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  Forum: Nebelpfade
    Thema: Le destin d'Annette Lupin
Adorele 26 novembre 2006
[font=garamond][size=3]
Der ganze Tag heute begann schon seltsam. An manchen Tagen wie diesen kriecht ihr der Gedanke– eigentlich ist es ja kein richtiger Gedanke, sondern nur so eine dumpfe graue Vorahnung –, dass etwas passieren würde eisig den Rücken hinunter.
Schon als sie an seiner Seite aufgewacht war, irgendwann im Laufe des Vormittages, da hatte sie dieses Bedürfnis nach Schutz. Aus irgendeinem Grund war es ihr diesmal so verdammt wichtig, seine Hände sanft über ihre Schultern, ihren Rücken streichen zu fühlen, als wollte er sagen, dass alles gut wäre und

[i]„[...] es wird schon nichts geschehn“
„Lass die anderen schlafen, denn es ist schon spät“[/i],*[/size][size=1]1[/size][size=3]

murmelte es in ihrem schlaflosen Köpfchen. Irgendwie hat sie seine Nähe gesucht, doch er hat nur dumm dagelegen und beim Schlafen den Mund weit offen stehen gehabt. Auch als er die Augen hin und wieder für kurze Momente öffnete, da hat es ihn nicht interessiert, ob sie immer noch wach liegt.
Sie hat dich angesehen, sanfte Kreise über seinen Körper gezogen und still gefleht, er würde ihr die bedingungslose Berührung geben, die diese heranrollende grundlose Panik in Schall und Rauch auflöst. Doch nichts ist passiert, sie lag nur da und starrte an die Decke, an die Wände, auf seine nackte helle Haut. Ihr Rücken nach der letzten Nacht genauso wund geschunden wie ihr Herz.
Und als er endlich wach war, sah er sie nur kurz an und dann kamen wieder die selben fordernden Küsse wie immer und nicht ein Finger bewegte sich, ihr das Gefühl von Geborgenheit zu übermitteln.
Er hat ihre lautlosen Blicke nicht verstanden, die sich am liebsten tief in ihn gegraben hätten, um dort Schutz zu suchen. Hat das Bedürfnis nach der anderen Art von Nähe, das auszusprechen sie völlig unfähig war und ist, einfach nicht gesehen, als sei es nur eine dümmliche Illusion, die sie sich in ihrem blöden blonden Köpfchen trotzig usammengesponnen hätte.
Als er dann weg war, gegangen nach der Verweigerung ihrer Lippen und dem scheußlichen Anblick tränenvoller Augen, die nicht wissen warum, hätte sie darauf gewartet, dass er frag was mit ihr ist, auch wenn sie es ihr selbst nicht erklären konnte. Doch er hat nichts getan, ist einfach weg gewesen.
Sie weiß auch nicht, vorher das kam. Das ganze Wochenende war eigentlich in Ordnung. Die Kinder lassen ihr Herz auf eine Weise aufblühen, dass sie es sich selbst nicht erklären kann. Es ist wundervoll. Und sie hatte sich gefreut ihn zu sehen, obwohl sie damit rechnete, er würde wieder zu spät kommen. Dann, dann als er da war, war plötzlich wieder alles wie immer. Sie kann gar nichts mehr dagegen machen, sich andauern zu fragen, was das hier alles soll. Es ist so eintönig. Sie weiß, sie hat kaum Zeit für ihn, aber heißt das, dass sie die wenige die sie haben immer gleich verbringen müssen?
In der ganzen Zeit, in der er nicht da ist, versucht sie das wegzuschieben, versucht sich einzureden, dass alles besser würde und versucht sich die Seiten an ihm zu verinnerlichen, die sie bei ihm bleiben lassen, doch wenn er dann bei ihr ist, ist alles anders und die ewigen Fragen rattern sich unkontrolliert durchs Gehirn, wie verrückt.
Irgendwie war sie einerseits froh, als er die Tür hinter sich zu schlugst, war froh, dass sie nicht wieder losgeheult hate, war froh, seine Augen, die rein gar nichts zu kapieren schienen und die gleichzeitige Gleichgültigkeit, die in seinem Schweigen lag, nicht mehr länger sehen zu müssen, doch auf der anderen Seite kam dann wieder die Sehnsucht hoch, schwang sich auf und sie fühlte sich wieder schutzlos, ja richtig im Stich gelassen und benutzt.
Und in solchen Momenten, da weiß sie wieder, wieso sie nicht an Worte glaubt. Wie oft hat er ihr in den letzten Tagen gesagt, wie sehr er sie vermisst, wie gerne er sie hat? Doch gemerkt hat sie nichts davon, als sie einander wiedersahen.
Sie hat ihm nicht ein einziges Mal gesagt, sie würde ihn mögen, aber sie versucht ihm ihre spärliche Herzlichkeit zu zeigen, so gut es ihr möglich ist. Hat ihm erklärt, dass sie die Menschen, die sie am liebsten hat, zugleich auch oft härter behandelt als die belanglosen, doch er scheint nicht zu verstehen.
Sie ist es leid. Manchmal. Das alles kommt ihr vor wie eine hängen gebliebene Langspielplatte, weil sich alles immer aufs Neue wiederholt. Manchmal kommt er ihr vor wie ein altes Heftpflaster, das eigentlich die Wunden bedecken sollte, doch er hält nichts zusammen, das für sie von Wichtigkeit wäre und möglicherweise fault er ihr von der Haut bevor sie sich aufrafft ihn abzulösen.
Den ganzen Tag hat sie irgendwie die Stunden gedreht, sich dann irgendwie dazu gezwungen sich anzuziehen, die Tiere ihrer Schwester füttern zu gehen und dann zu ihm aufzubrechen.
Im Terrarium hat sie eine Lampe kaputt gemacht. Lebensspender Licht aus.
Dann fuhr sie los. Feuchtes Wetter, grau-dunkler Himmel, der alles unter sich zu erdrücken schien.
Noch bevor sie sich in den Wagen setzte, hing sie sich die Taschenuhr, die sie zu ihrem letzten Geburtstag bekommen hatte um. Ihr sanftes Ticken hat sie immer leicht beruhigt, ihr ein Gefühl, von angenehmer Kontinuität gegeben. Doch Herzen ticken anders.

