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    Thema: Mohn tritt an
Sternenstaub[COLOR=red] Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.
-Gottfried Benn-[/COLOR]

Ich bin roter Mohn. Il faut gagner la bataille.
Die Worte geben Hoffnung und verschwinden wieder, lassen mich - wie bei Gottfried Benn- im Dunkeln, nachdem sie verdunsten. Am dreiundzwanzigsten November ist Stunde Null. Tag Null. Examen. Es wird knapp, so haarscharf, wie noch nie in meinem Leben, so existenziell wie nie.
Ich will alles. Ich will gewinnen, auch wenn es jetzt manchmal so unmöglich scheint. Ich will die Schulflure, ich will sie komplett, ich will diesen Beruf und ich werde nicht aufgeben, bevor er trotz aller schlechten Vorzeichen mir gehört.
Dieser Ort hier soll mich bis zum Kampf geleiten, in all der Wankelmütigkeit der Zeit.
Sternenstaub[COLOR=red]bataille -II[/COLOR]

Manchmal frage ich mich, wie ich diese anderthalb Jahre bis jetzt aushielt. Sie waren voll von Kritik, angefüllt mit Blicken der Fachleiter, die alle seufzten, die Stirn runzelten, die Augenbrauen hochzogen. Es gab Besuche, nach welchen ich alles wegschmeißen wollte, nach dem Schulwechsel fiel es mir schwer, mich zu integrieren, ich war einsam und doch so wild auf das, was eventuell noch kommt.

Manchmal holpert mein Herz auf der Türschwelle immer noch, wenn ich die Räume betrete. Bonjour la classe, sage ich. Asseyez-vous.
Ich habe alles ausgehalten. Habe mich sogar an die Koop- Schule gekämpft, um einen Oberstufenbesuch zu zeigen, irgendwo, in einem echten CDI, mit vielen Wörterbüchern. Zwischen occupation und Résistance. Ich habe übermüdet Staatsarbeit geschrieben und in den Ferien spät abends getippt.

Es muss gehen, es muss sich irgendwann lohnen. Olé saboteur, attention à ton fardeau, dynamite!
Sternenstaub[COLOR=red]good old times[/COLOR]

Du bist die gute alte Zeit. Ich weiß noch, wie wir nebeneinander saßen, während Iris Adornos Thesen besprach. Als ich wegzog, war unser Kontakt sporadisch, wir hörten uns selten und sahen uns nicht mehr. Nun hat es Dich nach Duisburg verschlagen. Ich habe mich einen ganzen Tag gefreut.
Du bist die gute alte Zeit. Wir lernten uns im Schulpraktikum kennen. In den Freistunden saßen wir im Lehrerzimmer und lästerten über Samsas Traum. Das weiß ich noch. Du hast viel geredet, laut und mit Überzeugung. Ich mag auch heute noch Deine Tiraden über das Faschosystem. Die Krankenversicherung. Du bist Dir immer in allem so sicher. Wirkst so, als könnte Dich nichts erschüttern. Du bewältigst alles mit so einer Selbstverständlichkeit, die ich noch lernen muss.
Wird schon, sagtest du. Metakommunikation und dann liegt Dir die Lerngruppe zu Füßen. Keine Panik.

Ich freue mich schon, Euch zu besuchen. Ich bringe Dir dann meine Woyzeck-Reihe mit. Versprochen.
Sternenstaub[COLOR=red]Mein Herz hört niemals auf zu schlagen...[/COLOR]

Ich habe den Herbst eingeläutet. Der Herbst ist Musik. Laub und Erinnerung. Nachdenken. Zurückblicken. Vor allem Musik. Greta singt mir den Herbst. Es gibt keine anderen Alben, die ich so liebe. Sie geleiteten mich damals durch meine schlimmste Zeit.

