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  Forum: Nebelpfade
    Thema: Tagebuch des Wahnsinns
lioba[I]Es ist Zeit für etwas Neues. Eine Art Entscheidungshilfe. All das hier wird ein einziges Für und Wider. Chaos pur.[/I]



Ein Freund von mir ist vor einigen Wochen in die Schweiz gezogen. Seitdem schwärmt er mir vor, wie toll es ist und welche Möglichkeiten sich ihm nun bieten. Ich wurde aufs schärfste bearbeitet, dass ich doch nachkommen möge.
Nun, das stand nicht zur Debatte. Ich hatte es als eine Art schönen, unwirklich Traum im Hinterkopf. Jedoch war es nicht mehr.

Bis sich die Situation im Job nun so angespannt hat, dass das gesamte Team (nun ja, der Großteil zumindest) keine Lust mehr hat und sich nach neuen Möglichkeiten umsieht. Meine Kollegin und ich sprachen öfter mal im Scherz davon wie es wäre zusammen in die Schweiz zu gehen.
Und am Samstag dann die SMS:"Habe mich drei Stunden lang mit B. unterhalten. Über die Schweiz. Lass uns morgen trainieren, wir müssen reden."
Den gesamten Samstag lang wurde ich fast wahnsinnig vor lauter Grübelei. Ich habe mich gedanklich immer und immer im Kreis gedreht und habe keinen Ausweg gefunden. Ich habe angefangen Listen zu schreiben, mich mit Freunden zu beraten. Alle Argumente waren sinnlos. Es ging nicht um Argumente. Es ging um Gefühle. Dort ein besseres Leben. Was nicht sehr schwer ist. Als Therapeut in einem sozialen Beruf kann man keine großen Sprünge machen. Würde ich hier nie können.
Aber hier die Freunde. Freunde, wie ich sie in meiner Heimatstadt nicht hatte. Nicht, dass ich dort niemand gehabt hätte. Aber... nicht so intensiv, nicht so nah. Nicht so ähnlich kaputt. Jeder auf seine Weise völlig fertig und doch alle gleich. Kämpfer, Frohnaturen, traurige Gestalten die sich durch ihr Leben beißen. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Fast jeden Abend sitze ich bei einem von ihnen. Und auch, wenn ich nichts spreche. Es reicht mir dort zu sitzen. Es gibt Ruhe. Es gibt eine Ahnung von Geborgenheit und Wärme. Es gibt Sicherheit.

Aber sollte man andere Menschen vor das eigene Leben stellen? Sind sie so wichtig, dass sie es wert sind eine verpasste Chance zu bedauern? Ist es nicht eher so, dass die wichtigen Menschen auch noch in zwei Jahren sich darüber freuen, dass ich zurück komme?
Ich kam zu keinem Schluss.

Sonntag
Wir trafen uns zum Training und wollten nur einmal zusammen eine Pro und Contra Liste erstellen. Irgendwann fiel uns auf, dass wir schon planen, was zu tun ist. Was für Kosten auf uns zukommen. Und so langsam fiel uns auf, dass wir uns zu 80% schon entschieden hatten. Der Adrenalinspiegel stieg und wir freuten uns. Gedanklich richteten wir schon unsere gemeinsame Wohnung ein. Wir möchten lila Vorhänge. Und eine Maisonette Wohnung.
Nein ernsthaft, wir haben realistisch geplant und uns sinnvolle Gedanken gemacht.
Zuhause war ich erstmal völlig entspannt. Endlich war eine Entscheidung getroffen. Endlich ein Ende der Grübelei. Endlich, endlich, endlich.

Montag
Ich war immernoch guten Mutes. Wir hatten auch schon geplant abends nach der Arbeit mit B. zu skypen. Wir wollten noch einiges fragen, Dinge klären. Besonders hinsichtlich der Berufsanerkennung. Und nach einiger Recherche stellte sich heraus: es könnte sein das wird alles nichts. Eventuell müssten wir eine Art Aufbaukurs machen. Und ob sich das nun finanziell und nervlich lohnt ist die Frage. Interessant an dieser Feststellung war die Tatsache: wir waren beide sehr enttäuscht und das hieß, dass wir uns nun wirklich vollends entschieden hatten. Obwohl nun ersichtlich wurde, dass da noch ganz andere Steine im Weg liegen waren wir zufrieden mit dem Abend. Und zur Feier des Abends lief ich noch mit zwei Freunden durch die verschneite Gegend.
Und etwa gegen Ende des Weges sank mein Mut. Ganz langsam. Ich war noch voller Tatendrang und glücklich. Aber... nicht mehr gaaanz so enthusiastisch. Wieder einmal festzustellen was für wunderbare Menschen ich um mich herum habe. Schön. Normalerweise.