Und plötzlich tauchten aus der Dämmerung die zarten Leiber von Rehen, die jagend über die Straße liefen, auf, reflektierten mit ihren gelben runden Augen die Scheinwerfer, die frontal auf sie gerichtet waren. Das war alles was sie in diesem Moment sah: die Leiber, die Augen. Und dann der Körper, der von ihr gerammt und zu Boden geschleudert wurde. Immer noch liegt ihr das Geräusch des dumpfen Aufpralls in den Ohren.
Sie fuhr an den Rand, stellte den Motor ab und atmete durch. Dann rief sie die Polizei und stieg aus. Gemeinsam mit der Försterin, die den Unfall gehört hatte, ging sie den grellen Lichtern der anderen Autofahrer entgegen, die Straße entlang, auf den leblosen Haufen zu. Und da lag es – sie wagte kaum es anzusehen, diese toten starren Augen und die krummen Beine. Die Frau zerrte das Tier von der Fahrbahn zum Bankett und legte es hin, als hätte es sich schlafend zusammengekauert eingerollt. Sie sah kein Blut an dem Tier, die Dunkelheit der Nacht bewahrte sie vor dem roten Grauen. Und trotzdem schlich es sich ein, wand sich mittels einer immer lauter werdenden Spirale in ihr Bewusstsein „Du hast dieses Tier getötet.“ Und obwohl ihr jeder sagte, sie hätte es nicht verhindern können und richtig reagiert – wo sie doch eigentlich nichts getan hatte als zu bremsen und den Aufprall mit anzusehen, der sich binnen Nanosekunden ereignete – fühlte sie sich schuldig. Sie hätte besser aufpassen müssen, hätte die Tiere vielleicht noch kommen sehen. Natürlich, ihr war nichts passiert, aber eine Seele, die verschwindet ist eine Seele, egal in welchem Körper sie steckt.
Das Reh war ein größeres Kitz. Ein Kind. Sie passt auf Kinder auf. Aber heute hat sie eines auf dem Gewissen. Was sie allerdings nicht versteht, wie sie so rein gar nichts fühlen kann, wenn sie mit ihrem alten Musikbuch eine Mücke auf ihrer Zimmerdecke mit leichter Wucht zerdrückt, aber hier so zimperlich ist. Sie liebt Tiere, aber wieso macht sie Unterscheidungen? Ist das eine Tier uns Menschen nicht genauso schutzlos ausgeliefert wie jedes andere? Wir Menschen töten nicht nur aus Notwendigkeiten wie Hunger, wobei nicht einmal das eine sein müsste, wir töten aus Versehen, aus Hass, aus wirtschaftlichen Gründen, für Macht, für Schönheit, aus Faulheit, aus Angst. Wir töten einander, töten Tiere, töten Pflanzen, töten uns selbst, töten irgendwann die ganze Welt. Liegt das Töten in des Menschen Natur?
[/font][/size]