[I]Und als ich unter Wölfen schlief,
sah ich das Tor zum Grabsteinland,
dort stand die Sonne auf dem Rabenfeld,
wie angezündet und verbrannt.
- Untoten - Grabsteinland II-[/I]

Ich liebe diese Stimme. Mal hauchzart, mal dramatisch. Die Geschichten dahinter sind mit meinen eigenen verknüpft, es hängen Erinnerungen zwischen den Soli. Erndtebrück im tiefsten Winter, das erste Treffen, um den Olymp zu bauen. Meine Füße waren Eiszapfen, wir haben im Auto gesessen.
Des Raben Flug, die Zeit vor Frankreich. Nun bin ich doch mit den Raben gezogen. Das Konzert in Leipzig, die Kuppel über uns und Greta im weißen Tüllkleid. Das M'era Luna. All das.
Ich freue mich auf die neuen Alben. Neue Songs. Zum Erinnern.
Nebeltaenzerin*lächel*
Ja, die Musik und die Erinnerungen...
Sternenstaub[COLOR=red]mangel. Haft.[/COLOR]

Ich fange jeden Satz drei Mal an, um ihn doch wieder zu löschen. Die Worte reihen sich nicht mehr aneinander, sie stammeln unkontrolliert. Überall mangelhaft. Das Bestehen in weite Ferne gerückt. Trotzdem arbeite ich weiter, obwohl ich doch so gerne liegen bleiben wollte, liegen unter meiner grauen Decke, nicht aufstehen. Jeder Morgen ist ein neuer Kampf, ich trete an, weil ich noch nie aufgegeben habe. Ich gehe aus, ich arbeite auch in den Ferien, und doch fällt es mir im Moment so schwer, Mut zu finden. Ich bin wie immer lächelnd gegen den Wahnsinn, man sieht ihn mir nicht an, weil ich mich nicht gehen lassen möchte.
Die Tage ziehen sich, ich lebe von Higlight zu Highlight und fürchte den Schulbeginn am Montag. Dann wird wieder geseufzt über die ungeeignete Referendarin.

Stunde Null. Kahlschlag. Abîme.
Sternenstaub[COLOR=red]levant - reprise[/COLOR]

Danke. Für diesen Abend mit Goethe. Wir haben uns im Kino totgelacht. Du hast ganz mamahaft gesagt, dass ich nicht ficken sagen darf. Goethe und Lotte machten Liebe im Wald. Ich habe Dir von meinem ersten Schwarm und der Kassette erzählt, Du hast mir einen Vogel gezeigt, aber ich glaube, Du fandest es mutig. Wir tranken Kakao und rauchten heimlich. Ich sehe Dich zu selten, aber es ist immer ein Highlight, ich komme dann heim mit einem Lächeln, einem vollen Magen. Und einem guten Gefühl.
Sternenstaub[COLOR=red]Unterwegs. (für I.)[/COLOR]

Der Boden der Matrix ist ein bisschen kühl. Wir sitzen vor der Bühne und sehen in die Lichter der flackernden Kerzen. Davor sind wir wie früher durch die nachtgraue Stadt gefahren, Schulter an Schulter im Bus. Wie früher, sagtest Du. Ja, wie früher. Unsere Gespräche sind immer noch genauso, wir tasten unsere Wege mit desillusionierten Fingern, nachdem der Elfenbeinturm uns verließ. Wir sind zusammen geistig gereift. Doch manchmal tut es irgendwie weh. Die guten alten Zeiten zerren an uns und hindern uns ein wenig. Wir sind leider keine Götter. Auch wenn wir den Olymp erhalten. Sieben Jahre nun. Ich bin froh, dass Du geblieben bist, auch wenn es nicht immer einfach war. Unsere Freundschaft ist im Laufe der Jahre stabiler und beständiger geworden. Das was bleibt. Du hältst mir immer noch jede Tür auf und fragst, ob Du zum Klo mitkommen sollst, damit ich nicht stolpere. Du bist da. Du bleibst trotz der Kilometer.

Wir schunkeln zu Eric und finden dass der Keyboarder wie ein Siegener Literat aussieht. Ich flüstere Dir Geschichten zu den Liedern zu. Unsere Knochen schmerzen durch das lange Sitzen auf dem Boden. Freunde, sagt Eric. Und nun noch mal das Dei. Wir singen mit. Ein Abend mit Freundschaft und Musik. Und die Nostalgie verschwindet. Wir sind jetzt. Wir sind unterwegs. Das wird. Vielleicht nicht sofort aber hoffentlich bald. Ich hab Dich lieb.
Sternenstaub[COLOR=red]Maestro[/COLOR]

