| Gene | [I][SIZE=1]Ich bin mit keinem außergewöhnlichen Leben gesegnet, wie die meisten hier. Meins war eben normal, hebte kaum von der Masse ab und es war gut so. Bis ich anfing mir Fragen zu stellen. Ich war aus dem üblichen Fragealter raus und doch kamen sie. Sie sammelten sich über Jahre und jetzt ist mein Kopf von zu vielen Gedanken durchzogen. Es sind Momente aus meinem Leben, die mir besonders in Erinnerung haften blieben und eigene Gefühle, die ich nicht ausleben kann und darf. Ein normaler Mensch der sich durch ein normales Leben schlägt. Außerdem möchte ich sagen, dass mir jedes Wort hier willkommen ist. Nichts ist schöner, als einen Gedanken geschenkt zu bekommen.[/SIZE][/I] [B]Episode 1: my broken car.[/B] Es war wieder so weit, dass mein Auto in die Werkstatt musste. Das ist nichts besonderes und um die Kosten ginge es mir auch nicht. Ich freute mich vielmehr, denn so konnte ich meiner üblichen Faulheit entkommen und ein wenig laufen. Ich beschloss nach Feierabend ein Stück meines Heimwegs zu Fuß zu gehen. Ich nahm einen kleinen Umweg. Es tat gut, weil ich das schon lange nicht mehr getan habe und auch sonst wenig körperliche Anstrengung in letzter Zeit hatte. Als es anfing zu regnen, bemerkte ich, dass ich meinen Regenschirm vergessen hatte. Ich ging weiter im Regen und hielt Ausschau nach einer Bushaltestelle. Plötzlich sah ich es. Zuerst bemerkte ich das grünliche Licht der Xenonscheinwerfer, die leicht verwaschen im Regen aufblinzelten. Dann erst sah ich, dass es sich um ein Taxi handelte und ich pfiff, obwohl es unüblich ist, hier nach einem Taxi zu pfeifen. Ich habe das nicht mehr getan, seit ich hierher gezogen bin und nun erwischte ich mich dabei, wie ich pfiff, aus alter Gewohnheit, die ich als abgelegt wertete. Ich stieg hinein und nannte meine Adresse. Auf der Rückbank saß ich und sah den Scheibenwischern dabei zu, wie sie den Regen vom Glas beseitigen und ich erinnerte mich. Früher bin ich oft mit solchen Taxis heimgefahren. Grüne Xenonaugen und südländische Taxifahrer. Als würden Welten verschmelzen und ich war dabei. Abgetanes mit Aktuellem, Vergangenes mit Gegenwärtigem und die Zukunft auf der Schwelle. Ich erinnerte mich daran, wie ich damals in Taxis stieg, weil ich zu eitel war um den Bus zu nehmen. In meinem früheren Leben, bevor ich mich hier niederließ, gab es eine Wohnung, zu der ich unzählige Treppen hochkraxeln musste und sie war klein. Es gab einen Supermarkt an der Ecke, wo ich die Kassiererinnen beim Vornamen ansprach und eine Kneipe, wo der Zigarettenautomat immer kaputt war. Es gab Leute, die meinen Namen richtig aussprachen und einen Chef, der selbstverliebt war. Mir war, als wäre ich auf dem Heimweg in diese alte Wohnung von dieser alten Arbeit. Als wäre ich um Jahre jünger und meine Haare um einiges kürzer. Ich fühlte mich, als könnte ich wieder im schmuddeligen Supermarkt einen Sixpack kaufen, alte Freunde anrufen und sie auf ein Bier einladen, wenn ich zuhause ankomme. Es gab auch eine Frau in diesem alten Leben und ihre Anwesenheit fühlte ich in diesen Minuten besonders. Sie war nicht meine Frau, aber wohl die einzige, der ich mich auf diese Art verbunden fühlte. Auch sie war eine verschwommene Grenzlinie, zwischen Kumpel und Geliebte. Akzeptiert von meinen Freunden, witzig und gesellig. Wenn ich mit ihr allein war, genügte mir Freundschaft aber nicht mehr. Ich fühlte wieder ihre kalten Fingerspitzen meinen Nacken berühren und sah sie vor mir, wie sie raucht, mit dem üblichen geheinmissvollen Blick in ihren Augen, ich nahm den Duft ihrer Haare wahr und hörte sie meinen Namen flüstern. Als sei sie Wirklichkeit und dabei saß ich allein in einem Taxi. Die Nachrichten im Radio holten mich zurück in die Realität. Ich gab dem Fahrer viel Trinkgeld, als ich bemerkte, dass er Südländer war. Als Dank für diese Fahrt, für diese Zeitreise. Ich schloss die Tür zu der großen neuen Wohnung auf, die ich nun schon länger bewohne, mein Mitbewohner würde wohl auch gleich zurück sein. Ich zog meine Schuhe aus und schob eine Pizza in den Ofen, nahm mir ein kühles Bier, ich sagte : „Willkommen in der Realität, Kumpel!“ und leerte die Bierdose in einem Zug. In einer Realität, wo ich einen stinknormalen Chef habe und eine große Wohnung, wo meine Freunde eigentlich nur Bekanntschaften sind, für welche ein Hausmusikabend viel zu aufdringlich wäre, wo ich mich mit allem, was geschieht zufrieden gebe und nicht mehr über Treppen schimpfe, weil ich Parterre wohne, wo kein grünäugiges Taxi mich mehr heimbringt, weil ich ein eigenes Auto habe, wo es keine Frau gibt, die auf mich wartet, wo es vor allem nicht DIESE Frau gibt. Ich wollte schreien und alle vornehme Nachbarschaft an meinem Schmerz teilhaben lassen, es schmerzte, so stark wie nie verspürt. Ich ließ eine Brücke abreißen als ich hier ein neues Leben begann, die Brücke zu meiner Vergangenheit, meinem gesamten Leben bis dahin. Nach dem Schmerz kam die Leere, gefolgt von Schwäche. Mein einziger Wunsch war, für einen Tag in mein altes Leben zurückzukehren. Ich verspürte eine brennende Sehnsucht. Die Sehnsucht danach, nach einem harten Arbeitstag und Streit mit dem Chef in ein grünäugiges Taxi zu steigen und heimzukommen in die vertraute Straße, wo es nach Erbrochenem und Kanalisation riecht, schnell in den Supermarkt zu gehen und ein paar Freunde per SMS zu einem Hausmusikabend bequatschen, hechelnd die Treppen hoch zu steigen, mir auf der letzten Treppenstufe schwören, dass ich alsbald aufhöre zu rauchen und es doch nicht zu tun. Ich wünschte mir, dass sie meine Frau ist, die Frau, die daheim auf mich wartet und bereits in der offenen Tür steht, wenn sie meine lauten Flüche zwischen Etage 2 und 3 hört. Sie würde gekocht haben und mich wieder so ansehen, wie sie es immer tat. Ich lege meine Arme um sie, küsse sie und ich weiß, was es heißt, glücklich zu sein. [B]My green-eyed taxi, just bring me to the place that I call home... [/B] |
| Gene | [B]Episode 2: my toruniquet[/B] Ich kam zum ersten Mal zu spät auf der Arbeit an. Es war nicht schlimm, für niemanden außer mich. Wenn ich sonst der Erste bin, der zum täglichen Schaffen antanzt, waren es heute die Träume und die Gleichgültigkeit, die mich länger im Bett behielten als üblich. Ich konnte nicht anders, als eine Weile liegen bleiben und nachdenken. Ich wollte es nicht allzu lang werden lassen, doch das Ticken der Uhr beförderte mich immer mehr in einen Zustand, den ich bei mir bisher nur selten feststellen konnte. Es war mir völlig gleich, ob ich aufstehe, ob ich unrasiert zur Arbeit erscheine oder welche Klamotten ich anziehe. Mein Kopf wollte nicht aus dem Bett, denn in diesem Bett lebte noch der Traum, den ich in dieser Nacht hatte. Als drohte ich alles Geträumte zu vergessen, wenn ich aufstehe. Auch das war nichts besonderes, dass ich komische Dinge träumte. Nur Grund und Auslöser dieses Traums ließen mich einfach nicht los. Es war die Taxifahrt, die den Stauschlauch gelöst hat. Die Gedanken und Gefühle strömen nur so durch mich durch, meine Finger jucken und wollen über die Tastatur rasen, alles loswerden, denn ich habe das Gefühl zu platzen, wenn ich mich nicht befreie. Die Gefühle wichen nicht durch genügende Ablenkung bei der Arbeit, sie machten sich vielmehr bemerkbar, je mehr ich versuchte, ihnen zu entkommen. Mit unsichtbaren Fäden manövrierten sie mich durch diesen Tag und überrollten mich erneut, als ich nach Feierabend auf dem Sofa zusammensackte. Welchem Gefühl bin ich gefolgt, als ich meine Existenz aufgab für etwas völlig Neues und Unbekanntes? Welche Sicherheiten hatte ich? Es war ein altes Versprechen, das ich als verbindlich ansah. Das Versprechen, einem Freund zu folgen, wenn ich dafür reif bin. Jetzt wohnen wir zusammen