Heute
Der Mut hat mich verlassen. Ich zweifle an allem und weiß nicht mehr wohin mit mir. Gedanklich bin ich wieder so weit wie Samstag. Ich bin doch immer auf der Suche nach solchen Menschen gewesen, wie ich sie hier habe. Und nun will ich wieder fort? Ja spinn ich denn?
Aber... wie soll ich sonst vorwärts kommen? Manchmal braucht man eben Mut. Manchmal muss man das tun, was man sonst nie tun würde. Es ist ja immerhin auch eine Chance mich weiter zu entwickeln. Vielleicht wird es mein Lebenstraum. Vielleicht...
Aber die Sicherheit hier.
Oh Gott ich verliere den Verstand und werde langsam aber sicher wahnsinnig.


[I]Manchmal träume ich schwer
und dann denk ich, es wär
Zeit zu bleiben und nun
was ganz andres zu tun.

So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,
wie es war.

Fragt mich einer, warum
ich so bin, bleib ich stumm,
denn die Antwort darauf fällt mir schwer.
Denn was neu ist, wird alt
und was gestern noch galt,
stimmt schon heut oder morgen nicht mehr.[/I]
liobaIch will nicht mehr. Ich habe Angst davor. Deshalb verharre ich in Untätigkeit. Was, wenn das mit ihm nun weiter so läuft? Was, wenn ich dann habe, was ich mir immer gewünscht habe und weg muss?
Ich will nicht weg. Ich möchte endlich an einem Ort bleiben. Ich möchte meine Heimat behalten. Ich fühle mich hier wohl. Ich habe hier Freunde. Ich habe wirklich, wirklich gute Freunde inzwischen. Mir gefällt es hier. Es ist zu jedem weder zu nah, noch zu fern.
Aber nun habe ich schon so viel davon erzählt. Meinen Eltern vor allem. Davon, dass ich diese Chance nutzen muss. Schon allein vom finanziellen Gesichtspunkt aus betrachtet. Sie unterstützen mich in vielem. Sie würden voll hinter mir stehen. Egal, was ich tue. Doch wenn ich die Chance auf mehr Geld aufgebe für unsicheres soziales, das man ja nie voraussagen kann: was würden sie denken? Wäre das nicht unverantwortlich? Bin ich nicht in der Pflicht ihnen Last ab zu nehmen, wenn ich die Chance dazu habe?

Aber... ich will nicht mehr. Ich liebe mein Leben hier. Ich liebe meine Höhen und Tiefen. Ich liebe mein kleines Nest hier. Ich will nicht.
Aber... ich muss?
Demon17Wenn Du nicht willst, lass es. A) Wirst Du wahrscheinlich teilweise mit handfesten antideutschen Vorurteilen konfrontiert und b) musst Du auch die Kosten sehen. Die Schweiz ist teuer und da würde ich erst mal rechnen. Ich würde z.B. mit dem doppelten meines Einkommens in München nicht besser leben als hier und in Zürich sind ddie Mieten auch nicht niedriger. Check das erstmal und dann sind da immer noch die Gefühle ...
liobaHab ich gecheckt. Mir bleibt mehr als das Doppelte von dem, was ich hier habe nach Abzügen wie Steuer, Versicherung, Wohnung etc.
Desweiteren habe ich den Vorteil: Job durch Vitamin B und einen Freund, der schon dort ist.
Glaub mir, das habe ich alles schon durch, diese Gedankengänge. Das ist keine Laune, die ich mal eben aus der Luft gegriffen habe.
Demon17Gut, wenn mehr als das Doppelte übrig bleibt, sollte man drüber nachdenken.

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