Gestern kam wieder eine Mail von Dir. Weiser Mann aus alten Zeiten. Vor elf Jahren bestimmten ganz andere Sorgen mein Leben: Eltern, die mich einschränkten, das Selbst, was es zu finden galt. Du warst mit mir, obwohl wir uns nur ein einziges Mal gesehen hatten. Auf unserem Foto stehen wir in der Heidelberger Schlossruine. Du hattest damals schon ganz graue Haare. Und ich war jung und verloren. Trotzdem scheint mir die Welt von damals einfacher, schöner, erfüllt von Poesie und Literatur. Du hast mich wunderbar bereichert, ohne Dich hätte ich sicherlich nicht so viel geschrieben. Du hast mir Hesse, Poe und Anne Rice nähergebracht, auch, wenn es in der Kombination seltsam klingt. Jedes Mal wenn ich Deine Mails öffne, habe ich ein poetisches Gefühl, eine Rückbesinnung auf das, was ich eigentlich bin, die Poesie, die es in all dem Stress des Berufs - oder des eventuellen Berufs zu wahren gilt. Du schreibst und es klingt immer stark und gut, Du bist weise und erfahren, vertraut mit den Unebenheiten des Lebens. Früher hast Du genau sie in Deine Gedichte gekleidet, die ich noch heute sehnsüchtig aus dem Regal nehme.
Du hast gesagt, ich soll mein Potential nutzen. Es geht langsam verloren, mein Potential, das Leben ist ein harter Kampf, eine Zerreißprobe. Früher war ich jung, wild und poetisch, umherschwirrend, wie Peter Pan. Nun muss ich erwachsen werden und doch die Kunst nicht ganz verlieren. Ich weiß wer ich bin, aber es ist schwer, so im Berufsleben zu bestehen.
Ich hasse mich für jeden Mißerfolg, er geht immer persönlich. Immer ganz tief. Ich bin gewohnt zu kämpfen, aber ich kann kein Scheitern einstecken.
Ich arbeite daran, aber es fällt schwer. Es ist gut, dass Du mir mein Potential vor Augen führst.
Auf bald, mein Meister der Gedichte.
Sternenstaub[COLOR=red]Grabsteinland[/COLOR]

Ich falle tief. Die letzte Fünf ist amtlich, ich habe keine Chance zu bestehen, und trete trotzdem an. Manche finden das mutig. Ich finde es selbst ein wenig hirnrissig, aber ich will sehen, wie der Prüfungstag abläuft, damit ich für den zweiten Anlauf gewappnet bin.
Es gab einmal einen anderen Herbst. mit endlosen Nächten voller Tränen und kaltem Nebel auf der Haut. Jetzt kommt er mir sehr jugendlich und übertrieben vor, aber das Gefühl ist ähnlich. Ich weiß nicht weiter. Und viel schlimmer: Ich habe versagt, das erste Mal in meinem Leben habe ich beruflich verloren und es schmerzt.

*

Es ist gut, dass Ihr da seid. Dass ich am Telefon schweigen kann. Meine engen Freunde, die den Fall ein wenig aufhalten, die mir Hände und Ohren leihen, dort, wo das Elternhaus wieder an Empathie versagt. Freunde sind Familie. Meine Amour und Janina. Die persische Schönheit, der Olymp, Frau Anna und die Herzdamen hier. Die blonde Elfenschönheit und der Computerexperte. Und die beste wissenschaftliche Mitarbeiterin, mit der ich am Samstag Herrn Kaschte lauschen durfte.
Wach endlich auf und Kämpfe. Mit den Zähnen in der Hand.
Zwanzig Tage bis zum Tag X. Ein weiteres Jahr Kämpfen. Survivre comme toujours.
Sternenstaub[COLOR=yellow]gold[/COLOR] and [COLOR=red]poppyfields[/COLOR]

Gestern haben wir im Dunkelrestaurant gespeist. Wir tasteten in unserem Essen und suchten unsere Gesichter, schoben kichernd, vorsichtig die Gläser beiseite, ratend, was eigentlich auf den Tellern ist. Leise spielte Kuschelrock- Musik, die anderen Menschen kicherten auch und schmissen wahrscheinlich das Essen versehentlich auf den Boden.
Wir sind nun drei Monate verheiratet - und Du hattest recht: Es ist tatsächlich schöner geworden, ein wenig sicherer, beständiger. In all der Unmöglichkeit des Kampfes stehst Du ganz fest an meiner Seite, kochst mir Kaffee und trocknest fast jeden Tag Tränen. Ich bin so dankbar für Dich, für uns.
Du sagst, es wird gut beim zweiten Anlauf. Die Pendelei wird nicht schlimm, der Seminarwechsel wird gehen. Manchmal wache ich nachts auf und wälze mich unruhig umher. Doch Du bist da. Mit Wort und Haut. Du schlingst dann Deine Arme um mich und die Panik ist für Augenblicke weg.
Unser erster Kontakt ist nun über sieben Jahre her. Im Januar sind wir sieben Jahre zusammen. Es kommt mir schon länger vor, fast ewig, mehrere Dekaden und eine Million Augenblicke, Herzklopfenschläge, Momente und Erlebnisse.
Es kommt ein Wunder, hast Du damals gesagt. Ein Richtiges. Wunder.
Sternenstaub[COLOR=red]Dekade[/COLOR]