*[size=1]1[/size] Fliehende Stürme - Bandit
Adorele 28 novembre 2006

[size=3][font=garamond]Und in der Langeweile des Vormittages, durchzogen von aufgezogenen Abläufen, fand sie es durch zufall, krallte sich beim Lesen daran fest, konnte es nicht vergessen.

Voilà:

[i]"Wie kann man den Menschen einen geistigen Sinn,
eine geistige Unruhe wiedergeben.

Etwas auf sie herabrieseln lassen,
das einem Gregorianischen Gesang gleicht!

Wir können nicht mehr leben von Eisschränken,
von Politik,
von Bilanzen und Kreuzworträtseln.

Wir können es nicht mehr.

Wir können nicht mehr leben ohne Poesie,
ohne Farbe,
ohne Liebe.

Es gilt wieder zu entdecken,
daß es ein Leben des Geistes gibt,
das noch höher steht als das Leben der Vernunft
und das allein den Menschen zu befriedigen vermag."[/i]*[/size][size=1]2[/size][/font][font=garamond][size=3]

Und auf die hörbaren und gekritzelten Worte anderer lauschend und schielend, beginnt sie die Meinung zu teilen, dass nur manche sich von der Unruhe berühren oder überhaupt erst errreichen lassen. Sich den Kopf über Dingen zerbrechen, die ihnen eigentlich egal sein könnten und es doch nicht sind. Sie kennt wenige von dieser Sorte persönlich, traut sich nicht, sich selbst dazu zu zählen, weil sie sich dann wie eine Heuchlerin vorkommt, weil sie oft auch nur über sich selbst nachdenkt.
Aber eigentlich weiß sie, dass man sich nicht mit anderen vergleichen soll, hat sie doch gelesen und auch schon am eigenen Leib erfahren, dass das nur zu unnötigem Konkurrenzdenken führt, das Menschlichkeit manchmal in eine Ecke des Geistes verbannt - wenn auch nur einen Moment - und selbst verbittert oder eitel macht. Sie will versuchen etwas zu verändern, doch oft hat sie das Gefühl, es sei sinnlos und in den Augen mancher sogar lächerlich.
Aber wieso sollte sie die anderen kümmern, wenn es darum geht, nach eigenen Maßstäben zu entscheiden?
Sie ist verwirrt, fühlt sich meist machtlos und hat das beschämende Gefühl, dass die winzigen Taten ihrerseits nur kleine Wassertropfen auf den heißen Stein sind, den manche doch so gezielt zu ignorieren wissen ...[/size][/font]

*[size=1]2[/size] Antoine de Saint Exupéry
[size=2]Textteile, sowie der Titel fehlen noch, werden aber nachgereicht[/size]
Adorele 1[size=1]er[/size] décembre 2006

[font=garamond][size=3][b]Annette[/b][/size][size=2]

[u]Was sie mag:[/u]
- Bäume, die ihre blattlosen Äste dem Sonnenuntergang entgegen raufen
- Alte Fabriken, deren aufsteigender Rauch manchmal wie weiße klare Wolken in den grauen Himmel gepulvert werden, um sich mit ihm zu vereinigen
- geschliffenen Gläser gefüllt mit Wasser, die im Sonnenschein das Farbenspektrum an die Wand werfen
- Stundenlang mit Zügen durch die Weltgeschichte gondeln
- Klassische Musik nicht nur zu hören und zu sehen, sondern sich in jeder Note verlieren

