| mathisschwester | schon länger hege ich eine kleine, leise leidenschaft: alte photos. stolze schwarz-weiß-bilder, verwackelte, winzige schnappschüsse voller leben. diese kleinode mit gezacktem rand haben es mir so sehr angetan, dass ich auf flohmärkten an den photokisten und -alben einfach vorbeigehen kann. am liebsten würde ich ihnen allen ein zuhause geben und sie ehren und ihnen den respekt entgegenbringen, den sie verdient haben. aber ich muss mich nunmal leider entscheiden für ein paar wenige, die ich dann mit nach hause nehmen kann. am letzten sonntag war ich mit julia auf einen riesigen trödelmarkt in kassel. ich war auf der suche nach kleinen, alten bilderrähmchen für meine persönliche ahnengalerie. an einem der stände fand ich aber etwas ganz anderes. ein soldat in uniform lächelte mich hoffnungsvoll aus einem pappkarton an; wie alt mochte er sein? vielleicht 20? behutsam zog ich das stückchen papier heraus und betrachtete den jungen mann. von diesen bilder geht so ein besonderer zauber aus. wenn man sie in der hand hält, kann manden puls der menschen fühlen, die abgebildet sind, das rascheln der bilder klingt wie der atem alter zeit. schon eine einzige berührung genügt, dass ein ganzes leben durch mich hindurchschießt, mit all der wut, der trauer, dem schmerz, der liebe, dem lachen. ganz besondere bilder ziehen mich magisch an - schon bei der ersten berührung bekomme ich eine gänsehaut und weiß es: das ist das richtige. mit tränen in den augen stehe ich da und sehe mir eins nach dem anderen an. auf manchen ist hinten etwas vermerkt. [I]frankreich, 1942 [/I] - [I]in erinnerung an unseren lieben kameraden hans, gefallen am 28.oktober 1943 russland[/I] - [I]liebe weihnachtsgrüsse von eurem sohn[/I] - drei ganz ähnliche bilder zeigen jeweils ein grab die worte dazu rühren mich sehr [I]liebe frau w., ihr sohn war mir stets ein guter kamerad und freund. ich werde ihn sicher nicht vergessen. mit den besten wünschen verbleibe ich, ihr hermann e.[/I] . er verschickte ein stück gewissheit an die familien in der heimat. was wohl aus ihm selbst geworden ist? es treffen mich hunderte blicke. voller hoffnung, liebe, friede, enttäuschung, kälte, resignation, angst, ungewissheit, freude, erleichterung, beklemmung. die emotionen pochen durch meinen körper und ich würde all die bilder am liebsten umarmen und halten und ihnen zuflüstern [I]alles ist gut, keine angst, alles ist nun gut.[/I] ich stosse auf ein hochzeitsphoto und muss lachen. das paar auf den bild steht stocksteif und reichlich verklemmt da; sie versucht ein lächeln anzudeuten und er weiss scheinbar nicht so recht, wie ihm geschieht [I]19. mai 1943[/I] kichernd blättere ich weiter und finde noch zwei andere bilder von der hochzeitsfeier. da sitzen die beiden (schon sichtlich entspannter - vielleicht gab es schon einen korn) inmitten der hochzeitsgesellschaft, sie hakt sich bei ihm unter, berührt ihn dabei aber nicht wirklich, er hat die hände auf dem schoß gefaltet. ob die beiden wirklich heiraten wollten? frage ich julia. wir spekulieren ein wenig hin und her und in mir kommt die frage auf, ob sich die beiden wohl jemals wiedergesehen haben. auf dem boden des pappkartons liegt in staub und flusen ein winziger schnappschuss; nur wenig grösser als ein passbild, aber die szene rührt mich tief. ein zug mit offenen wagontüren, auf den gleisen ein junge mit holzpantinen, der mit einem grossen taschentuch winkt. eine frau reicht einem der soldaten, die schon im zug sind, etwas kleines weisses. was es ist kann ich nicht erkennen, aber die nebelige szenerie lässt mich kaum los. ich kaufe einen stapel bilder und lege andere bilder wieder wehmütig zurück; eine kette aus 5 untergehakten soldaten am strand, weihnachten '42, die bilder mit den gräbern (worüber ich mich noch am selben tag sehr ärgern werde),... lange schlendern wir über den trödelmarkt. als wir schon fast dabei sind zu gehen, werde ich doch ncoh ein mal schwach und wühle in einem körbchen mit bildern, die eine verbissen dreinguckende frau anbietet. 