen. Meist hatte sie so ein sympathisches Lächeln auf den Lippen und wenn sie sich mit jemandem unterhielt, hat man richtig gemerkt, dass da irgendwie was Besonderes war. Kein Ahnung, aber es hatte immer den Anschein, als würden eine Menge Leute ihre Anwesenheit immens schätzen. Und doch, manchmal habe ich sie so sehr darum beneidet, dass sie scheinbar alles war. So sehr, dass ich das Gefühl hatte sie zu hassen, einfach nur, um das auf jemandem projizieren zu können. Aber die meiste Zeit habe ich sie eben bewundert. Ich hätte nie gedacht, dass es jemanden wie SIE treffen könnte. Dass auch die Schönen und Glücklichen den Tag erreichen an dem das Blatt sich wendet. Doch es hat sich nicht nur umgedreht, es wurde schwer und fiel zu Boden. Es wird nie mehr vom Wind in unerreichte Höhen getrieben. Wie gesagt, ich kann-te sie nie, aber trotzdem habe ich gestutzt als ich davon hörte; hat es mich zum Nachdenken gebracht. Schon selt-sam, dass Tag für Tag wohl hunderte an Menschen sterben, und niemand weint um sie oder verschenkt auch nur einen Gedanken daran, aus dem simplen Grund, weil wir sie noch nie in unserem Leben gesehen haben, nicht wis-sen, wer sie sind. Es trifft uns nicht, weil es namenlose Gesichter sind, die uns aus dem Fernseher entgegenblicken oder identitätslose Namen, auf längst vermoderten Grabsteinen aus den letzten Kriegen sind. Aber würden wir es denn aushalten uns um jeden einzelnen von ihnen zu sorgen? Ich denke ich würde daran zerbrechen, denn die Welt würde nur noch aus endlosem Leid, geschrieben auf jedermanns Miene bestehen. Und wie lange dauert es, bis man über einen Menschen „hinweg“ ist? Vermutlich wird mein Leben weiter seinen Lauf nehmen, auch nach diesem tragischen Ereignis, das wohl die Angehörigen, weit mehr erschüttert als mich. Kann man manche Menschen denn überhaupt hinweg kommen? Irgendwie denke ich bleiben diejenigen, von denen wir behaupten dürfen sie wirklich gekannt, wenn nicht sogar geliebt zu haben, immer ein Teil von unserem Herzen. Aber oft sitzt er dort, wo wir in nicht immerzu sehen können, gut geschützt an einem schattigen Plätzchen. Es wird Tage geben, da werden wir mit einem Lächeln zurückblicken, aber nicht ohne gleichzeitig eine kleine Träne in uns hinein zu weinen, wo sich in dem Auffangbecken der Tränen, das Antlitz dieses Menschen widerspiegelt, aber keine Spuren mehr hinterlassen wird. Ich weiß, das ist der Kreislauf des Lebens und da gehört der Tod nun einmal dazu, aber es kann so verdammt schwer sein das zu akzeptieren. Wenn man nicht selbst betroffen ist, so wie ich, kann man leicht große Reden über das hinnehmen von Verlusten schwingen, aber es bringt mich auf die Frage: „Was ist, wenn es dir passiert, wirst du es ertragen?“ Aber ich weiß, solange ich mich nicht in haargenau der gleichen Situation befinde, werde ich niemals eine Antwort darauf finden – Gott, oder was auch immer, bewahre. Es gibt vielleicht Fragen, die lieber unbeantwor-tet bleiben, denn es ist besser mehr Fragen als Antworten zu haben, da einen die Ungewissheit vielleicht noch hoffen lässt. Die Hoffnung stirbt, wenn die Wahrheit ins kühle Tageslicht rückt ... |