und es klappt. Es war ein Traum, irgendwo von Null anzufangen, ohne jegliche Rückenstärkung. Ich mag meinen Job und meine sozialen Kontakte hier, ich fahre jährlich in Urlaub und ich es gefällt mir. Es war Neugierde, die Frage nachdem, was mich erwartet in dieser unbekannten Gegend, ob ich mich auch hier beweisen kann. Ich fahre an den langen Wochenenden in neue Städte, erkunde das mir noch immer neue Land, lerne Menschen kennen und ich mag es. Ich kannte genau einen einzigen Menschen hier, als ich ankam und jetzt ist mein Horizont so sehr gewachsen. Ich bin ein glücklicher Mensch, ich kann zufrieden sein, mit dem, was ich geschafft und aufgebaut habe in dieser Zeit. Doch es fehlt was und das merke ich nicht erst jetzt. Ich dachte auch an alte Freunde, auf ein Wiedersehen mit welchen ich zurzeit brenne, doch das ist nicht machbar. Meine Gedanken trugen mich auch zu der Frau, die nie meine war. Es war der größte Fehler, sie zurück zu lassen, obwohl sie keine Anstalten machte, mich davon abzubringen. Auch ihr Leben ist weitergegangen und sie schien mir glücklich, als wir das letzte Mal in Kontakt traten. Ich könnte nicht einfach vor ihrer Tür stehen und weitermachen, wo es damals aufhörte, so sehr ich das auch möchte. Sie ist nun ein anderer Mensch, als der, den ich zurückließ. Ich verstehe das und trotzdem werde ich nie aufhören von ihr zu träumen. Sie war einfach zu viele Jahre lang die Frau meiner Träume und bleibt es, obwohl die Frau von damals sich nun auch in einen Traum verwandelt hat. Ich möchte diesen schönen Film von menschlichem Leben abschalten und wieder mein altes Leben aufnehmen. Heute spürte ich das mehr, als je zuvor. Ich weiß, dass es nicht geht, aber ich gebe nicht auf. Denn ich gab auch dieser Frau ein Versprechen; dass ich zurückkommen werde, in ein paar Jahren. Ich wusste noch nicht, ob meine „Heimkehr“ bindend und von Dauer sein würde, doch jetzt bin ich mir sicher, dass ich bleibe, wenn ich erst einmal angekommen bin. Versprechen halte ich für gewöhnlich ein, wie man sieht, so skurril sie auch manchmal sein mögen. |
| Odessa | [size=1] Gedankenübertragung? Welch timing *lächel*... Es ist schön, daß Du hier darüber schreibst. Es gibt Menschen, die gerne Anteil nehmen am Leben Anderer, weil sie vielleich darin etwas finden was sie selbst erlebten... oder gerade nicht erlebten, es sich aber gewünscht hätten. Grünäugiges Taxi. Seltsam, wie sehr und aus welchen Gründen manche Wortgebilde einen berühren, neugierig machen können. An einem Tag wie diesem ist es Dein Taxi, das mich reisen ließ ohne Angst. Das mußt Du jetzt nicht verstehen, aber es ist ein geschenkter Gedanke... Ge/danke.[/size] |
| Gene | [SIZE=1]Gedanke. Ge - Danke. Danken für etwas, das man bekommen hat, Anregung, Erinnerung, einen Moment. Der Geist dankt. Eine Freundin legte mir dieses Wortesezieren nahe und das macht es für mich manchmal leichter, Dinge besser zu verstehen. Ich hatte nie Angst, weder vor dem Reisen, noch vor anderen Sachen. Erst mit den Jahren kamen verschiedene Verlustängste, aber das ich eine andere Sache, denke ich. Ich möchte dir meinen Dank für deine Worte aussprechen, Odessa. Es freut mich, dass meine Taxiepisode dir etwas geben oder auch nehmen konnte.[/SIZE] |
| Gene | [SIZE=1]Ich möchte doch noch etwas mehr loswerden heute Abend. Eigentlich wollte ich genau das schreiben, als ich mich vor den Rechner setze. Doch scheinbar war es der erste Eintrag, der zuerst niedergeschrieben werden wollte. Ich wollte es dabei belassen, aber ich fürchte, dass ich mich nicht vom Fleck rühren werde, bis ich auch das andere aufgeschrieben habe.[/SIZE] [B]Episode 3: my (non)wife[/B] Eine kleine Zicke war sie, als ich sie kennen lernte. Ihr Ton, ihre Art, ihre Kleidung, ihre giftgrünen Augen, nichts davon gefiel mir. Wie alle Teenager im entsprechenden Alter und ich lachte über ihre gekünstelte Aufregung. Als ich sie wiedersah, war es ein Zufall, der uns beide zugleich überraschte. Vergessen hatte ich sie nicht und ich gab ihr die Chance, meinen Eindruck zu bestätigen oder zu verwerfen. Sie war plötzlich so hübsch, ich glaubte, noch nie etwas Schöneres erblickt zu haben. Es handelte sich um keine gewöhnliche Schönheit. Sie war klar anders und genau das machte sie so schön. Ich wollte sie kennen lernen und lernte mich selbst kennen. Wir unternahmen viel, ich zeigte ihr schöne Ortschaften und Menschen, die ich mochte. Sie zeigte mir im Gegenzug das Leben, das wahre und wirkliche, mit all den Gefühlen, Gedanken und Abgründen, die es bietet und schließlich öffnete sie mir das Tor zu mir selbst, damit ich das Lebendige in mir suchen kann. Tränen glitzerten, als ich merkte, wie arm mein erfülltes Leben war. Denn eigentlich habe ich nur um des Lebens Willen gelebt, mich verhalten, wie ich am Muster erkennen konnte, gearbeitet, gefeiert. Ich habe nie über Gefühle oder den Sinn des Lebens nachgedacht. Ich hatte keine Fragen an die Welt und sie verlangte keine Antworten. Was folgte, war ein Chaos. Ich strukturierte mein soziales Leben neu, löste mich von Zweckbeziehungen, vertiefte Freundschaften mit Leuten, die mir etwas bedeuteten und ließ andere Fallen, weil ich gefühlsmäßig zu wenig an sie gebunden war. Ich fing an diese Frau zu lieben, auch körperlich, doch ich konnte sie nie für mich gewinnen. Es gab immer einen besseren als mich, einen der besser zu ihr oder zu ihrer Situation passte, einen für den sie mehr oder auch weniger empfand, einen der sie besser verstand. Doch ich wich nicht von ihrer Seite, sie konnte immer zu mir zurück, ich ließ ihr diese Option, weil ich hoffte, dass ich irgendwann derjenige sein dürfte, der am besten zu ihr passt, ich hoffte, dass sie es erkennt. Durch sie lebte ich wirklich. Der arrogante und oberflächliche Mann, der ich war hat das Leben erlernt. Wenn ich traurig war, habe ich keine Scheu gehabt zu weinen, wenn ich wütend war, schrie ich, manchmal wurde mir schwindelig vor Freude und ich konnte stundenlang nicht aufhören zu lachen. Ich lernte sie mit jedem Tag mehr lieben und manchmal hassen. Ich ließ mir wehtun, weil sie es mir Wert war. An anderen Tagen brachte sie mir so viel Freude, wie ich es nie vermutet hätte. Ich ließ ihren Schmerz und ihr Glück zu meinem werden. Einmal fischte ich einen Ring aus einem Kaugummiautomaten und machte ihr einen Antrag. Es sah aus wie ein Scherz, weil ich sichtlich angetrunken war, doch mein Herzen meinte es immer ernst, denn sie war die einzige, mit der ich mir ein Leben vorstellen konnte. Ich öffnete mich für andere Menschen, andere Lieben und ich ließ es zu, neue Erfahrungen zu machen, auch wenn sie schmerzhaft endeten. Jedes Mal wenn ich mich verliebte, war es die Liebe zu ihr, wenn ich verletzt wurde, spürte ich die Verletzungen, die sie mir zugefügt hat, mit neuen Sehnsüchten war auch die Sehnsucht nach ihr verbunden. Ich wollte nie glauben, dass sie mich nicht ein bisschen liebt. Es war schön, als ich einmal in dieser Hinsicht von ihr bestätigt wurde. Dass sie mich geliebt hat, all die Jahre lang. Es war so ein wunderschönes Gefühl und traurig im selben Moment, denn ihre Worte kamen zu spät. Für uns war keine Zukunft vorgesehen, obwohl ich den Traum davon so oft geträumt habe, auch mit ihr gemeinsam. Vielleicht sind es ihre grünen Augen, die mich durch die Xenonscheinwerfers eines fast jeden Taxis anblicken und mich daran denken lassen, was einmal war. Mich davor bewahren, innerlich abzustumpfen. Mich jedes mal daran erinnern, wie sensationell diese Zeit war, wie sehr mir das Gemisch aus Liebe, Wut, Schmerz, Freude und Glück den Verstand geraubt hat. Ich bereue nichts. Ich würde nichts anders machen. [I]Ich liebe dich, Frau.[/I] |