'die sind alle antik' bellt sie rüber. ich nicke freundlich und denke mir meinen teil. was aber noch viel interessanter ist, als die bilder, die meist nur landschaftsaufnahmen sind, ist ein pappkarton mit briefen - feldpost. grünlich-graue kuverts. es mögen so an die hundert stück sein. einen ziehe ich heraus und hoffe, dass ich ihn lesen kann. er schreibt an sein 'frauchen' und freut sich, dass die kinder so schnell wachsen. fragt sich, wie es der grossen geht und wie der kleine wohl aussehen mag (seinen sohn scheint er noch nicht kennengelernt zu haben). er ist in frankreich, weiß nie so genau, wo wirklich und hofft, bald wieder nach hause kommen zu können. ich lese mehrer briefe in der brennenden hitze, die er alle mit 'grüsse an alle' schließt. die verkäuferin scheint ein geschäft gewittert zu haben und erzählt laut und plump, dass das der schwager ihrer schwiegermutter war. "fümmunfürzich isser dann noch gefalln" sagt sie kaugummikauenderweise. ob denn eins von den bildern ihn zeige, frage ich und sie verneint. eins der bildchen hat es mir angetan; ein vielleicht 17 oder 18 jähriger mit grossen, wachen augen. ich frage, was es wohl kosten solle. nach einem kurzen moment lügt sie "ach, das isser ja" und sie würde das bild lieber mit der feldpost zusammen verkaufen. ich lege das bürschchen mit den wachen augen behutsam auf die briefe, bedanke mich und wünsche der frau, die sogar ihre grossmutter verkaufen würde, einen schönen tag. ich bereue, dass ich sie nicht gekauft habe - was für ein dokument! eine komplette korrespondenz. aber irgendwie fühle ich mich betrogen. auf unendlich vielen flohmärkten, in pappkartons und zigarrenkistchen warten alte bilder, denen ich einen ruhigen und würdevollen lebensabend schenken möchte. das schwierigste dabei ist, zu entscheiden, wer mitkommen darf und wer nicht. zu hause untersuche ich die gesichter mit einer lupe, suche nach details und hinweise auf das wesen der menschen, die dort abgebildet sind. jedes bild erzählt so unendlich viel und möchte einfach nur gehört werden. [SIZE=1]und wenn man ganz, ganz leise ist, dann hört man sie flüstern...[/SIZE] |
| christopher.W | Das klingt wirklich sehr schön, was du da schreibst und auch ich höre manchmal dieses leise Flüstern. Leider viel zu selten, ist es doch oft viel zu laut um mich herum. Und manchmal ist es auch zu laut in mir ;-) Liebe Grüße C. |
| Seneca | Warum nur, muss ich dabei an's heute denken...soche Briefe gibt es auch heute wieder....leider auch die Briefe von Vorgesetzen, die erklären sollen, warum ein Mann aus ihrer Einheit nicht vom Hindukusch zurückam...aktuelle Fälle wurden mir erst kürzlich durch noch alktive Kameraden bekannt. Selbst wenn man sie nie zu den Freunden gezählt hat, so bestürtzt es doch, die Traueranzeigen des Battallions zu lesen, in denen Namen stehen, zu denen man die Person kannte. In der Presse erscheint so etwas nur noch als Randnote...es ist heute wieder völlig normal, das deutsche Soldaten im Auslandseinsatz ums's Leben kommen... |
| Nightclaw | Ja ihr habt recht aber gerade wenn man Soldaten im Auslandseinsatz kennt sehnt man sich herbei das sie wiederkommen. Und wenn es nur ein Brief ist. ich kenn das vo einer Bekannten ihr Freund ist im Ausland. Sie hofft jeden Tag das der nächste Brief nicht der letzte ist. Wer weiß wie man reagieren würde wenn man eine Peson die man selbst kaum kannte plötzlich über seine Briefe kennenlernt und sich wünscht mehr Zeit mit dieser Person verbracht zu haben? Wie ist es wohl zu wissen das viele sterben ohne das es je einen Abschiedsbrief gibt. Gefallen in einem Land dessen Namen wir nicht kennen bei einem Einsatz der nie bekannt werden wird? |
| Seneca | [QUOTE][i]Original geschrieben von Nightclaw [/i] [B]Wie ist es wohl zu wissen das viele sterben ohne das es je einen Abschiedsbrief gibt. Gefallen in einem Land dessen Namen wir nicht kennen bei einem Einsatz der nie bekannt werden wird? [/B][/QUOTE] Genau das stellt leider die derzeige Realität dar, wie sich immer mehr herauskristalisiert. |
