| unwirklich | Dass das Leben eine Gradwanderung ist, haben schon viele Menschen gesagt. Für jeden ist der einzelne Grad etwas ganz persönliches, eigenes, das nur er benennen kann. Wo ich mich bewege, weiß ich selbst nicht so genau. Es ist eine Mischung aus jung Sein und erwachsen Werden, aus Fühlen und gefühlskalt Sein, aus nicht Können und können Wollen. Meistens umgibt mich die pure Verzweiflung, und dennoch fühle ich mich in einen rosa Wattebausch gehüllt. Es ist erwachsen zu werden und doch die Probleme aus anderen Gründen schöpfen. Mein größtes Problem bin ich. In den letzten Tagen habe ich in meiner neuen Wohnung gehockt und nachgedacht. Soviel hätte getan werden müssen, die Schränke abwaschen, das Bild fertigstellen, Hausaufgaben... aber meistens habe ich mich zu schwach gefühlt. Was mich mehr beschäftigte war ein junger Kerl, der immerhin fast 6 Jahre älter ist als ich und für eine Weile mein Freund war. Nach drei Monaten bin ich immer noch in ihn verliebt und natürlich weiß ich, dass es irgendwann vorbei geht, aber das nützt mir wenig, wenn ich im Hier und Jetzt lebe. Und dann ist Maria gesstorben und plötzlich dreht sich dieses Rad der Gedanken über Leben und Tod, über Gefühle, die plötzlich aus einem Menschen gewichen zu sein scheinen wie die Farbe aus seinem Gesicht und dieses Gefühl von WEG sein dringt kalt in meinen Körper ein. Tatsächlich scheint auch die Wohnung sehr kalt . Es gibt noch soviel zu tun. Manchmal bin ich voller Euphorie, doch nach kurzer Zeit spüre ich wieder diese bleierne Müdigkeit, die mich zwingt, in mir zu schlafen, ob wach oder nicht. Meine Müdigkeit ist mein Gefängnis, wer weiß, ob sie seelisch ist oder körperlich. Mir wird nur stets bewusst, wie alleine ich mich fühle. Freunde, die mehr Bekannte als Freunde sind und auf die ich nicht zählen kann, weil sie keine Zeit haben, sind ständig irgendwo anders, nur mich rufen sie nie an. Mein Freund bietet mir seine Hilfe beim Umzug an, aber bei dem wahren Umzug kann er mir nicht helfen. Dennoch denke ich so oft :"Gib mir eine Hand", weil ich weiß, dass ich die vielen Verantwortungen nicht mehr tragen kann. Meine ganzen schriftlichen Klausuren sind zu schlecht für meine mündlichen Leistungen, die Wohnung ist unaufgeräumt. Seit drei Monaten stapeln sich die Briefe auf meinem Schreibtisch. Manchmal denke ich, ich schaffe es wirklich nicht allein. Und ich sehne mich nach einer Familie die mich hält. Schlimm ist nicht, dass ich jetzt auf eigenen Beinen stehen muss. Schlimm ist, dass ich es schon immer musste. Und nun, nach all den Jahren als Einzelkämpferin spüre ich einen Riss in der Mauer und den unterdrückten Schrei in meiner Kehle, das Nachgeben meiner Knie, weil ich alleine nicht mehr weiterweiß. Ich bin ich und doch nicht mehr. Und keine Hand ist da, die mich hält... |
| der Mumrik | Hast Du deinem Freund das gesagt? Klar gemacht? Vielleicht sollte er das einfach lesen, so wie es hier steht. Oder als Brief. |
| unwirklich | Nein, mein Freund weiß nichts davon. Für sein Alter ist er wirklich "jung" und es ist noch nicht die Art von Beziehung, in der ich ihm das sagen wollte. Er hat auch seine eigenen Sorgen. Aber er ist nunmal nicht der richtige Mensch, um mir zu helfen. Dennoch bin ich dankbar, wenn er da ist. |
| SoulReaper696 | [QUOTE][i]Original geschrieben von unwirklich [/i] [B] Und nun, nach all den Jahren als Einzelkämpferin spüre ich einen Riss in der Mauer und den unterdrückten Schrei in meiner Kehle, das Nachgeben meiner Knie, weil ich alleine nicht mehr weiterweiß. Ich bin ich und doch nicht mehr. Und keine Hand ist da, die mich hält... [/B][/QUOTE] Auch wenn du das wohl nie mehr lesen wirst, danke für diese Worte. |