| x-xcva | [QUOTE][i]Original geschrieben von Gene: [/i] [I][SIZE=1] Außerdem möchte ich sagen, dass mir jedes Wort hier willkommen ist. Nichts ist schöner, als einen Gedanken geschenkt zu bekommen.[/SIZE][/I][/QUOTE] Ich lese und denke: Man findet sich wohl immer irgendwie wieder - menschlich halt. Im Grunde ist der Lebenslauf dabei irrelevant. Menschen sind wir alle, der Eine mehr, der Andere weniger, 's kommt wohl nur darauf an, wie sehr man es zulassen kann. Der letzte Absatz, der über die Liebe zu einer Frau, darüber, dass man sogar noch die Erinnerung nicht vermag loszulassen, sei sie auch schmerzlich - aber man lebt, zumindest bleibt der Abglanz all dessen, was man in sich erfahren durfte, durch diese Erlebnisse, in einer solchen Zeit. Und oftmals denke ich, dann, wenn ich selbst mich erinnere und der Schmerz genauso präsent ist, wie ein uralter Freund, dass er so etwas zu sein scheint, wie der Verlobte der Lebendigkeit. Es tut immer auch ein bisschen weh. Das ist wie mit Rosen; ohne Dornen wären sie nur halb so schön, unvollständig. Und was wäre eine Katze ohne Krallen? .... Im Grunde ist es gut, und das wird es auch wieder werden, denn alles was an Leben in uns ist, das kommt ganz tief aus uns, auch wenn wir eines äußeren Anlasses zu bedürfen meinen, im Grunde sind es doch wir selbst allein, die wir unseren Weg beschreiten und unser tiefstes Inneres bestimmen. Ein schöner Thread, schöne Menschlichkeit.... Gedankengrüße Mischa .... |
| Gene | [SIZE=1]Danke, Mischa. Ich habe oft den Eindruck, dass die Schichten unseres Leben dicht aufeinander liegen, sodass sie manchmal ineinander zerfließen, so sieht man im Neuen oft Altes, alte Sehnsüchte, alte Wunden. Der Vergleich zu der Rose ist ein gut gewählter, aber ich möchte noch hinzufügen, dass die Rose ihre Blütenblätter verliert, wenn man sie zu lange stehen lässt, dann bleibt nicht viel mehr als die Dornen. Das ist es auch manchmal mit Erinnerungen, die Schönsten verblassen zu schnell, die Schmerzhafteren leben länger in uns.[/SIZE] |
| Gene | [B]Episode 4: these roads[/B] Ich ging heute spazieren. Ich wollte meinen Körper nicht mehr so einrosten lassen. Arbeiten, Fertiggerichte und Bier sind nicht das Beste. Ich bin zwar weder sonderlich dick, noch habe ich gesundheitliche Probleme dadurch, aber ich wollte Vorsorge üben. Zumindest war das die soziale Fassung. Eigentlich wollte ich nur allein sein mit mir und meinem Kopf. Ich wollte, dass niemand mich stört und niemand irgendetwas von mir möchte. Keine Fragen beantworten und keine Blicke auf mir spüren. Mir geht es immer so, als würden die Menschen in meinen Kopf hineinstieren, wenn ich irgendwo in Gesellschaft Bekannter nachdenke. Also stellte ich mein Auto in einem etwas entfernten Stadtteil ab und lief einfach vor mich hin. Mein Kopf musste die Richtung nicht angeben, denn er war zu beschäftigt, meine Füße wussten wohin. Es ist selten, dass ich mich mit meinen Gefühlen auseinandersetze. Ich mache es nur, wenn es wirklich brennend ist. Mein Leben lebt sich, es ist ein Leben, das sich viele Leute wünschen oder auch eins, von dem manche nicht zu träumen wagen. Die perfekte Existenz. Doch eben das ist der Störfaktor, das bloße existieren, wo das wahre (er)leben zu kurz kommt. Ich versuchte mir zu verdeutlichen, warum ich eigentlich unglücklich bin, wo ich doch alles habe. Es fehlt zu viel. Es fehlt mir, einen ausgelassenen Abend mit Freunden zu haben, ohne Anspannung und gespielter Höflichkeit. Ich möchte doch nur einmal laut fluchen ohne dass ich schief angesehen werde. Ich möchte ein Fußballlied singen, wenn meine Lieblingsmannschaft gewinnt. Ich möchte Leute finden, die mit mir morgens um drei Käse essen und Wein trinken, in ein paar Decken gewickelt, fröhlich und das in aller Öffentlichkeit. Einmal ohne darauf zu achten, was die anderen dazu sagen, ob das sich so gehört oder ob es zu unserer Altersgruppe passt. Ich frage mich, warum es nicht geht, ob ich einfach nur die falschen Leute kenne. Doch wo soll ich anfangen, die richtigen zu suchen? Die perfekten Freunde hatte ich jahrelang um mich und erst im Nachhinein erscheinen sie mir perfekt, obwohl ich sie damals oft verfluchte. Jetzt weiß ich, dass diese Freundschaften einfach nur ehrlich waren und Ehrlichkeit ist so selten. Hier habe ich sie bislang nicht in diesem Ausmaße finden können, noch nicht einmal ein Stück davon. Es fehlt mir, mich jemandem anzuvertrauen, der mich nicht für meine Gefühle verurteilt und auch dazu gehört Ehrlichkeit, auf beiden Seiten. Natürlich stehe ich in Kontakt mit meinen alten Freunden, aber ihre körperliche Anwesenheit ist manchmal so zwingend erforderlich. Manchmal brauche ich auch eine Schulter zum ausheulen. In Momenten wie diesen will ich einfach nur zurück und in letzter Zeit will ich zu oft und zu gerne zurück, aber es geht nicht. Meine Füße trugen mich zu einem kleinen CD-Shop und dort kaufte ich eine Platte von einer Gruppe, die ich nie beim Namen gehört habe. Das Cover, der Name der Band und des Albums, die Tracklist, es wirkte alles so passend auf mich und ich kaufte sie. Ganz selbständig fanden meine Füße zurück zum Auto, als hätten sie mich nur für diese CD durch die vielen Straßen gelotst. Ich habe die CD nun in Schleife gehört seit ich zuhause bin. Ich habe mich auch wieder mit nicht meiner Frau unterhalten und sie sagte, dass sie die Band zurzeit auch dauerhört. Ich wusste es vorher nicht und es muss einfach Intuition sein. So wie ich mit ihr verbunden bin in den letzten Tagen. Ich gab ihr ein weiteres Versprechen, das ich einhalten werde. Sie wirkt, trotz ihrer komplizierten Lage, so glücklich im Moment. Ich möchte nichts daran ändern. Sie soll meinen emotionalen Krieg nicht verinnerlichen. Obwohl ihre Sorge um mich mir schmeichelt, mich aufs Tiefste berührt, möchte ich sie nicht, aus Angst, ihr Glück zu gefährden. Es ist ein Krieg, den ich mit mir selbst ausfechten muss. [I]From this moment, how can it feel, this wrong ...[/I] |
| Gene | [SIZE=1]Auch der heutige Abend ist einer mit zwei Episoden aus meinem Leben. Ich kann sie nicht vereinen, obwohl sie irgendwie miteinander verbunden scheinen.[/SIZE] [B]Episode 5: her joy (or: these icy thorns)[/B] Ich habe sie noch nie so erlebt. Ihre Worte scheinen mir so reif und so hoffnungsvoll. Ihre Zuversicht, auf das Positive in der Zukunft ist erschreckend, sogar wahnsinnig und doch ist sie in meinen Augen richtig, weil ich diese Frau lange genug kenne, um zu wissen, dass sie solche Sätze nicht loslassen würde, wenn sie es nicht im Gefühl hätte. Ängste begleiten sie und Sorgen nagen an ihr, doch sie macht einfach weiter, ohne zu fragen wofür, ohne zu wissen, wie es ausgeht. Irgendwas sagt ihr, dass es sich lohnt und sie wirkt so glücklich. Sie spricht ständig von ihm. Er ist der neue Mann an ihrer Seite. Ich habe sie oft über Männer sprechen gehört, doch nie auf diese Art und Weise. Ich wünsche mir, diese Worte würden mir gelten. Über mich allein soll sie so reden. Warum er und nicht ich? Warum ist er besser? Warum bin ich nicht genauso gut wie er? Vor einem knappen Jahr fiel sein Name zum ersten Mal in einem ihrer Briefe. Eigentlich war es nicht der Name, sie erwähnte diesen Menschen einfach und es war nicht ungewöhnlich, denn sie lernt schnell Menschen kennen. Es blieb einfach dabei, dass sie ihn ab und zu erwähnte, es waren Kleinigkeiten, die er gemacht hatte und die für sie so besonders waren. Aber dieser verträumte Ton zwischen den Zeilen … ob es ihre Absicht war? Oder ein bloßes Hirngespinst von mir? Doch jetzt gehört ihre ganze Liebe ihm. Sie sind schon länger ein Paar, ich war einer der ersten, die es erfuhren. Ich werde nicht mehr von ihr geliebt. Ich habe Angst, vergessen zu werden. Nur noch Vergangenheit zu sein, wenn er nun ihr ganzes Gut an Emotionen für sich beanspruchen darf. Jetzt glänzen