| mathisschwester | das wühlen auf dem virtuellen flohmarkt ebay beschäftigt mich nun tag für tag. noch mehr von ihnen zu retten - das ist das einzige, was ich im kopf habe, wenn ich die seite anklicke. ich kenne mich aus in 'meiner' rubrik, weiss genau, worauf ich achten muss. aber es ist anders, als wenn man über einen pappkarton gebeugt steht - man kann sie nicht [I]fühlen[/I]. man kann ihnen nicht zuflüstern und blickkontakt mit ihnen aufnehmen. mit den meisten jedenfalls nicht. ausser mit peter. peter hat mein herz innerhalb dem kürzesten, was ein moment zu bieten hat, ergriffen. sein bild schwebt den ganzen tag neben mir. ich spüre seine unermessliche angst, die um mich wie eine grosse bedrohliche, aber unsichtbare wolke wabert. ich fühle seinen ganzen körper zittern und fürchte mich davor, ihn irgenwann ganz, ganz leise schluchzen zu hören. er steht oder sitzt vor einer klassisch grauen pappwand, die lippen aufeinander gepresst, die augen tränengefüllt. so unendlich viel angst und hoffnunglosigkeit... auf der rückseite steht: [I][COLOR=white]Tausend Grüße Dein Peter. Russland (den Namen der Stadt kann ich nicht genau lesen) 14.9.41[/COLOR] [/I] es muss einmal in einem album geklebt haben, denn in den ecken sind kleberreste zu erkennen. jemand muss es liebevoll eingeklebt haben - entweder erleichtert oder voller trauer. noch bevor die auktion ablaufen sollte, wurde sie beendet - auf mein nachfragen bekam ich die antwort, dass entweder die besitzerin selbst oder ihre putzfrau das bild verlegt oder weggeworfen habe. eine herbe enttäuschung - es ist ein wenig so, als hätte ich dich verloren, peter. ich hielt schon deine hand, um dich mit mir zu nehmen und nun bleibt mir nur das bild auf dem monitor... sollte das originalbild nicht mehr auftauchen, werde ich es ausdrucken und trotzdem liebevoll behandeln - denn nach alldem, was dir wiederfuhr hast du es verdient. [I][COLOR=white]Tausend Grüße[/COLOR] [/I] |
| mathisschwester | stunden um stunden habe ich bei ebay verbracht, habe auktion um auktion angeklickt, betrachtet, gelesen, entziffert, abgewogen. gestern bin ich bei den sogenannten deathcards hängen geblieben - sterbebilder. sie lassen keinen raum mehr für die spekulation darüber, ob sie wohl überlebt haben; aber sie lassen meine gedanken oft an die familien gehen. wenn man behutsam zwischen den zeilen liest, kann man so manchen unterton erkennen. laute töne, wie 'den heldentod gestorben', 'für führer, volk und vaterland' oder 'in soldatischer pflichterfüllung' donnern los - aber nach den kleinen verletzten tönen muss genau lauschen: 'zwangseingezogen zur ss wurde sein 19 jahre junges leben aus unserer mitte gerissen.', 'in stiller trauer fliegt mein herz gen osten, wo du in der kalten, fremden erde liegst, um dich zu halten und zu trösten - mein lebtag werd' ich dich nicht vergessen.'... viele sehen sehr viel älter aus, als sie eigentlich waren; verbraucht. eine fixe idee schleicht sich bei mir ein....eine art patenschaft. bei einigen deathcard steht der genaue ort der beisetzung - ich möchte einen von ihnen besuchen, einen, zu dem ich eine 'bindung' habe. dirk kommentierte das ganze mit 'geh aufn friedhof, da liegen doch hunderte...'. aber so meinte ich das nicht - es muss ein bestimmter sein. so schicke ich mich an, ihn zu finden...denn auf so vielen karten steht 'denn nur wer vergessen wird, der stirbt wirklich'. ich mag euch nicht vergessen. |
| docsfan | eine kiste mit ähnlichen Fotos und Briefen fand sich bei uns auf dem Dachboden. Beim Durchsehen stellte sich heraus, dass es nicht nur Fotos und Briefe eines jungen Mannes waren, den der Krieg eingeholt hat und der als Soldat um sein Leben fürchten musste, sondern das dieser junge Mann eben mein Großvater war. Seit dem habe ich immer zwei Bilder von ihm im Kopf, einmal so, wie ich ihn kannte und dann so, wie er auf den Bildern schaut und aus den Zeilen der Briefe durchblickt. |
| Maternus | habe mir in meinem beruf als mobiler hospizpfleger viele alte alben und briefe anschauen müssen. das ging soweit, daß ich mir sogar die sütterlin-schrift angeeignet habe. so viele photos, karten, briefe und wünsche. es ist doch erstaunlich, was die soldaten damals nach hause geschrieben haben. da fragt man sich: ging das nicht durch eine zensur? da wird vom überdrüssigsein, vom töten und elend berichtet und die briefe und bilder kamen trotzdem in der heimat an. interessant. habe jetzt zwei gute freunde im einsatz der ksk in afghanistan...letztes jahr, im dezember, kam eine postkarte mit einem bild von einem deutschen schützenpanzer mit einem weihnachtsbaum, der aus der luke schaut. und obendrauf (anstelle eines weihnachtssterns) das stofftier, daß ich ihnen als maskottchen mitgegeben hatte. und obwohl das bild nicht alt oder in schwarz-weiß ist: es gibt motive, die lassen einen auch so erschaudern. |