[u]Was sie nicht mag:[/u]
- Regentropfen die Nachts beim Einschlafen durch stetig durch die Regenrinne tropfen
- Hektik, die sie manchen Tages packt, aussaugt, ermattet und leer zurücklässt
- Lange Fingernägel zu haben, durch die man beim Greifen und Fühlen behindert wird
[/size][size=3]
Sie zieht Unfälle magisch an, ist regelrecht prädestiniert dafür wie ein Crash-Test-Dummie. Früher Knochenbrüche und Schrammen an den Gliedmaßen. Heute blaue Flecken vom Klavier und fremden Fingern, Blasen mit Wasser gefüllt und Schwielen an den Beinen von jeglichem Schuhwerk, Brandwunden von Haushaltsgegenständen.
Doch selten bleibt ein Schmerz zurück, der bis unter die Haut geht. Bei den richtigen Unfällen bleibt sie stets unversehrt. Jedes Mal hört sie, wie Menschen ihr sagen, sie hätte Glück gehabt, einen Schutzengel. Sie glaubt nicht an Glück, sie glaubt nicht an Schutzengel. Sie kann es sich nicht erklären, doch sie weiß auch nicht, ob es notwendig ist ...[/font][/size]
Adorele 3 décembre 2006

[font=garamond][size=3][b]Annette[/size][/b][size=2]

[u]Was sie mag:[/u]
- Stundenlanges Fahren im Zug
- In der Anonymität der Menschenmassen untertauchen und sich aus zu leben
- Ihrem kreativen Geist endlich ein Ventil zu geben
- Nähe spüren, aber nicht aussprechen
- Menschen zu erleben, die sich für etwas einsetzen, mit Herz/Seele

[u]Was sie nicht mag:[/u]
- Der Rausch, den das bevorstehende Weihnachten in der gewaltigen blinden Herde erzeugt und der einen nahezu überwalzt
- Zwischen diesen Mädchen so unscheinbar, neutral und einfach zu wirken
- Dass manche Tage ein Ende haben
- Die Grausamkeit des Menschen
[/size][size=3]
Ein langer Tag war es für sie, aber sie wird ihn behalten, in ihren Gedanken, in ihren Zukunftsfreuden und -visionen.