ihre grünen Augen nur noch für ihn. Ich sehe die beiden auf Fotos und es schmerzt. Sie und ein anderer, an der Stelle, wo ich sein möchte. Ich habe diverse Fotos von ihr und ihren Exfreunden gesehen, keines hat mich je so geschmerzt. Sie wirkt noch schöner als zuvor. Ich muss zugeben, dass ich ihn auch sehr hübsch finde, aber an dem guten Geschmack dieser Frau musste ich bisher nur selten zweifeln. Sie sehen sorglos aus, sie blicken müde oder lächelnd in die Linse, sie sprechen einfach für den Moment und strahlen pures Glück aus. Dieses Glück bohrt sich wie ein eisiger Dorn in mein Herz. Hätte sie ihn auch lieb, wenn ich nicht gegangen wäre? Wäre sie jetzt vielleicht doch meine Frau? Ich bin nicht mehr der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Bin ich es jemals gewesen? Ich lache mich selbst aus für diese Kindereien. Ein Mann meines Alters hat nicht mehr diese Eifersucht auf Kindergartnenniveau zu empfinden und doch fühle ich sie. Der Verstand sagt mir, dass es Blödsinn ist und mein Herz weint währenddessen um sie. Er muss etwas ganz Besonderes sein, einen Gewöhnlichen würde sie nicht so sehr lieben. Natürlich wünsche ich ihr, ihnen beiden, dass das Glück, das sie teilen von ewiger Dauer ist. Ein Teil meines Herzens freut sich auch, dass es der Frau, die ich liebe so gut geht. Das mächtigste Gefühl ist dennoch der Schmerz. Denn zum ersten Mal glaube ich diese Frau an jemanden verloren zu haben. Es ist, als würde man einen Traum, eine Hoffnung begraben. Ich fühle mich so leer. |
| Odessa | [size=1]Guten Abend (oder besser: gute Nacht) "da wo Du bist", Du weißt gar nicht wie sehr es schmerzt, das zu lesen. Die gleiche Geschichte die uns ("immer noch") umtreibt... jedes Wort von Dir fügt sich ein in meine Gedanken und Gefühle, die da waren, die da noch sind, die immer sein werden. Mosaiksteine, über all die Jahre. Und Fotos, die man nie aus der Hand legt. Schlaf gut, diese letzten Stunden, und behalte weiter den Mut.[/size] |
| x-xcva | Tja.... [QUOTE]Die perfekten Freunde hatte ich jahrelang um mich und erst im Nachhinein erscheinen sie mir perfekt, obwohl ich sie damals oft verfluchte. Jetzt weiß ich, dass diese Freundschaften einfach nur ehrlich waren und Ehrlichkeit ist so selten.[/QUOTE] Wenn ich das mal interpretieren darf lieber Gene. Mir sagen diese Zeilen (im Kontext Deiner gesamten Postings) das Folgende: Im Grunde erkennst Du Perfektion erst im Rückblick. Das bedeutet, in dem Moment wo es perfekt war, hast Du es nicht gesehen. Doch von wem hängt das 'Sehen' ab? Wessen Augen sind es, die allein zu sehen vermögen, in Deinem Leben? Und, sind es wirklich nur die Augen? Wenn ich dann noch das hier lese: [QUOTE]Es fehlt mir, mich jemandem anzuvertrauen, der mich nicht für meine Gefühle verurteilt [...] [/QUOTE] ....dann frage ich mich, was sehnt sich denn da? Und, ist es vielleicht das, was einerseits der Wahr.Nehmung im Wege steht und andererseits, die Sehnsucht erst entfacht? Wer sagt Dir Gene, dass sich an Deinem Zustand, nämlich dass Du die Perfektion im Augenblick nicht zu sehen im Stande bist, irgendetwas änderte? - und vielleicht, wirst Du in ein paar Jahren ebenso auf das Aktuelle zurückblicken, wie im Moment auf das Vergangene. Von wem hängt es wirklich ab? Wessen Mund kann die Worte formen, die womöglich Mauern brechen? Auf welchen Gesicht manifestiert sich das Lächeln, was Dir auch am Ende der Welt, zu einer warmen Antwort verhelfen kann, als Zurücklächeln im Gesicht des Gegenüber? Wer alleine bricht das Eis, in Deinem Leben? Wessen Ehrlichkeit gibt Dir Deine Flügel (zurück) .... ? Ich sende Dir einen warmen Gedanken in das eisige Schweigen.... Mischa |
| Gene | [SIZE=1]Danke Odessa, du hast Recht, es sind viele Mosaiksteine, die irgendwann ein schönes Bild ergeben werden, etwas Vollkommenes und Abgeschlossenes. Dann wird ein Außenstehender es ansehen und sagen, wie schön es ist, wie manch ein Leser bei Liebesromanen, ob mit oder ohne Happy End, sei nun dem Geschmack überlassen. Für den Beteiligten aber ist dieses Mosaik sein Leben, oder zumindest ein Teil davon. Das Bild erzählte eine wichtige Episode und ist an Gefühle geknüpft, Gefühle die tief in uns leben und mit jedem Blick auf das Mosaik auferstehen. Danke auch dir Mischa, für deine Worte. Vielleicht habe ich meine Wortwahl falsch bedacht, als ich sagte, dass ich mir meine alten Freundschaften jetzt erst perfekt erscheinen, vielleicht kann man daraus schleißen, dass ich früher mit ihnen unglücklich war. Ich war schon damals sehr glücklich mit ihnen, aber natürlich gab es auch Streitigkeiten und Differenzen, über die ich weniger erfreut war. Manchmal habe ich über meine Freunde geschimpft und manchmal mit ihnen. Die Perfektion bestand einfach darin, dass wir immer ehrlich zu einander waren, dass nichts ungesagt blieb und wir uns niemals füreinander verstellen mussten. Das ist für mich der Grundstein für eine Freundschaft und dass vermisse ich nun. Ich habe auch in den Momenten, wo es schön war, gesehen, wie schön es ist und ich war dankbar dafür (für die Momente allein und dass ich sie zu schätzen wusste). Ich sehe auch in meiner jetzigen Situation das Gute, aber es fehlt einfach zu viel. Mir gefällt deine Frage, nach der Person, deren Ehrlichkeit mir meine Flügel (zurück)gibt. Sie lässt viel Raum für eine große Interpretation, mit der ich mich bald näher beschäftigen möchte. Aber so viel: Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre es ein Satz von einer einzigen Frau, welcher mir Flügel verleihen würde. Denn nur wenig später würde ich im nächsten Flieger sitzen, auf dem Weg zu ihr. Danke für den warmen Gedanken. [/SIZE] |
| Gene | [B]Episode 6: if these are changes[/B] Eigentlich mache ich das oft. Ein Wochenende lang wegfahren, eine süße Stadt ansehen, durch den Wald laufen und mir eine Auszeit nehmen. Ich habe es heute wieder getan, doch diesmal waren zwei Dinge anders: Ich bin nicht nur auf meinen eigenen Wunsch hin allein gefahren, vielmehr habe ich meine übliche Begleitung gebeten, mich allein fahren zu lasen, ohne Fragen und erbat mir noch Funkstille, die nur ich brechen dürfte. Die zweite Sache war, dass ich mein Laptop mitgenommen habe und mich absichtlich nach einem Hotel mit Internetzugang umgeschaut habe. Ich wollte zwar allein sein, aber trotzdem mit der Welt kommunizieren. Vielleicht hätte es Gedanken gegeben, die ich dringend hätte teilen müssen. Ich lief heute stundenlang durch den Wald. Dieser Spaziergang ermöglichte mir, das hier und jetzt zu vergessen und tiefer in mich zu gehen. Ich dachte an alles, das ich in den letzten Tagen aufgeschrieben habe, das nun endlich und endgültig Ausgesprochene. Es gibt viele Dinge, die ich noch aufarbeiten muss, nicht alles wird so schmerzfrei verlaufen, wie ich es mir wünsche. Ich weiß auch, dass ich vor einer großen Entscheidung stehen werde, wenn ich erst fertig mit mir selbst bin. Erst wenn ich den inneren Konflikt lösen kann, bin ich fähig Antworten zu geben, zu denen ich jetzt schon den Fragenkatalog einsehen dufte. Ich fühle mich mies, weil ich momentan auf alles nur ein „Ich weiß es nicht“ erwidern kann. Wenn ich die Fragen meiner Mitmenschen und vor allem meine eigenen beantwortet habe, kann ich mich entscheiden. Vor beinah zwei Jahren dachte ich, die schwierigste Entscheidung meines Lebens getroffen zu haben, dabei steht sie mir jetzt erst bevor. Wann? Dieses Jahr? Nächstes Jahr? Wann hat der innere Krieg ein Ende? Wie lange gedulden sich die anderen noch mit meiner ausweichenden Art? Wie kann ich am schnellsten herausfinden, was ich möchte, was ich brauche und wie ich diese beiden Dinge vereinen kann? Es soll gut tun, Ordnung in seine Gedanken und Wünsche zu bringen, einmal in sich hinein zu horchen und dem zu folgen, was ich höre. Ich will auch nicht abstreiten, dass es mich heute für einen kurzen Moment innere Ruhe spüren ließ. Doch ich fühle mich keinen Schritt weiter als zuvor. Ich kann im Moment nicht viel weiter denken, als meine Gefühle es zulassen. |