| Tsafried | [QUOTE][i]Original geschrieben von Maternus [/i] [B]letztes jahr, im dezember, kam eine postkarte mit einem bild von einem deutschen schützenpanzer mit einem weihnachtsbaum, der aus der luke schaut. und obendrauf (anstelle eines weihnachtssterns) das stofftier, daß ich ihnen als maskottchen mitgegeben hatte. und obwohl das bild nicht alt oder in schwarz-weiß ist: es gibt motive, die lassen einen auch so erschaudern. [/B][/QUOTE] es sind wohl diese kleinen, unscheinbaren Dinge, die die größten Emotionen auslösen... ein Stofftier auf einem Panzer... ich erinnere mich, wie ich sie geliebt habe, meine kleinen Stofftiere, selbst die billigen vom Kiosk oder von der Tankstelle... ein blauer Hund... wer machte mir die Nächte voller Angst erträglich? Angst vor den Dingen, die ich sah, und doch nicht verstand, vor Krieg, vor Tod, Feuer, Entführung... soviel Angst... und nichts als nachts eine Lampe und die Stofftiere... wie glücklich war ich, als ich einmal eines auf der Straße fand, es lag beim Garagenhof auf einem Kiesweg... so eine Art Eidechse, ganz bunt, mein Liebling... Stofftier, allein dieses Wort, es ruft so viel Erinnerung hervor... vergessene Vergangenheit, irgendwo begraben, aber wohl doch nicht ganz vergessen... sonst würde ich dieses kleine Stechen im Herz nicht spüren, Zeiten, die anders waren... voller Angst, aber auch voller Freude... Erinnerungen... |
| Lady Luzilla | Was ich mit am traurigsten finde ist das diesen Persönlichkeiten auf den Photos heutzutage von vielen Menschen ins Gesicht gespuckt wird. Wie wollt ihr wissen naja wie viele sagen auf den blauen dunst hinaus ...schei.. Soldaten die deutschen soldaten waren alles verbrecher usw. ich kann das immer nicht hören,auch wir haben alte fotoalben mit schwarzen scherben von im Krieg gefallener Verwandten und dessen Kamaraden, diese sind für ihre Sache gestorben (und mal ganz davon ab dem deutschen Volk ging es damals wahrscheinlich besser als heute)Mannchmal habe ich das gefühl das sobald man gut von deutschen Soldaten spricht man gleich als rassist abgestempelt wird!!Aber wenn ich noch die worte meines Opas hörte wie er mir geschichten von damals erzählte muß ich mich fragen ob das ganze schlechte was man immer so in den Zeitungen liest wirklich immer ganz die wahrheit ist??!! Ich glaube nicht, ich bin der Meinung das es bestimmt auch schwarte Schafe unter den deutschen soldaten gab aber der Großteil denke ich war im Herzen gut und sie haben genauso wie jede andere Armee der Welt nur versucht das beste aus ihrer lage zu machen um vieleicht doch ihre Familie wiederzusehen! Lady Luzilla |
| mathisschwester | es ist sehr schön zu sehen, dass mein nebelpfad auf interesse stößt, aber seid bitte so lieb und macht aus diesem leisen thread keine politische und soziokulturelle diskussion... [I]noch immer bin ich auf der suche. auf der suche nach meinem 'patenkind'. stundenlang klicke ich geduldig jede ebayauktion an, immer in der hoffnung 'ihn' zu finden. ich habe mich gestern zur eheramtlichen mitarbeit in einem online-portal gemeldet und bin gespannt, was mich erwartet. erwartet: ich habe feldpost ersteigert und brenne darauf, die grüngrauen und blaugrauen, dünnen kuverts endlich in händen zu halten. aber ich schäme mich ein wenig, solch private korrespondenz zu lesen. ich freue mich auf das burgtreffen am wochenende - auf die netten menschen, die mich erwarten und auf den kleinen friedhof ein stückchen unterhalb der burg. ich werde den jungs aus deutschland, belgien, polen, frankreich, jugoslawien, littauen und russland ein kleines geschenk mitbringen. als geschenk für das forumwerde ich eine komplette namensliste anfertigen... um vielleicht einem hinterbliebenen etwas gewissheit zu geben.[/I] |
