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  Forum: Nebelpfade
    Thema: Alte neue Welt
BetrachterSchwarze Schleier verzerren die Sicht. Stimmen flüstern, unverständlich, schwer. Kühles Schaudern umgarnt mich. Dennoch, keine Furcht. Ich fühle innere Wärme. Frieden. Eine Geborgenheit, die sich mir so seit Ewigkeiten nicht mehr offenbarte. Kaum Greifbar. Nicht zu erahnen. Jetzt! Berührung. Eine Umarmung. Wahr und Aufrichtig…

Was ist das? Ein schrilles Klingeln. Elektronisch und monoton. Realität du hast mich wieder. Ein weitere unbedeutender Zyklus in dieser Gesellschaft der Bedauernswerten. Die Sicherheit der Nacht schwindet dahin. Ich stehe auf. Starre wehmütig auf die Uhr. Kaum Zeit zu denken. Kaum Zeit Mensch zu sein. Ständige Wiederholung. Fernseher einschalten und den täglich gleichen Wahnsinn mitanhören. Nicht eines Blickes würdig. Geistloses Essen zu sich nehmen. Und dann... Ganz kurz betrachte ich mich im Spiegel. Vom Hals abwärts sehe ich tiefe Narben. Stumme Zeugnisse eines anderen Lebens. Schöne wie tragische Erinnerungen.

Keine Zeit mehr. Duschen, Anziehen und die Messer anlegen. Gut verborgen unter der Kleidung. Immer dabei. Es ist nicht mehr lange hin. Ich fahre schnell. In der kalten Jahreszeit kann ich der grellen Morgensonne entkommen. Dieser unverhohlenen Geisselung. Die jeden Zwingt sich zu verstellen. Sein Gesicht zu wahren. In jeder Situation. Für mich nicht nachvollziehbar, sind die Menschen, welche freiwillig in diesem allesverzehrenden Licht baden.

Hier fühle ich mich einigermassen sicher. Beton, Stahl, Drähte. Künstliches Neonlicht. Erträglich.
Kollegen machen geschmacklose Witze. Bereiten sich vor. Alles einheitlich. Stur und Unpersönlich. Einheitliche Kleidung. Einheitliche Farben. Einheitliche Einrichtung. Sie sehen es nicht. Sklaven ihrer eigenen Existenz.

Kunden strömen herein. Ich setze mein künstliches Lächeln auf. „Wie kann Ich ihnen helfen?“ „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ „Ich verstehe ihr Problem und werde mein Möglichstes tun um ihnen zu helfen.“ Banale Worte. Heruntergebetet wie eine Maschine. Stammkunden loben meine Freundlichkeit und zuvorkommende Art. Kollegen schätzen meine Hilfsbereitschaft und Zuverlässigkeit. Eine Maske für die Massen. Das ist alles. Nur eine tote Fassade. Jedes einzelne Wort. Sie wissen nichts um meine wahre Person. Meine wahren Gedanken. Wenn ich sie sehe. Ihnen zuhöre. Diese geistlosen Gespräche. „Hallo, wie geht `s?“ „Gut, Gut.“ „Lange nicht gesehen.“ Ja, Ja. „Schön, ich muss dann auch los.“ „Bis zum nächsten mahl.“ Ein Trauerspiel, dass sich hier unzählige mahle wiederholt. Keine dieser Gestalten ist am Leben. Alles nur gespielt. Fügen sich ein in die Gesellschaft. Da stellt sich mir doch die Frage: „Bin ich wirklich so anders, als Die?“

Diese Hallen vergiften mich. Hass und Wut schlagen ihre Zähne tief in meine Seele. Des Öfteren spielt meine Fantasie mit meinen Gedanken. Das Szenario: Ein bewaffneter Mann stürmt herein. Zwei drei zitternde Kunden durchlöchert er ohne Gegenwehr. Und droht alle zu erschiessen. Manche schreien aus schierer Verzweiflung. Andere blicken unglaubwürdig in die Lehre. Ihre kleine Welt bricht zusammen. Der Tot ist für jeden nur einen Augenblick weit entfernt. Ich ducke mich. Warte auf einen passenden Moment und springe hervor. Eine Kugel durchschlägt meine Schulter. Nur Blut und Knochen. Ich greife zu einem meiner Messer und schneide ihm die Arme auf. Achillessehne durchtrennen und bewegungsunfähig machen. Keine Miene verziehen. Kalt und berechnet wirken. Kleine Tropfen nässen mein Gesicht. Blut schmeckt metallisch und grob. Die Menschen um mich wissen nicht wie sie reagieren sollen. Wer ist gefährlicher, ich oder er? Aber eben. Es ist nur Fantasie. So etwas geschieht nicht in dieser kleinen verschachtelten Welt aus Regeln und Gewohnheiten.

Schichtende. Ich packe meine Sachen. Krawatte gelockert. Die Türen öffnen sich. Vereinzelt wanken mir einige entgegen. Sie wirken froh. Keine Dunkelheit. Im Licht fühlen sie sich sicher. Doch wie kann man sich sicher fühlen, wenn jeder den anderen sehen kann. Dunkelheit verbirgt. Sie behütet mich. Und jeden der es zulässt.

Die geisselnde Sonne siedet nun hinter dem Horizont. Vermutlich glücklich. Kann sie nun doch andere quälen. Ich fühle mich frei. Nun habe ich viele Stunden Zeit. Tage und Wochen. Getrennt von all dem hier. Sollen sich andere Vergiften lassen. Doch ist das Freiheit? Wer kann das schon sagen. Einige Momente des Friedens gönne ich mir, ehe ich mich von hier entferne. Kalter Wind. Trocken und beissend. Leben ist nun greifbar. Es ist in mir. Jetzt in dieser Sekunde. Fingerspitzen schmerzen. Nicht bedrohlich oder fremd. Vielmehr ein altbekannter vertrauter Schmerz. Fast fühle ich sie wieder. Die friedvolle Umarmung. Geborgenheit. Ich sehne mich danach. Und wie sollte es auch anders sein. Peinigen meine Triebe und Sehnsüchte mich doch seit meiner Ankunft in diesem Welt. So wird es bleiben. Sofern ich nicht den Entschluss fassen sollte zurückzukehren.

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