| Gene | [B]Episode 7: an argument[/B] Ich habe mich getraut. Ich habe ihm gestern Rede und Antwort gestanden. Keiner Frage wich ich aus, keine schob ich auf. Ich antwortete ehrlich und fühlte mich wohl. Bis ich das Gefühl hatte, nicht mehr ernst genommen zu werden. Ich verabscheue nichts mehr als das. Bis Beschuldigungen kamen, die unter die Gürtellinie zu gehen drohten. Das ist kein Ton für ein solches Gespräch. Bis mir meine Ehrlichkeit mit Beleidigungen gedankt wurde. Nein, ich benehme mich nicht wie ein 17-jähriger, der eine Dauererektion wegen einer schönen Frau hat. Danke, ich kann mich sehr gut beherrschen. Nein, ich idealisiere die schöne Frau auch nicht, ich liebe sie lediglich. Nein, es ist nicht nur, dass ich sie nicht haben kann, ich bin mit der Gesamtsituation momentan unzufrieden. Ich verabscheue es, mit Dreck beworfen zu werden. Ich hasse substanzlose Unterstellungen. Ich werde rasend, wenn man mir die Worte im Mund verdreht. Ich wusste vorher nicht, was ich mir von diesem Frage-Antwort-Spiel versprechen soll. Ich hatte lediglich die Erwartung, dass es die Grenzen des Vernünftigen nicht sprengt. Ich erwartete von dem Menschen, den ich schon so lange kenne, dass er den Wunsch hat, mich zu verstehen. Ich dachte, einem geistig reifen Menschen gegenüber zu stehen. Jetzt hat sich die Frage der Reife auch geklärt. Ich ertrage dieses Anschweigen nicht. Ich möchte nur noch weg und plane, wohin ich diesmal flüchte, für ein paar Tage zumindest. Wie sollen wir weiter unter einem Dach leben? Dieser Mensch ist mir so fremd, ich kann keinen Fremden in meiner Wohnung dulden. Wie sollen wir wieder miteinander normal umgehen können? Oder ist das der Wink des Schicksals, damit ich meine Koffer packe und endlich dahin zurückkehre, wo ich hingehöre? |
| Gene | [B]Episode 8: my fault[/B] Ich habe noch nie einen Fehler auf der Arbeit gemacht. Seit ich hier arbeite, ist mir das noch nicht passiert. Ich habe nie etwas vergessen, nie irgendwelche Unvollständigkeiten zustande kommen lassen und nie etwas falsch eingetragen oder verwechselt. Diesmal war es eine kleine Verwechslung, die mich jetzt so fertig macht. Ich bin kein Perfektionist, aber ich weiß, dass ich meine Arbeit immer gut mache, egal wie es mir gerade geht. Jeder kann sich auf die korrekte Erfüllung meiner Aufgaben verlassen. Die Zuversicht gebe ich den Kollegen einfach. Gestern kam die erste Beschwerde seit fast zwei Jahren. Eine harmlose Beschwerde, versöhnlicher Ton; „Gene, geht es Ihnen nicht gut? Was war denn da los?“ und ein Ordner unter meiner Nase. Ich habe sofort gesehen, wo mein Fehler lag. Es war nichts Schlimmes. Ich habe korrigiert und gelächelt. Ich hab gesagt, dass mir das Wetter auf den Geist schlägt und ich reif bin für die Urlaubsinsel. Ich bekam Verständnis. Nochmal darf mir das nicht passieren. Ich war in den letzten Wochen unkonzentriert. Für gewöhnlich lasse ich meine Gefühle und Gedanken nicht auf die Arbeit mitkommen, nur diesmal… ich kann doch selbst nicht erklären, was diesmal anders ist. Es ist mir noch nie passiert, dass mich ein Gedanke, ein Gefühl oder ein inneres Problem vom Arbeiten abgehalten hat. Diesmal ist es einfach zu ernst. Ich dachte, dieses Wochenende würde Licht ins Dunkel bringen. Es war außergewöhnlich, denn wir haben unseren Problemen noch nie auf diese Art und Weise Luft gemacht. Ich wachte manchmal nachts um 4 auf und ging doch allein spazieren. Je mehr Mühe wir uns geben, desto klarer wird mir, wie meine Entscheidung ausfallen wird. Mein Chaos hat mich so sehr im Griff, dass ich meine Probleme schon mit auf die Arbeit nehme. Eine Freundin sagte einmal den Satz, dass sie sich nun hinter ihrer mutigsten Maske verstecken würde, bis ihr Chaos vorbei ist. Ich sollte wieder lernen, Masken zu tragen, denn ich mag’s nicht, wenn mir Fremde in mein Innerstes hineinstieren. |
| Gene | [B]Episode 9: somersaulting thoughts[/B] Ich merkte heute erst, wie lange ich hier schon nichts mehr geschrieben habe. Es ist seltsam, denn manchmal schrieb ich täglich zwei Einträge. In letzter Zeit sollten die Gedanken ausgebrütet werden, nichts wollte geschrieben werden. Ich bin kein Mensch der philosophiert oder analysiert, ich schreibe wenn mir danach ist und was ich will. Doch diesmal wollte ich meine gedanklichen Anfänge vollenden, bevor ich sie als Ganzes vortrage. Schon überschlagen sich meine Gedanken beim Schreiben, die Ereignisse taten es ihnen in letzter Zeit gleich: Ich habe eine Entscheidung gefällt. Ich kehre Ende August in meine Heimat zurück und werde, wie ich stark annehme, bleiben. Es war, als würde ein Zentner Last von meinen Schultern fallen, als ich die Entscheidung gedanklich aussprach. Ich fühlte mich viel besser, stellte mich gleich auch nicht mehr so ungeschickt auf der Arbeit an. Meine Kollegen freuten sich, den alten und fröhlichen Gene wieder zu begrüßen. Weniger erfreulich waren meine Nachrichten für sie, dass sie ihren Gene bald wieder hergeben müssen. Gespräche mussten geführt werden, mit meinem Chef, mit meinen Kollegen und zuletzt auch meinem Mitbewohner. Papierkram wartete auf mich und nicht zu vergessen, die Arbeit im Büro. Doch all dem sah ich gelassen entgegen. Ich schlug mich tapfer durch die Woche, ich bekam Antworten und regelte die nahe Zukunft. Alles geschah so, wie ich es mir vorher gewünscht habe, wie es eigentlich sollte. Doch eine Sache habe ich nicht einkalkuliert. Letzte Woche trennte sich meine große Liebe von ihrem Freund. Ich wusste nur, dass es irgendwelche Zweifel auf beiden Seiten gab, mit einer Trennung habe ich nicht gerechnet. Ich war überrascht als ich davon erfuhr und im gleichen Moment machte sich egoistische Freude in mir breit. Ich witterte Chancen für sie und mich. Wenn ich erst einmal heimgekehrt sein würde, wenn ich sie erst einmal wieder im Arm halte, wer weiß, welches Gefühl sich dann wieder aufdrängt, bemerkt zu werden? Ich habe mir ausgemalt, wie es sein könnte. Dass sie sich wieder in mich verliebt, dass wir endlich die Chance bekommen, auf die ich so lange warte und dass wir sie nutzen. Meine Freude hatte wenige Gönner. Zwei meiner besten Kumpels erklärten mich für geisteskrank, einige Bekannte bezichtigten mich meiner öffentlichen Freudenausbrüche. Selbst die Frau, die ich so sehr liebe, fand meinen heiteren Ton unangebracht, war enttäuscht von mir. Ich habe stark an dem Konstrukt unserer Freundschaft gerüttelt, Vertrauen verspielt. In diesem Moment war ich froh, so weit weg zu sein, vielleicht hätte sonst der Ex meiner Liebe vor meiner Tür gestanden und mir einen Kinnhaken verpasst. Natürlich, das gibt es nur im Rosamunde-Pilcher-Roman, aber ein Bekannter machte mich darauf aufmerksam, dass diese Romane und das wahre Leben oft gar nicht so sehr auseinanderdriften, wie man meint. Ich war fortan auf alles Unwahrscheinliche vorbereitet gewesen, weil die Reaktionen so gegenteilig von meinen Erwartungen gewesen sind. Wider meiner Erwartung fand ich auch die Akzeptanz meines Mitbewohners. Er sagte, die endgültige Entscheidung sei besser, als Monate der Ungewissheit. Ich war überrascht, denn ich erinnere mich noch an unseren letzten Streit, als er mich beleidigte, wo ich eigentlich eine gefasstere Reaktion erwartet hatte. Nach einer turbulenten Woche fühle ich mich jetzt immer noch wohl. Mit einigen Veränderungen: Ich freue mich auf meine Heimkehr, doch ich erhoffe mir keine Chancen mehr in der Liebe. Ich habe nachgedacht, vieles nachgelesen. Ich merkte, wie traurig mich das Ende ihrer Beziehung macht. Nicht nur, weil jede kaputte Beziehung mir ein bisschen meinen Glauben an die ewige Liebe nimmt. Ich erwarte keine Prügeleien von irgendwelchen Herren, aber ich bin auf überraschende Reaktionen meiner Mitmenschen vorbereitet. Ich male mir genau die Möglichkeiten aus, wie ein Gespräch verlaufen könnte, wie ich vielleicht reagieren könnte, damit ich nicht aus dem Konzept komme. Ich werde mir ein paar Rosamunde-Pilcher-Romane kaufen und lesen, damit ich nicht so blind in das Zwischenmenschliche Leben hineinstolpere und mich wundere, warum ich es nicht verstehe. Durch die Beschäftigung mit mir selbst, habe ich mich zu sehr von den anderen abgeschottet. In Wirklichkeit weiß ich gar nicht mehr, was ich erwarten darf, womit ich rechnen soll. Ich habe mich wie ein ignoranter Egoist verhalten. Das tut mir Leid. |
