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  Forum: Nebelpfade
    Thema: la voix du Nord
SternenstaubVor einiger Zeit schrieb ich hier über mein [URL=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=56727]Auslandssemester[/URL]. Ihr habt mich damals mit vielen Worten und Taten begleitet und ich möchte Euch deswegen diesen Reisebericht hier lassen. Allen, die mich unterstützt, ermutigt und bestärkt haben.

I

[COLOR=red]Béthune-Lille[/COLOR]

Vor einiger Zeit führte ich ein Tagebuch meines Auslandssemesters. Ich hielt viele Momente fest. Damals war es für mich etwas Besonders. Das erste Mal alleine leben. Kochen. Sich mit Behörden ärgern. Eier bei Carrefour zerbrechen. All das, was zum Erwachsenwerden gehört. Nun, fünf Jahre später sitze ich in einem ähnlichen Zimmer. Der Kühlschrank surrt unglaublich laut und die Dusche ist – wie damals – ohne Halterung. Der Holztisch ist ein wenig klebrig und das Waschbecken auch Spülbecken zugleich. Ich habe mich in einer famille d’accueil einquartiert, die vier Kinder und einen großen Hund hat, aber etwas unwillig ist, sich mit mir zu befassen. Stattdessen wurden mir Unmengen an DVDs und Reiseführern in mein Zimmer gelegt.
Heute saß ich auf dem “Grand Place de Béthune”. Der Akkordeonmann spielte Musik und ich trank einen petit café im Nordwind. Davor musste ich Tickets kaufen und das Bussystem begreifen. Der Bus blieb in jedem Loch der Straße hängen und schien ohne Stoßdämpfer zu sein. Willkommen daheim. Vor fünf Jahren habe ich mich in diese Region verliebt. Vielleicht ist es Projektion, eine Hommage an die Freiheit, die Aufregung. Ich mag sie immer noch, die abgewetzten Häuserfassaden. Die kleinen Cafés und die netten femmes d’accueil, La voix du Nord. Je l’aime tellement.

Das erste Mal erwachsen werden. Ein Herz brechen. Es passierte mit Unbedachtheit und es tut mir heute noch leid. Ich hätte mich anders verhalten sollen, aber das Gefühl bringt nichts. Hier hatte ich wenig Zeit, nostalgisch zu werden. Es hat an den Anzeigetafeln in Lille ganz kurz gezogen. Mea culpa. Seitdem ist es in Ordnung. Dies ist meine zweite Reise. Es ist, als hätte sich das Bild der Region ein bisschen losgelöst, ich habe es anders verortet, es ist nun eigenständig, nicht mehr belastet von Extrasystolen. Es ist nun besser, erkundet, nicht mehr so pathetisch. Festgehalten an den Fassaden.

Wir trafen uns am gare Lille Flandres. Es war schön. Wir plauderten viel und aßen bei Flunch. In der Pâtisserie zeigtest Du mir “Tarte au Flan”. Wir suchen unsere Wege. Es ist gut, dass wir den Kontakt halten. Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr zu Dir nach Valenciennes kommen kann. Tu me manques déjà.

II

[COLOR=yellow]Hazebrouck[/COLOR]

Da die Gastfamilie mit dem eigenen Alltag beschäftigt ist, fahre ich durch die Region und spreche mit Fremden. Auf dem Weg nach Hazebrouk hat mir eine alte Dame Geschichten erzählt, von der Occupation und dem Hunger. Von ihrem Dasein als alleinerziehende Mutter. Geschichte hautnah. Heute sind die Kinder groß. Sie geht spazieren. Sammelt Beeren und macht Konfitüre im Dorf. Die heutige Jugend tauge ja auch nichts und die Werte non plus. Anscheinend sind alte Damen sich ähnlich. Hier ist es trotzdem anders. Offener und freundlicher. Trotz der wirtschaftlichen Lage und der zahlreichen Alkoholiker im Bus. Le Nord, dixit la vieille dame, c’est autre chose.

Dort, wo meine Gastfamilie wohnt, liegt sehr buchstäblich der Hund begraben. Die Abkürzung zur Bushaltestelle führt mich über den Friedhof. Im Dorf sind wenige Menschen unterwegs. Der letzte Bus fährt um sieben. Mit diesem bin ich heute von Hazebrouk wiedergekommen. Der niedlichen Stadt mit bunten flämischen Häuschen. Ich zog von Café zu Café, sprach Kellner an und aß Moka in der Pâtisserie. Auf dem Rückweg hievte mich der Schaffner vom alten Bahnsteig in den TER. Diese Reise ist seltsam. Nicht das, was ich erwartete und doch voll mit neuen Erfahrungen. Früher habe ich mir nicht zugetraut, alleine zu reisen. Diese Woche genieße ich es ein wenig. Auch, wenn die Zeit doch etwas langatmig ist. Doch manchmal ist dort das gute Gefühl, in alten Doc Martens über französische Lochstraßen zu laufen, frei und ohne Stadtkarte. Wohin die Füße tragen und die Sprache führt.