| mathisschwester | [I]heute gehen sie auf ihre letzte reise - die feldpostbriefe, die ich bei ebay ersteigert habe. ein letztes mal werden sie also verschickt, wenn auch mit vollkommen anderen hintergründen und absichten. ich bin gespannt, was mich erwartet und ich hoffe, dass ich sie auch tatsächlich lesen kann. zur not habe ich in den letzten tagen sütterlin geübt, sollten sie so verfasst sein. seit gestern bin ich nun auch freier mitatbeiter in besagtem forum; und ich fühle mich noch keinen deut hilfreich. das mag vielleicht mit der zeit kommen... aber nun werde ich morgen sehnsüchtig am fenster stehen und darauf warten, dass mein briefträger martin mir ein päckchen bringt - wie mag es sich anfühlen, auf post von der front zu warten; tag um tag und jedes kopfschütteln einen stich ins herz gibt...[/I] |
| mathisschwester | burgtreffen, samstag vormittag, die sonne brennt schon heiss vom himmel - es wird ein wunderschönber tag; die nachtweltler auf dem zeltplatz sind entspannt, fröhlich und gut gelaunt. ich lächle, wünsche spätaufstehern, die aus ihren zelten kriechen einen guten morgen und höre. höre, was um mich herum gesprochen wird. höre, dass gelacht wird. höre auch ernste worte. und höre in mich hinein. in mir drin herscht [I]absolute stille[/I] - so still, dass ich mich fast erschrecke. kein badumbadumbadum des eigenen herzens, nicht das euphorische rauschen des blutes in den adern und nicht den strömenden atem. einen moment lang überlege ich, ob das die [I]totenstille[/I] ist. ich habe mir viel vorgenommen und während ich den weg bergab nehme, läuft mir schon der schweiß am rücken entlang. ich habe ein wenig zeit, um die eindrücke der natur in mich aufuznehmen auf meinem weg zu den kriegsgräbern unterhalb der burg. ich lächle in mich hinein. eigentlich liegen sie hier in einem schlaraffenland: die kirschblüte im frühjahr ist so überwältigend, wenn die luft vom summen der bienen erfüllt ist und man anhand der wundervollen blütenpracht sich schon gedanklich den ersten kirschkuchen bäckt. wenn die kirschen dann im sommer reif sind, möchte man an keinem anderen ort der welt sein, als in der zweigen der bäume und sanft mit den roten kleinoden schaukeln. im spätsommer liegt dann der herrliche duft von rotbackigen äpfeln, samtig-blauen pflaumen und gelb-süßen birnen in der luft, die einem nahezu in den mund wachsen; der inbegriff von [I]ernte[/I]. wenn der herbst dann über die sanften hügel ins land zieht, sitzen pilze im moos. wiesenchampignons, steinpilze, pfifferlinge, maronenröhrlinge - alles, was das herz begeht. ja, eine wunderbare flora und fauna hat sich hier breit gemacht. und hier, inmitten dieser reichen erde liegt ihr, meine lieben. soldaten, zwangsarbeiter, zivilisten. als ich das schmiedeeiserne tor, das sich in die runde mauer einschmiegt, betrete, scheint die zeit stillzustehen. ich lausche. mir ist, als habe die welt einen moment die luft angehalten, um mich diesen moment erfassen zu lassen. mit einem tiefen atemzug läuft sie dann weiter. die kleine digicam, die ich zu diesem zweck überlassen bekam ist vollkommener schrott und ich gehe nun doch so vor, wie ich es ursprünglich geplant hatte. mit papier und stift setze ich mich vor die kleinen messingplatten, die terassenartig wie die zuschauer in einem amphietheater vor mir liegen und aufmerksam lauschen. jede platte ein name, nicht immer rang und lebensdaten. schon nach wenigen platten tun mir die knie weh, auch wenn das moss, das den boden bedeckt hier besonders weich zu sein scheint. jeder muskel in meinem körper ist angespannt, eine zähne tun mir weh, weil die sie so aufeinanderbeisse. wieso bin ich nur so angespannt und verbissen; als gäbe di eerde einen bruchteil der qualen wieder, die die menschen in ihr erfuhren. diesen gedanken verwerfe ich schnell und versuche, entspannter fortzufahren. die mittagssonne meint es gut mir mir und ich schwitze. nicht auf jedem grab steht ein name, ganze reihen sind mit [I]'unbekannter kriegstoter'[/I] oder [I]'unbekannter deutscher soldat'[/I] gekennzeichnet. ich erwische mich dabei, wie ich diese gräber mit 'ukt' oder 'uds' abkürzen will und schäme mich in grund und boden. hat dieser mensch denn nicht auch das recht auf respekt - ich weiss, ich übertreibe es, aber es ist mir wichtig. immer wieder flitzen kleine mäuse zwischen den reihen hin und her und wundern sich über den seltenen besuch. rote eichhörnchen betrachten mich keck und eidechsen wärmen sich auf den platten. und wieder stelle ich fest: [I]was für ein herrlicher ort.