| sonic.sacrifice | [SIZE=1]Gene, mein Lieber ... ich nehme deine öffentliche Entschuldigung an und freue mich, dass dich, was auch immer es war, zur Raison bringen konnte. Aber irgendwo verstehe ich dich auch, jetzt wo die Wogen sich geglättet haben, oder ums besser zu sagen: jetzt, wo noch so vieles mehr passiert ist. Du bist weder ein Ignorant noch ein Egoist, ein bisschen darauf bedacht sein, dass wir selbst etwas vom großen Glück profitieren dürfen, ist nicht verkehrt. Manchmal ist auch die Beschäftigung mit sich selbst ganz sinnvoll, damit man weiß, was man will und alles, so ist man danach irgendwie erleichtert, auch erträglicher für seine Umwelt. Weißt du, Gene, ich habe jeden Tag insgesamt 4 Stunden zu fahren. 2 Stunden Busfahrt und 2 Auto, je eine am morgen und am Abend. Reisen und rumfahren war für mich immer schon eine gute Gelegenheit zum denken, jetzt kamen mir die Fahrten aber auch sehr gelegen. Allein schon, weil ich mich nach meinem Unfall direkt wieder ans Steuer gesetzt habe und eine mir gar unbekannte Strecke fahren musste. Ich konnte also auch die durch den Unfall erworbene Angst größtenteils loswerden. Und manchmal ertappte ich meine Gedanken dabei, wie sie bei dir verweilen. Ich muss zugeben, dass ich mich an deiner Entscheidung erfreuen kann. Immerhin brauche ich nun nicht noch 3 Jahre zu warten und auch kein teueres Flugticket mehr zu kaufen, damit ich dich sehen kann. Ich habe auch über den kausalen Zusammenhang des Ganzen nachgesonnen. Dass deine Entscheidung zeitgleich mit meiner gefällt wurde, dass wir erst darüber gesprochen haben, als nichts mehr zu beeinflussen war. Ob es wirklich Schicksal ist, das auf diese Art und Weise interferiert? Im März hatte ich diesen Traum, der eine gewisse Sehnsucht weckte. Sie war schnell vergessen, weil ich nicht gerade unbeliebt bin beim männlichen Geschlecht. Vielleicht ist das nun die Erfüllung eines Wunsches, der so stark ist, weil er die ganze Zeit übersehen wurde? The sense of things … Ich weiß selbst nicht, was ich genau will, das habe ich in den letzten Wochen oft genug gesagt. Mit Sicherheit ist mein Exfreund einer der letzten Menschen, die dir eine reinhauen möchten. Er ist ein wunderbarer Mensch und wird so etwas nicht tun, warum auch. Allerdings könnte ich eine Menge anderer Herren aufzählen, die Gewalt androhen würden, wenn das mit dir und mir wieder was wird *g* Ich lasse mich einfach überraschen, freue mich auf deine Rückkehr, einfach um dich wieder zu sehen, mit dir zu reden, dir Bilder zu zeigen … Sicherlich wäre dieses Gefasel etwas für meinen eigenen Pfad, aber hier ist es angebrachter, denn es ist in erster Linie für dich gedacht … und lass dir eins gesagt sein: Ich werde mit dir keinen Rosamunde Pilcher Film gucken … [/SIZE] |
| Gene | [B]Episode 10: my birthday present[/B] Das Herz blieb mir einfach stehen, als ich bestimmte Worte las. Selbst wenn ich jetzt dran denke, hat es kleine Aussetzer. Ich sollte wirklich mehr Liebesfilme sehen und Rosamunde Pilcher lesen, weil ich auch damit nicht gerechnet hätte. Hätte ich es kommen sehen, wenn ich mich mit Filmmaterial vorbereitet hätte? Ich hätte es gehofft, aber … Ich traf meine Entscheidung und organisierte meine nächsten Schritte. Ich tat es nur für mich. Ich hoffte auf eine zweite Chance, doch diese Hoffnung wurde grob zerschlagen. Ich hoffte nicht mehr, denn ich musste um eine Freundschaft Angst haben. Doch an der Richtigkeit meiner Entscheidung zweifelte ich nicht. Jetzt haben ihre Worte noch mal alles umgekrempelt und gewendet. Sie, die Frau, die ich liebe. Dass sie die Macht hat, meine Welt Kopf stehen zu lassen, wusste ich. Ich wusste nur nicht, dass sie so schnell davon Gebrauch macht. Ein Wunsch, der dabei ist erfüllt zu werden. Oder doch nicht? Bilde ich mir alles nur ein? Schlafwandle ich? Alle guten Dinge sind drei, drei Dinge durfte ich heute dem Bildschirm entnehmen. Drei Dinge, die mir eine unglaubliche Sicherheit geben. Ich würde ausflippen, vor Freude, wenn die vornehme Nachbarschaft nicht wäre. Ich bin jetzt schon innerlich total aus der Ruhe. Selbst wenn ich noch keine absolute Sicherheit habe, selbst wenn noch vieles in ihrem Leben passieren kann bis zu meiner Rückkehr, jetzt habe ich die Zuversicht, dass alles, was ich an Hoffnung habe, erfüllt wird. Vor wenigen Minuten erhielt ich ihre Mail, das war die dritte Sache. In wenigen Minuten habe ich Geburtstag. Ein schöneres Geschenk hätte sie mir nicht machen können. |
| sonic.sacrifice | [SIZE=1]Mein lieber Gene, gerade heute lese ich mir den ersten Eintrag so gerne durch. Ein grünäugiges Taxi, das dich heimbringt ... Heute ist mir genau das passiert. Es war ein schöner Tag, ich habe mich Abends in den Zug gesetzt um mit meinen Eltern in einer anderen Stadt essen zu gehen, es war wirklich toll. Gerade aus dem Restaurant raus fing es an zu regnen. Vater brachte mich zum Bahnhof, ich unterhielt mich noch mit einer Frau. Es regnete noch immer und ich hoffte, dass es aufhört. Denn in Aachen angekommen hatte ich noch eine lange Busfahrt vor mir. Nun regnete es noch stärker, als ich endlich in Aachen war ... der Zug hielt auf Gleis 8 ... ich ging da vorbei und hatte ein Flashback an einen Apriltag ... was allerdings nicht so schlimm war. Vor dem Seiteneingang des Bahnhofs stehen immer Taxen ... eins, ja das erste, was da stand, blinzelte mich mit grünen Scheinwerfern an ... ich stieg hinein und nannte meine Straße ... durch den Regen fuhr ich nachhause, in einem grünäugigen Taxi, der Fahrer, wie soll es anders sein: ein Südländer. Die Kopfhörer in meinen Ohren, Amy Lee sang etwas von Paperflowers und ich dachte nach. An dich und und deine Taxifahrt. An den schönen Tag, der nun zuende ging und daran, dass mich nicht Langeweile und Einöde erwarten, sobald ich heimkomme. Denn es wartet wirklich jemand auf meine Rückkehr. Jemand der mich liebt, jemand, für den ich nun gleiches empfinde ... Auch bei mir fiel das Trinkgeld üppig aus. Ich rannte die Treppen zur vierten Etage hoch, in freudiger Erwartung, scheiß auf die Lunge, zumal ich nicht mehr rauche und meine Kondition dadurch besser ist. Vor Freude zitterten meine Hände, als ich die Tür aufschloss ... und so muss es sein, das nachausekommen ... Ich wünsche dir irgendwann wieder selbiges zu erleben.[/SIZE] |