Früher wollte ich länger bleiben. Hier leben. Mittlerweile würde mich die Arbeitslosigkeit deprimieren. Die schlechten Busverbindungen und die Tristesse, die ich in den Augen der Passagiere oft sehe. Ich finde es umso bewundernswerter, dass die Menschen hier so nett und zuvorkommend sind. Ich fühle mich aufgehoben, obwohl ich allein unterwegs bin. Wahlheimatlich eben. Ich möchte nicht bleiben, aber wiederkommen. Nächstes Jahr. Vous pleurez quand vous quittez, steht auf der Karte. Ja.
SternenstaubIII

Douai

Ich trat wegen des vergünstigten Tickets um halb sieben aus dem Haus. Der Friedhof war noch geschlossen, der Regen schlug fast über die nassen Lochstraßen. Angekommen in Douai war es unverändert. Regen und Kälte peitschten mir entgegen. Trotz Kaffee fror ich. Der Mann an der Touristeninfo sah aus, wie eine Mischung aus Espen Lind und Julien Doré. Nach dem nächsten Sandwich und der Besichtigung der “Porte de Valenciennes” habe ich es sogar geschafft, ein anderes Ticket zu ergattern. Ich habe trotzdem für eine Strecke von einer Stunde das Fünffache gebraucht und der Bus kam nicht. Oh Wahlheimat, manchmal nervst Du mich einfach.
Und zum Schluss eine Impression dieses nicht ganz so ergiebigen Tages:

Moi: “Où est le Beffroi?” (Wahrzeichen der Stadt, Kulturerbe)

Typ: “Oh tu es Allemande? Hitler kaputt.”

Keine. Weiteren. Fragen.

IV

[COLOR=deeppink]Rétro[/COLOR]

Nachdem mich der Wind fast von der Haltestelle wehte und der Bus wieder nicht kam, war ich etwas durchgefroren, als ich im Zentrum ausstieg. Doch die Sonderangebote der Geschäfte wärmten mich schnell, die Braderie-Preise waren wirklich verlockend. Braderie ist eine Art Flohmarkt, welcher hier Tradition hat. Plein de monde. C’est la fête.

Die Stadt füllte sich und ich wurde prompt von einer Oma im zerknitterten Blumenkleid angesprochen. Dann folgte eine Tirade über die Occupation und die bösen Nazis. Als ich ihr meine wahre Herkunft offenbarte, lud sie mich auf einen petit café ein. Sie erzählte weiter von ihren Großeltern, die Offiziere bes sich aufnehmen mussten und von diesen erschossen wurden. Als ich ihr klar machte, dass es ein sujet compliqué ist, zeigte sie auf meine Docs und sagte, dass gotique in Frankreich auch “Nazi” sei.
Dann folgten Ausführungen darüber, dass es für behinderte Mädchen in Frankreich schwer sei, einen Mann zu finden. Sie betonte aber immer wieder meine Nettigkeit und die Tatsache, dass ich ihre Konzepte modifiziere. Na dann.
Am Ende lud sie mich ein, mit ihr nach n’importe où zu fahren. Ich verneinte höflich. Wir tauschten Nummern, ich vertauschte Ziffern. Und zog weiter. In die bunte Menge.

Béthune Rétro ist ein Rockabillyfestival. Die ganze Stadt wimmelte dieses Wochenende von Oldtimern und John Travolta- ähnlichen Lederjackentypen, die diese fotografieren. Am Grand Place tanzten Frauen in gepunkteten Kleidern Rock ‘n’ Roll und zeigen ihre tätowierten Oberarme. Es war farbenfroh, lebendig und sonnig, als wollte die Stadt mich gebührend verabschieden, mit dem Beffroi unter den Schäfchenwolken und der Musik partout. Ich kaufte Leopardsachen und trank den letzten petit café mit leichtem Herzziehen.

Herz-Ziehen. Die Woche ist unglaublich schnell vergangen. Morgen um kurz nach vier steige ich in den TER, Der Himmel wird grau sein. Es ist immer ein seltsames Gefühl, diesen Ort zu verlassen. Ich kann nicht mehr lange hier sein. Und doch muss ich wiederkommen. Es war eine aufregende Woche, sie lief außerhalb meiner Erwartungen und doch werde ich sie in sehnsüchtiger Erinnerung behalten. Mon coeur au Nord. Je t’aime tellement. Je reviendrai. C’est sûr.

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