Ich würde Dich niemals fallenlassen, auch wenn ich gestern einen Wimpernschlag davon entfernt war, nach unserem Wortwechsel. Wir haben es geklärt, doch es bleibt dieser Nachgeschmack, dass unsere Interaktion immer wieder scheitert und sich wieder zusammenfügt.
Ich kann Dich nicht halten, gerade. Ich bin selbst tänzelnd am Abgrund, kämpfend um meinen Alltag, meine berufliche Zukunft. Ich würde Dich niemals einfach so aufgeben, aber ich brauche Dich gerade als Freund, als Unterstützer und Du kämpfst auch mit Dir.
Wo ist unsere Dekade hin? Die zu seltenen, aber immer schönen und bereichernden Treffen in Dortmund, die kleinen anarchistischen Bildchen, die Du mir zwinkernd sandtest und das eine Album von Dornenreich. Als wir uns kennenlernten warst Du gerade sechzehn. Nun machst Du Deinen Master und die Jahre sind irgendwie davongelaufen. Wir fühlen uns beide machtlos.
Du hast mir das erste Mal Bochum gezeigt. Wir fuhren durch die dunklen Straßen, irgendwann. Nun bin ich hier, Du bist weggezogen und unsere gute Zeit ist lange her.
Ich weiß noch, wie Du mich vor sieben Jahren abholtest. Wir liefen nachts durch den Wald und hörten Black Metal. Obwohl wir bis heute nichts gemeinsam haben, war es doch einmal fabelhaft.
Du hast in Siegen auf meinem Wohnheimboden geschlafen und neben der Hauptschule mit mir gegrillt. Das alte Forum, in dem wir uns kennenlernten existiert längst nicht mehr und gerade ist es mit Dir unglaublich anstrengend, aber vielleicht wird es wieder, wenn wir beide wieder klar denken können.
Hold on.
Sternenstaub[COLOR=red]Hilf mir, Goethe![/COLOR]

Wild entschlossen nahm ich die Bahn. Das Arbeitsamtgebäude ragte nach einigen Haltestellen bedrohlich aus der Eisesglätte der Stadt. Ich setzte mich im Flur hin. Der dicke Mann neben mir starrte Löcher in den Boden. Ich las konzentriert NEON. Die braunen Kacheln schwiegen. In der Hoffnung auf Absicherung und eventuelle berufliche Alternativen, die meine Psyche beruhigen sollten, verging die Zeit.
Kommen Se, sagte der Sachbearbeiter mit Oberlippenbart und Sabberflecken auf seinem Sweatshirt. Ich betrat das Büro. Er tippte mit zwei Fingern irgendetwas in seinen Computer. Wir glichen Daten ab. Name und Adresse. Geburtsdatum. Ich war im Datensystem. Bei der Berufsbezeichnung ging es los. Referendarin kannte der Computer nicht. Wat geben wir denn ein? Referentin? Nach fünf Minuten geb er resigniert Lehrerin ein. Lehrerin. Schön wärs.
Im Lebenslauf stand mein Abitur. Mein Abschluss.Ich nannte den Namen meiner Schule. Er tippte “Göhte” ein. Ich korrigierte. Ja der Abschluss is ja nix, sagte er. Und ich bin für Behinderte zuständig. Ich bin Akademikerin, platzte ich heraus. Machen Se wat mit Sprachen. Aha. Ich zählte meine Möglichkeiten auf, die ich ergooglet hatte. Er schwieg und murmelte jaja. Keine Ahnung. Tippte bei Berufsbezeichnung Pädogogin mit o ein. Ich korrigierte. Oh ups.
Am Ende wurde ich an das Akademikerteam verwiesen. Nächste Woche tanze ich nochmal an. Und bis dahin weiß dieses Amt hoffentlich wie man Goethe schreibt.

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