| Gene | [B]Episode 11: Coming home[/B] Der Sonntagabend klingt aus. Sehr lange schon dachte ich diese Wege verlassen zu haben und bin sehr glücklich, meine kleine Zuflucht wieder gefunden zu haben. Es passiert so vieles, wenn man drei Monate auf ein Blatt Papier summieren will, dabei hatte ich noch nie so viel Angst vor Stagnation wie in der vergangenen Zeit. Die drei ist eine goldene Zahl. Ich bin ein Mann der großen Pläne, doch die Umsetzung dauert meist das zehnfache oder findet erst gar nicht statt. So plante ich meine Heimkehr und kaufte Flugtickets, doch ab dem Moment wo sie in dem schwarzen Kästchen auf meinem Schreibtisch lagen, überkamen mich Zweifel. Ob ich auch das Richtige machte, ob ich das fände, wonach ich suchte? Im Endeffekt sind die Tickets noch immer hier und ich ebenso. Abflug war am 19.9, das ist schon sehr lange her. Nicht nur sie, die Frau meines Herzens, bewegte mich zum bleiben. Mein Traum war eine Bruchlandung und dieser Sommer war der sanfte Gleitflug mit ausgefallenen Motoren und narkotisierten Piloten. Nichts wäre wie früher gewesen und endlich hat auch mein Herz etwas begriffen, wogegen ich mich anfänglich wehrte. Sie fand etwas Wunderbares, fernab meiner Träume, die sie eingeschlossen hielten. Als sie mir davon erzählte, muss ich zugeben, war ich wieder gekränkt, verletzt und zornig. Doch auf einmal begriff ich, dass es ihr Leben und sie mir gegenüber zu nichts verpflichtet ist. Ich kann es akzeptieren oder ewig unglücklich sein. Ich fragte, wie ihr Freund heißt. Als sie mir das verriet, antwortete ich: [I]“Karsten ist ein sehr schöner Name.“[/I], entschied mich mit diesem Satz für die Akzeptanz und ließ diese Frau ein für allemal los. Ich kann nicht sagen, dass ich sie nicht mehr liebe, denn damit werde ich niemals aufhören, aber ich möchte diesen Stillstand nicht mehr. Ich befürworte ihre Beziehung, ich sehe ihr Glück und es tut nicht weh. Ich weiß nun, irgendwann kann ich mich wieder verlieben. Vor drei Monaten noch hielt ich dies für unmöglich … Manchmal begreift man, wie wichtig einem etwas ist, wenn der Abschied naht. Als ich herkam, war ich so voller Ideen und Hoffnungen. Ich hatte mich in den letzten Jahren zu einem großen Träumer entwickelt, ohne aber sie umsetzen zu können. Ich wollte nicht mit dem Gefühl gehen versagt zu haben und stellte eine Liste auf, von dem, was ich hier geschafft habe. Ich stellte fest, dass ich alle Träume verwirklicht hatte, bis auf einen: die Freundschaften. Ich klagte so oft über die Oberflächlichkeit und dabei hätte ich mich nur einmal an der Mauer meiner Ignoranz hochziehen müssen. Ich habe hier so viel Freundlichkeit erfahren und so viel Akzeptanz. Ich habe viele gute Menschen um mich, ich musste einfach nur zugreifen. Mittlerweile habe ich das getan und erfreue mich daran. Glücklicherweise musste es nicht zu einem Abschied kommen. Auf der Arbeit haben wir einen neuen Praktikanten, er ist französischsprachig und sehr fleißig. Ich hab immer ein Auge auf ihn, weil er eine schwäche für die bunten Büroklammern hat. Vor einigen Wochen hat er mich gerufen, weil er ein Problem hatte. Er sprach meinen Namen so aus, wie er ursprünglich im Französischen ausgesprochen wird und ich reagierte nicht. Er musste erst 4 Mal rufen bis ich wusste, ich war gemeint. Ich habe mich so an die englische Version meines Namens gewöhnt, wie soll ich nun wieder auf das Original hören? Mir wurde klar, dass ich in meiner alten Heimat nicht Fuß fassen würde. Es ist nicht nur der Name, ich habe mich vieler heimischen und vertrauten Dinge entwöhnen müssen, an Stelle ihrer sind andere getreten. Nicht unbedingt bessere oder schlechtere, aber andere. So bin ich durch diese Kleinigkeiten ein Teil dieser neuen Heimat geworden und sie damit ein Teil von mir. Das hat die letzte Brücke abgerissen. Ich beschwor eine Sensation und finde Bescheidenheit. Es ist wie ein aufgeblasener Handschuh, der zusammenfällt, wenn man die Luft ablässt. Doch am Ende meiner Odyssee bin ich ein glücklicher Mann. Die Sehnsucht nach meiner fernen Heimat schickte mich auf eine Reise. Die Reise in mich selbst, in meine dunklen Abgründe und bunten Träume. Ich musste mich eigentlich nur in mir selbst wieder zuhause fühlen, der Ort ist unwichtig. Morgen gehe ich zur Arbeit, auch das macht mich glücklich. Ich habe einen festen Platz im Leben, für alles andere habe ich auch einen Ort geschaffen. Aber manchmal, da werde ich es mir nicht nehmen lassen mich in ein grünäugiges Taxi zu setzen und mich von einem südländischen Fahrer heimbringen zu lassen. Das kleine Fünkchen Nostalgie, das mich an die glücklichste Zeit meines Lebens erinnern wird. Es war ein anderes Glück als das heutige. Als sei es in einem anderen Leben gewesen, ganz lange her… [SIZE=1]Ich danke dir, liebe Elena ...[/SIZE] |
| Gene | [B]Episode 12: Surrender[/B] [I]Es war einmal ein Verlierer, er verlor seinen Radierer…[/I] [SIZE=1]mein erstes Gedicht in der Grundschule begann mit diesen Worten.[/SIZE] Ich bin ein ganz schlechter Verlierer. Nur geht es nie ganz ohne Verluste. Heute habe ich kapitulieren müssen. Heute ragt die weiße Flagge über meinem Haupt. Heute trägt meine Stirn ein unsichtbares Tattoo mit der Innschrift „Loser“. Ich weiß, ich habe schon längst verloren, aber heute kam erst die Erkenntnis. Was habe ich verloren? Wo habe ich es verloren? Wann? Ich verlor erst mich selbst aus den Augen. Dann fand ich den Weg zurück zu mir. Doch währenddessen verlor ich einen Teil meiner Seele, meines Ichs. Ich habe früher immer Leute ausgelacht, die über abgespaltene und verlorene Teile ihrer Selbst sprachen. Mir könnte so was nie passieren und nun starb ein Teil von mir. Diesen Teil gibt es nur noch in meiner Erinnerung, aber auch sie wird unter dem Schleier der Zeit verstauben. Es ist das, was mich mit meiner Heimat verbunden hat. Habe ich ihn abgetrennt, als ich anfing auf „Gene“ zu hören, weil es kürzer und „cooler“ war? Oder als ich akzentfrei englisch sprechen lernte? Das habe ich nie gemerkt, das einzig Bemerkenswerte war das Fortbleiben. Ich trauere nicht um mich. Das einzig triste ist die Sehnsucht. Das Heimweh nach „damals“. Die Trauer um die Freundschaften, die ich pflegen lernte, um die Frau, die ich liebte, um den Chef, den ich auslachte. Das Verlangen, noch einmal in die vertraute Straße einzubiegen und das Elternhaus zu sehen. Die Sehnsucht nach dem Wilden, Zügellosen, Einfachen. Auch danach, zweite Wahl zu sein… Jetzt verstehe ich sogar den Schauspieler, der auf die Hauptrolle in einem Film verzichtet, weil er lieber in einem viel tolleren Film mitspielen will, obwohl er da nur die mirkigste Rolle besetzt. Heute auf der Arbeit suchte ich nach einem Radiergummi. Als ich einen fand, fiel mir das Gedicht aus der Grundschule ein und mit dem Gedicht kam die Erkenntnis. Der Verlierer bin ich. „Surrender“ heißt nicht nur, vor etwas zu kapitulieren. Es heißt auch, dass man sich aufgibt, sich opfert oder von Herzen verschenkt. Ich verschenkte Stückchen meiner Seele wie einen großen Kuchen und bekam diese erfüllte Existenz geschenkt. Der Preis um hier meinen Neuanfang zu leben war der Abschied. Sag „Adieu“ zu dir selbst, großer Junge, jetzt bist du ein Neuer, ein Jemand. |
| sonic.sacrifice | [SIZE=1]Gene, mein lieber Gene, ... gerade dadurch hast du wohl eine Seele erlangt. Du hast so vieles begriffen, erlebt, gefühlt ... du hast dich zu so einem wundervollen Menschen entwickelt. Manchmal muss man loslassen. Die Vergangenheit ruhen lassen und nach vorne sehen, ja, muss man. Doch genau diese Vergangenheit lies dich zu dem werden, was du jetzt bist, gerade darum bist du ein Jemand, ein wichtiger Mensch. Für deine Familie, für die Firma, deine Freunde, ... auch für mich. Ja, manchmal muss man Teile opfern, aber es kommt auch was neues hinzu. Veränderung ist was tolles. Du hattest doch solche Angst vor Stagnation und jetzt willst du dich gegen Veränderung wehren? Du wirst auch das überstehen, da bin ich mir ganz sicher.[/SIZE] |