Es begann mit dem Aufstehen um 4.30 Uhr, als die Welt noch in den dunklen Mantel der Nacht gehüllt ruhte. Nur die Sterne blinkten leise und wissend als sie eine Stunde später zu Fuß das Haus verließ um Richtung Bahnhof zu marschieren, wo sie das metallene Ungeheuer auch schon erwartete. Sie war die erste auf dem Bahnsteig, atmete noch einen vollen Zug Luft ganz tief in die Lunge ein und stieg dann ein. Ein Fensterplatz gegen die Fahrtrichtung sollte es sein, wie jedes Mal, wie bei jeder der unzähligen Fahrten ins Ungewisse.
Minuten, Stunden und Kilometer um Kilometer Landschaft zogen an ihren Augen vorbei, vermischten sich durch die Geschwindigkeit leicht, wenn sie nicht genau hinsah und langsam rang sich der graue ruhige Morgen durch.
Sie kannte ihr Ziel; galt es nur noch, dorthin zu gelangen. Tausend Schritte und mehr, mal in die falsche, mal in die richtige Richtung. Mit vor Hoffnung geröteten Bäckchen stand sie vor den Toren des großen Gebäudekomplexes und trat die Stufen hinaus, aus den Augenwinkeln, die jungen schnatternden Mädchen um sie herum betrachtend.
Im Inneren, im Bauch und Herzen, des Hauses kam sie sich vor wie ein unscheinbares Bauernmädchen aus der tiefsten Provinz. Doch was sie sah, war, was sie wollte und das war wichtiger, als die Menschen, die hier waren. All die Eindrücke bestärkten sie, auf diesem Weg zu bleiben.
Mit nun fest gefassten Entschlüssen verließ sie dieses Spektakel wieder, nachdem sie sich kurz mit einer der Angehörigen ausgetauscht hatte, die genauso einfach und zwischen den glitzernden und glamourösen Gestalten leicht verblasst wirkte. Dann zog es sie an einen anderen Ort.
Sie stürzte sich ins Chaos, der reißenden Menschenmengen beim Weihnachtseinkauf. In zwei Buchläden verbrachte sie mehr Zeit, als in allen anderen Geschäften, die sie meist überhaupt nur von außen beäugte, und kaufte schließlich „Le petit prince“, ein Buch, das man in jedem Alter und immer wieder lesen kann. Sie versank zwischen all den abgedruckten und eingebundenen Worten, wälzte sich langsam an den Unmengen von Buckrücken vorbei, fasste ab und an einen heraus.
Dann kehrte sie zurück in die Realität, die nicht nur aus gekritzelten Phantastereien und fremden Biographien besteht, zurück auf die wimmelnde Straße, auf der sich alles zu regen und bewegen schien. Hektik, da außerhalb von ihr, doch dank der ruhigen Musik in ihrem Ohr, nur sanftes Genießen, das sich breit machte. Lautlos die Lippen zu den Texten bewegend, hin und wieder die Augen etwas länger schließend schritt sie weiter bis sie an einem Laden vorbei kam, der Kleidung verkaufte und wegen Pelzhandels von Tierschützern boykottiert wurde. Sie sah, die Bilder, kannte die Worte, die auf den Plakaten und Broschüren standen, wusste um die Unmenschlichkeiten, die da irgendwo im Osten vor sich gingen und kam sich wieder hilflos vor. Sah die pelzlose nackte und blutüberströmte Haut, der unschuldigen Tiere, wie damals in diesem Video, mit dem gleichen Erschrecken. Tränen drückten sich die Tränenkanäle hinauf und wurden von ihr fest hinunter geschluckt. Dann ging sie weiter, mit den eingesammelten Informationstexten in der Hand und es ließ sie nicht los. Sie marschierte an den prunkvollen Auslagen vorbei, fragte sich, was das alles sollte. Wo die ganze Ethik der Menschen bleibe, oder ob sie überhaupt einen Gedanken verschwenden, wenn sie maß- und zügellos, wie eine hypnotisierte Horde vor sich hin konsumieren. Und sie fragte sich, wo ihre eigene Moral und Diszipliniertheit war, wenn sie in ein Stück Schweinefleisch biss oder mit ihren Lederschuhen durch die Städte wanderte.
Wie weit konnte man gehen? Wo hört die Notwendigkeit auf?
Rein aus Spaß hatte sie mal zu ihm gesagt, wenn sie sterbe, möchte sie, dass man eine Handtasche und ein paar hübsche Schuhe aus ihrer Haut gerbe und man ihre Organe für die Notleidenden entnehmen solle, was sie allerdings ernst meinte.
Dann wurde es ihr zu blöd, sich sinnlos durch diese Flut an unnützen Waren zu graben und schlug einen anderen Weg ein.
Sie marschierte zum Parlament, vor dessen Toren sie sich auf das breite Steingeländer setzte und über die Stadt blickte. Einfach nur die Aussicht von dort genoss und ein Stück Himmel einatmete.