[/I] in einer pause versuche ich, mir vorzustellen, wie es hier wohl 19. märz 1944 aussah. der tag, an dem xaver gschwend, neben dem ich im gras sitze, gestorben ist. flugzeugführer war er, steht da, am 30. mai wäre er 22 geworden. hunderte von schwarzweissbildern schiessen mir durch den kopf. du hättest einer von ihnen sein können... ich fühle mich seltsam beschützt an diesem ort - wo deutsche soldaten, neben russen, belgiern und jugoslawen liegen. um wieder an der gegenwart teilzunehmen, mache ich mich an den rückweg - die restlichen gräber werde ich sonntag katalogisieren. während ich bergauf gehe, lausche ich nocheinmal bewusst in mich hineinen, was mein herz mir zu sagen hat, ob es leicht ist, oder schwer. es will sich so recht nicht äussern und ich frage mich, ob ich wohl etwas 'falsch gemacht' habe. |
| mathisschwester | sonntag, abschiedstag. ich kann diese abschiedsszenarien nicht leiden, habe keine lust allen möglichen leuten wehmütig in die arme zu sinken. ich gehe lieber still und leise - wer mich kennt, wird es mir nicht nachtragen. 3 reihen liegen noch vor mir; der himmel verdunkelt sich zusehens und ich werde mich beeilen müssen, obgleich ich jedem einzelnen den entsprechenden respekt entgegenbringen möchte. es beginnt zu regnen und die tropfen durchweichen mein papier - ich versuche, es so trocken wie möglich zu halten. es dauert nicht lange und ich bin vom regen durchnässt, aber aufgeben will ich nicht. ich habe den eindruck, es schuldig zu sein und dieses bisschen regen ist nichts im vergleich... die letzten beiden gräber liegen vor mir - ganz oben rechts. dirk hat sich bei einer kleinen hütte untergestellt, als ich 'quietsch' höre. ich sehe die terrassen hinunter zum tor, weil ich dachte, es käme von dort. ein bisschen hatte ich gehofft, jemanden zu treffen, der hierher kommt - um jemanden zu besuchen, um nachzudenken, um zu helfen. aber das 'quietsch' kam von dirk, der einen in die mauer der hütte eingelassenen kasten findet. er winkt mir mit einem packen papier - ich gehe zu ihm rüber und kann 'namesliste' auf dem deckblatt erkennen. eine komplette liste mit belegungsplan, die bei der friedhofsverwaltung zu bekommen ist. ich stehe da, im regen, das wasser tropft von meiner nasenspitze herab. dirk sagt 'komm, wir fahren nach hause'. aber ich bin noch nicht fertig. zwei gräber der reihe 9 fehlen mir noch. ich gehe hinauf und schließe mein projekt mit einem punkt ab. auf der fahrt habe ich viel zeit, nachzudenken. ich denke an die feldpostbriefe, die ich mitgenommen hatte, um sie zu lesen. immer wieder ging ich zurück in unser zimmer, um den nächsten zur hand zu nehmen, der wie alle anderen mit [I]mein lieber günther[/I] beginnt. g. hat es schon passend ausgedrückt, als er mich lesend im zimmer antraf, während unten das burgtreffen in vollem gange war: "du kannst dich nicht so recht losreißen, hm?!" und während man sich unten auf dem zeltplatz mit der gegenwart und der zukunft beschäftig, sitze ich in einem turmzimmerchen und tauche in die vergangenheit ein...die vergangenheit von ilse und günther. |
| mathisschwester | viel arbeit liegt vor mir. bevor ich die toten des ludwigsteiners friedhof eingeben kann, muss ich sie mit den listen des volksbundes vergleichen. 294. ich merke schnell, dass es sich dabei um spannende detektiv-arbeit handelt. jeden namen lesen ich laut vor - was bei manchen russischen oder polnischen namen nicht einfach für mich ist - und gebe ihn sorfältig ein. sorgfalt ist oberstes prinzip, denn ein tippfehler kann eine existenz kosten. sollte der pc den namen nicht in der datenbank finden, muss geforscht werden. könnte johann unter 'hans' geerdigt worden sein? könnte alberts auch 'albers' heissen? ich vertausche buchstaben hin und her, lasse rs, ls und js weg oder füge sie ein. wenn gar nichts hilft, gebe ich nur die drei ersten buchstaben des nachnamen ein - minimum in der datenbank des volksbundes. nach stunden mühevoller, aber spannender suche erwartet mich eine erstaunliche bilanz, die ich erst traurig und dann hoffnungsvoll finde. 81. 81 menschen waren noch nicht katalogisiert. 81 schicksale, die seit dem kireg ungewiss waren. 81 leben, die unter vermisst schrägstrich verschollen verbucht wurden. 81 familien, die noch immer nicht wissen, in welcher erde der geliebte mensch liegt. bis heute. xaver gschwend ist auch unter den 81; er ist mir besonders ans herz gewachsen und ich glaube, dass er vielleicht mein 'paten-soldat' wird. ich vergleiche noch bis spät in die nacht meine daten mit den suchanzeigen im netz und hoffe, dass ich einem suchenden den vater, den grossvater oder den bruder wiederbringen kann. ich werde enttäuscht und habe das gefühl, noch lange nicht das erreicht zu haben, was ich mir wünsche: sicherheit zu verschenken... |