| Gene | [B]Me the cabman[/B] Ich weiß, was ich an den Nachtwelten vermisst habe: Das dunkle Design der Seite, das mich nicht blendet. Anders als diese hunky-dory Websites. Die wirken auf mich nicht einladend, nur abstoßend. Nein, das ist kein Eintrag, er wischt hier nur Staub. Verstaubt ist das beste Wort um meinen Thread zu beschreiben. Im Sommer 2007 fing ich damit an, hier meine Gedanken auszusprechen, nachdem sie Jahre geruht haben. Ich muss gestehen, es tat mir gut. Die Nachtwelten gaben mir ein Sprachrohr. Nun ist alles anders; Leute, die mir auf Nachtwelten wichtig waren, gingen irgendwann und die, die meine Freundschaft anfänglich gesucht haben, blieben stumm. Ich verließ die Nachtwelten grußlos, weil es niemanden mehr zu grüßen gab. Das einzige, was mir gefehlt hat, sind die Pfade. Ich habe in eigener Sache eine Plattform für meine Gedanken geschaffen und doch ist diese hier anziehender denn je. In einigen Tagen werde ich 31. Es ist weitaus harmloser, als 30 zu werden. Die erste 3 am Anfang macht doch nur Frauen depressiv, dachte ich. Nun interessiert mich vielmehr, ob ich noch weitere Männer finde, die mit mir fühlen. Auch wenn das ein weiterer Schritt in Richtung„Alter Sack“ ist, bin ich stolz auf mich, denn ich hab's sehr weit gebracht und sehe keine Notwendigkeit, aufzuhören. Auch bin ich sehr stolz drauf, eine Seele zu haben. Wie viele Menschen habe ich mich lange Zeit über meinen Namen, meinen Körper und meinen Beruf definiert. Einmal wurde ich von einem Mann, den ich für geisteskrank hielt, gefragt: [I]Wer bist Du?[/I] Ich antwortete mit meinem vollen Namen, aber er fragte mich erneut: [I]Wer bist Du?[/I] Ich sagte, ich wäre ein Mann, ein gut aussehender Mann, beschrieb meine Körpergröße und Statur. Auch das reichte ihm nicht und er fragte wieder: [I]Wer bist Du?[/I] Ich sagte, für welche Firma ich arbeite, dass ich Kaufmännischer Angestellter bin und in welcher Branche ich tätig bin. Damit war er noch immer nicht zufrieden und fragte mit sehr viel Nachdruck: [I]Aber wer bist Du?[/I] Dabei betonte er das „Du“ so stark, dass es mir anfing Angst zu machen. Ich verabschiedete mich und blieb ihm eine Antwort schuldig. Viel später habe ich verstanden, was er wirklich von mir wissen wollte. Noch viel später fing ich an, mich damit zu beschäftigen, was ich hätte antworteten können oder sollen. Irgendwann, es war Februar und ich habe diese Gedankenplattform kreiert, wollte ich mich den möglichen Lesern vorstellen. Die Worte kamen mir schneller in den Sinn als ich tippen konnte, sie waren spontan, ehrlich und von Herzen: [FONT=times new roman]Seit diesem einen Abend, wo mein Auto in der Werkstatt war und ich eine Fahrt im kanadischen Taxi genoss, das sich für mich in eine Zeitmaschine verwandelte, mich in meiner Erinnerung zurückreisen ließ und mir verdeutlichte, wie arm mein erfülltes Leben doch war, bin ich diesem Objekt der Personenbeförderung näher denn je. Ich bin der Fahrer eines Taxis, das grüne Xenonaugen hat, die in der Nacht blinzeln. Ein Taxifahrer auf dem Weg durch das Leben, schlängle mich tagtäglich durch die Straßen, mein Ziel heißt Zukunft. Gäste steigen in mein Gefährt ein, begleiten mich eine Weile, steigen aus, neue steigen ein. Ich habe viele Geschichten gehört und selbst eine eigene Geschichte zu erzählen. So lade ich den Leser herzlich ein, sich zu mir ins Taxi zu setzen, ein Stück weit mitzufahren, meiner Geschichte zu lauschen, einen Teil meiner Welt zu sehen, wie ich sie sehe. [/FONT] Das ist die Antwort, die ich dem Mann schulde. Ich werde sie ihm geben, sollte ich ihn je wiedersehen. Wahrscheinlich werde ich hier wieder öfter schreiben, vielleicht auch nicht. Dieser Eintrag kann Neuanfang und Ende sein, was es dann schlussendlich werden wird, bin ich mir noch unsicher. |
| Odessa | Ein Lichtblick hier ... nach so langer Zeit bist Du wieder da. Erst kürzlich erwähnte eine gemeinsame Freundin einen uns beiden bekannten lieben Menschen, woraufhin ich auch wieder an Dich und Dein "Taxi" dachte. Die grünen Augen ;-). Stumm blieb ich nicht... Du warst irgendwann weg, ich erinnere mich an eine letzte pn, es ging Dir da nicht so gut und Du wußtest nicht "which way to go". Schön, wirklich sehr schön, daß Du wieder hier bist. Mit ganz liebem Gruß aus den Bergen von Ilo samt vier- und zweibeinigem Anhang :-). (Sollte der Beitrag stören, einfach Bescheid geben und ich lösche ihn). |
| Sternenstaub | Ich fahre gerne Taxi. Und Dein Text hat mich an etwas erinnert. Eine Fahrt durch Paris, mit meinem Bruder, der leider nicht mehr in meinem Leben präsent ist. Wir stiegen ein und ließen uns fast auf die Ledersitze fallen, in Paris, am nächtlichen Arc de Trioumphe vorbei, an all den Lichtern, in der Momenteanität des Seins. Und fast jeder, der hier einmal war, findet immer wieder den Weg zurück, schlängelt sich durch das Leben und macht hier Halt. Alles Liebe, Vic |
| Gene | [B]Getaway[/B] Das musste ich mir nicht zweimal sagen lassen. Etwas, das so angepriesen wird, kann niemals schlecht sein. Tatsächlich fand ich eine deutsche Ausgabe und war überglücklich. Ich ächzte bei dem Anblick des Preises und jetzt, nach dem Lesen, meine ich fast eine Weisheit im Sonderangebot gefunden zu haben. Weisheit ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich habe Schwierigkeiten, das richtige Wort zu finden. Ich halte es in der Hand, das Buch, fühle seine glatte Textur und die Buchstaben, die sich leicht hervorheben. [I]Liebesfluchten. [/I] Es geht um ein Gefühl. Es gibt nichts größeres auf der Welt als das, für mich nicht. Komisch, dass es in diesem Buch nicht darum geht. Es geht um Fluchten, emotional oder räumlich, aber bewusst. Und darum, wie man sich mit der Flucht auseinandersetzt. Auch ich bin bewusst vor etwas geflüchtet, als ich herkam. Die Fidelität eines Versprechens mal außer Acht gelassen. [I]Liebesfluchten. [/I] Ich habe Probleme, es ins Englische zu übersetzen. Wikipedia hat auch nicht geholfen. Zunächst einmal muss der Titel richtig interpretiert werden. Ist die Flucht vor einer Liebe gemeint? Oder eine Flucht aus Liebe zu etwas? Ich weiß es gar nicht. Ich weiß aber, dass auf mich beides zutrifft, damals zugetroffen hat. Ich flüchtete vor meiner Liebe, weil ich ihre Erfüllung in der Zukunft nicht sah, habe geglaubt, vielmehr gehofft, die räumliche Distanz würde eine emotionale schaffen. Ich flüchtete aus Liebe zu einem Menschen, um ihn nicht unglücklicher zu machen mit meiner ständigen Anwesenheit. Ich weiß, dass es auch schwer für sie gewesen sein muss, mit anzusehen, wie ich unter meinen Gefühlen leide. Ich ging um sie vor mir zu schützen. Das mag jetzt schlecht klingen, ich bin kein schlechter Mensch. Aber ich hätte alles getan um sie für mich zu gewinnen. Ob das gut für sie gewesen wäre, ist eine andere Frage. Von hier aus konnte ich nicht viel machen. Das ist gut, glaub ich. Viel drängender schien mir aber die Frage, ob ein Mensch, der in voller Absicht flüchtet, ein Anrecht auf Heimweh hat? Hat er dieses Recht nicht verspielt, indem er alles zurückließ um in etwas Neuem aufzugehen? Nein, für mich ist das Heimweh nicht nur eine logische Konsequenz, es ist der Preis, den man zahlen muss. Das ist das, was ich begriffen habe, das was ich hier Weisheit nenne, weil mir kein besseres Wort einfällt. Die „Geflüchteten“ in den Kurzgeschichten schneiden das Thema Heimweh nur gering an. Ich hingegen teile ihm die Hauptrolle in meiner Gefühlswelt zu. Eines Tages bin ich vielleicht bereit, meine eigene Liebesflucht aufzuschreiben, noch fehlt mir die nötige Distanz dazu. [SIZE=1]Ilo, Du hast das wohl etwas falsch eingeschätzt. Ich wusste zu dem Zeitpunkt ziemlich genau which way to go. Ich wusste nur nicht, ob ich hierher kommen oder den Ort lieber ganz meiden soll. Vicky, Du liegst bestimmt richtig. Jeder lässt einen Teil von sich hier und kommt zurück um ihn zu besuchen. Ich kenne Paris ziemlich gut und ich weiß, wie es mit Menschen ist, die im eignen Leben nicht mehr „präsent“ sind. Die Erinnerungen an sie gehören zu den Lebendigsten. Vicky, Ilo, euch beiden danke ich. Kommentare sind mir immer sehr lieb und willkommen![/SIZE] |