Nach einigen Augenblicken marschierte sie weiter. Vorbei an den alten Gebäuden, an den sogenannten Kulturgütern dieser Stadt. Gehen befreit sie. Sie läuft fast schon, aber es tut so gut. Niemand kennt sie dort, niemand hält sie auf, zu tun, wonach ihr der Kopf steht.
Sie lässt sich weiter treiben bis vor die Pforten der gotischen Kirche, mit ihren von außen dunklen Glasfenstern und den beiden hohen kunstvoll geformten Fronttürmen. Sie tritt ein, taucht ihre Finger ins geweihte Wasser und bemerkt keinen Unterschied. Sie zündet vor einem Seitenaltar eine Kerze für ihre verstorbene Großmutter Marie an, für die sie in der halben Alten Welt schon Lichter hinterlassen hat. Sie vergeht nahezu am Strahlen der bunten Glasfenster, an der Feinheit der Messingfarbenen Luster, die von der hohen Decke baumeln. Schade nur, dass niemand, wie beim letzten Mal, als sie hier war, die Orgel spielt und tönen lässt – nicht so düster, wie die Kirchgesänge, die sie kennt, sondern einfach nur Musik in den Ohren.
Dann verlässt sie das Gotteshaus, in dem sie Gott noch nie angetroffen hat – allem Anschein nach, ist er selten zu Hause – und geht in ein Café gegenüber. Sie liest nun die Blätter, die sie immer noch in den Händen trägt, während neben ihr eine Tasse heißen schwarzen Tees mit Milch auskühlt und Hitzeschwaden leicht kräuselnd aufsteigen. Sie kannte die Informationen die dort beschrieben stehen, schon in Umrissen, doch die genauen Fakten erschüttern, erzeugen ein unwohles Gefühl irgendwo zwischen Magen und Herz.
Eine Stunde später findet sie sich am Bahnhof wieder, in der Kälte auf die alten ausrangierten Waggons wartend und vor sich hin fröstelnd. Sie ließt Wilhelm Hauff und dann überfällt sie eine Müdigkeit, die sich im Zug fortsetzt. Im Sitzen zusammengekauert schläft sie einige Zeit.
Als sie ankommt, holt er sie ab.
Resigniert lauscht sie seinen Worten, die nicht verstummen wollen und nur von sich erzählen. Sie will ihm ja zuhören, doch insgeheim ärgert es sie, dass es ihn wiedermal nicht interessiert, was sie so getrieben hat. Er bringt sie nach Hause, wo sie sich erst einmal in die Polstermöbel sinken lässt, um einen Moment zu verschnaufen. Minelle ruft sie ungeduldig an, wann sie kämen. Auf der anderen Seite wartet Juilette darauf, dass sich ihre Schwester mit ihr unterhält, sich von dem ganzen Stress und der Aufregung erzählen lässt. Die Zeit läuft und Minelle klingelt erneut. Annette schämt sich, weil sie immer noch nicht auf dem Weg waren, doch dann erfährt sie, dass Minelle und ihr Freund sich der Kälte geschlagen geben und abziehen – ob sie noch einen Sprung mitkäme? Doch eigentlich will sie nicht mehr, sie möchte endlich zu Hause sein. Sie hofft, Minelle verstünde sie.
Dann ziehen Annette und Maurice los. Hinaus in die stockfinstere Nacht, einen Film zu holen um noch ein bisschen vor dem Fernseher zu verblöden.
Der Abend verläuft, wie gewöhnlich, nichts ist anders als sonst.
Zwei Leiber, deren Lungen die Luft scharf und außer Atem aufsaugen. Nackte rosa Haut, die sich aneinander schmiegt.
Nach Stunden gefüllt mit Gespräch und Berührung löschen sie das Licht und sie dreht sich zur Seite, mit dem Gesicht zur Wand, weil sie nur so einschlafen kann.
Irgendwann inmitten der Nacht erwacht sie und merkt, dass Maurice im Schlaf immer näher herüber gerollt sein muss und nun ganz nahe bei ihr sanft atmend schläft. Im leichten Mondschein, der durch die Jalousien bricht, sieht sie sein von Entspannung geglättetes Gesicht, seine Brust, die sich bei jedem Atemzug weich hebt und senkt.
Dann schläft sie weiter – so tief und fest wie ein Stein.
Sie wachen zugleich auf, sehen sich an. Lippen auf Lippen, grünblaue Augen, die in grünblaue Augen blicken, ihre Finger, die über sein Gesicht, durch sein Haar streichen. Seine Arme, die sie umfassen. Dann legt sie ihren Kopf an seine Brust, hört sein kleines Herzchen einige Schläge lang zu und schläft zum ersten Mal in seinen Armen ein. Sie konnte das nie. Wollte das nie. Hat nie gewollt, dass er sieht, wie sie schläft und sich doch geärgert, wenn sie stundenlang wach neben ihm lag; wollte ihm selbst im Schlaf noch ihre Freiheit vermitteln.
Er sagt ihr, er habe sie fürchterlich gerne, doch sie sieht ihn nur an, streicht langsam über seinen Kopf und Rücken und sagt nichts.[/font][/size]

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