| rainraven | ...Dein Thread rührt mich. Wie ich so lese, bekomme ich Gänsehaut. Obwohl ich selbst Pazifistin bin, haben mich Bilder und ganz besonders (Dokumentationen über) Schicksale aus beiden Weltkriegen schon immer sehr betroffen und berührt. Diese ferne Zeit, die ich nur noch schwarzweiß und aus Erzählungen kenne, muß hart, einsam und schrecklich gewesen sein. Ich wünschte, Deine verlorenen Soldaten würden es irgendwie spüren, was Du ihnen als Fremde nach so langer Zeit an Gefühlen entgegenbringst, die sie damals wohl so nötig gehabt hätten. Was Du Dir vorgenommen hast, ist selten und auch etwas Besonderes. Ich wünsche Dir, daß Du mit Deinem "Projekt" wenigstens den Angehörigen etwas Gutes zurückgeben kannst. *und obwohl es vielleicht fehl am Platze ist, frage ich mich doch, ob es nicht manche Leute beunruhigen mag, nach so langer Zeit Nachricht von einer Fremden zu bekommen, die sich mit dem Schicksal längst vergessener oder verlorener Angehöriger befaßt? Vielleicht gibt es Menschen, denen dadurch auch alte Wunden wieder aufgerissen werden?* |
| mathisschwester | ich kann deinen einwand gut nachvollziehen. wenn man sich eingehend mit dem thema befasst, kommt man meist recht früh an den punkt, an dem man der meinung ist, die vergangenheit besser ruhen zu lassen. natürlich "nützt" es niemandem mehr, den bescheid zu erhalten 'ihr gatte ruht auf dem friedhof x in y. reihe z, grab nummer 328."und natürlich weiss jeder, dass die angehörigen tot sind und es keine chance auf wiederkehr gibt (anders als in den langen jahren nach dem krieg, als immer wieder längst totgeglaubte nach hause zurück kamen - oder ihre familien nicht wiederfanden). es geht um gewissheit. einfach nur das [I]wissen[/I] darum, [B]wo[/B] der geliebte mensch liegt. ein schönes beispiel: in polen fand eine familie in ihrem garten knochen und begann aus neugier zu graben. dabei stiessen sie auf die sterblichen überreste eines deutschen soldaten, der anhand seiner erkennungmarke identifiziert werden konnte. ein paar alte leute konntens ich daraufhin sogar noch erinnern, dass an der strasse immer wieder deutsche soldaten oft in aller eile ihre kameraden beerdingten. so konnten wir also der witwe einen brief schicken und ihr mitteilen, dass man ihren mann gefunden hatte und er nun auf dem örtlichen soldatenfriedhof begesetzt wurde. anbei bekam sie auch ein paar bilder des grabes und der friedhofsanlage; sogar einige zeilen der polnischen familie. daraufhin rief diese dame bei unserem organisator an und bedankte sich unter tränen der erleichterung für diese wunderbare nachricht. 'es tut so gut, nach all den jahren zu wissen, wo er geblieben ist. ich bin so froh, das noch erlebt zu haben.' waren ihre worte. sicherlich werden nicht alle so reagieren, aber die gewissheit bedeutet schon eine gewisse erlösung von nie endenden fragen und bohrender ungewissheit und zweifel. es freut mich, zu hören, dass menschen hier anteil an meinem tun nehmen, dass mein erleben berührt. und zwischen all dem zweifel ob meines doch recht aussichtslosen unterfangens, empfinde ich sowas wie milde liebe und zartes wohlwollen. wenn ich auf dem friedhöfen unterwegs bin oder am rechner sitze, sage ich jeden namen laut vor mir her, wider dem vergessen. es ist so schwer zu beschreiben, aber ich bin mir sicher, dass es die eine oder andere seele streichelt - egal in welcher hinsicht. und mir fällt wieder der spruch auf den sterbebildchen ein: [I]denn tot ist nur, wer vergessen wird[/I]. |
| mathisschwester | wie oft habe ich nun angefangen, von meinen eindrücken von der messe zu schreiben und habe es dann doch wieder gelöscht oder das fenster einfach zugeklickt... anfang november bin ich also mit meinem guten freund robert zur militaria-messe gefahren, weil er dort ohnehin einen ortstermin hatte und das war eine gute gelegenheit, um die 14€ eintritt herum zu kommen. als wir die erste der riesigen messehallen betraten, überflutete mich eine woge aus bildern, menschen und gerüchen. der zigarettenrauch und bratwurstdunst verzog sich nahezu unmerklich in den himmel der halle, aber da war etwas ganz anders... 'riechst du das?' fragte ich robert, obwohl ich mir sicher war, dass er nicht wisse, was ich meinte. er nickte nur 'so riecht die vergangenheit'. wir hatten uns schon öfter über dieses thema unterhalten; er ist archäologe und ich beneide ihn jedesmal, wenn er von grabungen erzählt - und davon, dass jede epoche anders riecht. und in dieser weiten halle, vollgestopft mit menschen roch es nach leder, schimmel, keller, lederfett, papier, etwas säuerlich, aber unendlich rund und traf mich genau im zentrum meiner neugier. ja, so roch nicht nur die vergangenheit, sondern auch neugier... robert zerrte mich im zickzackkurs quer durch die halle und ich hatte schwierigkeiten schritt zu halten und ihn nicht im getümmel aus den augen zu verlieren, denn die waren zu dem zeitpunkt überall. ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte. schuhe, photos, robert, rucksäcke, taschen, robert, verbandspäcken, blechdosen, robert, kartons, geschirr, robert, jacken, bücher, werkzeug, schilder, waffen, abzeichen, helme, menschen, menschen, menschen, robert...robert? - robert!! ich blieb stehen und sah mich um und musste feststellen, dass ich ihn tatsächlcih verloren hatte - und sofort kam in mir das gefühl auf, 6 jahre als zu sein und meine mama in einem riesigen fremden kaufhaus verloren zu haben. wärend ich die einheitliche menschenmasse nach etwas bekanntem abscanne, spüre ich die blicke. ich wusste zwar, dass der frauenanteil verschwinden gering sein würde, aber dass ich - mal abgesehen von ein paar verkäuferinnen an der wurstbude - die einzige sein würde, verunsicherte mich doch ein wenig. die blicke - mal verstohlen, mal ganz unverholen - trafen mich auch allen richtungen, als mich plötzlich jemand am arm packte. 'trödel nicht so' sagte robert und schob mich weiter. er drängelte fürchterlich und so blieb mir leider nicht die zeit und muße, die ich gerne in alle die stände investiert hätte. was allerdings auch sein gutes hatte, denn ich entdeckte zwei stände, die zweifelsfrei raubgegrabenes verkauften - leichenfledderer! schon alleine der gedanke daran ekelte mich und ich erschauderte bis ins mark; das waren sie also, die leute, die es uns unmöglich machten, leichen zu identifizieren, schicksale nicht aufklären zu können, niemals sicherheit geben zu können... angesichts der knappen zeit und meines schmalen geldbeutels, leistete ich mir 4 photos (ich hatte mich für 13 entschieden und musste nach und nach aussortieren - es war einfach zu viel geld) und ein rolletui für ein feld-op-besteck. anhand der innenliegenden lederschlaufen lässt sich noch ganz gut erkennen, welches instrument wo lag. die aufteilung werde ich so lassen. nun stehen seitdem zwei meiner neuerwerbungen immer auf meinem schreibtisch. jakob mit den segelohren; er mag vielleicht 19 sein, kaum älter. und der marinesoldat, den ich sofort in mein herz geschlossen hatte. weit älter, als die anderen, oft noch blutjungen jungs. als ich ihn aus einem bündel bilder herauszog, sah ich ihn vor mir in einem u-boot. welch merkwürdige assoziation, aber noch merkwürdiger war, dass robert sofort die selbe hatte.... wer weiß? tja, wer weiß denn nun tatsächlcih wirklich? |
| mathisschwester | seit tagen sitze ich nun am pc und suche.... diesmal keinen gänzlich unbekannten, ich weiss, nach wem ich suche, was die sache allerdings kaum einfacher macht. [I]6. armee[/I] als ich das las, war mir klar, dass es schwierig werden würde. natürlich brachten meine üblichen recherchen nichts - einen vermissten soldaten der 6. armee zu finden, das ist wie... ich denke an die 'letzten briefe aus stalingrad' und bilder durchfluten mich; unsagbare bilder. ich suche. ein kleiner vermerk bei der suche eines anderen bringt einen entscheidenden hinweis auf hilfe. ja, das ist eine möglichkeit, um an gewissheit zu kommen - keine garantie, aber eine chance. lieber r., ich möchte dir so gerne helfen, möchte, dass du dieses große kuvert aus moskau bekommst und es mit zitternden händen öffnen kannst. möchte, dass du endlich [I]weißt.[/I] |