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  Forum: Nebelpfade
    Thema: Am Rande des Abgrunds
rainravenWir sind, was wir sind
So, wie wir waren als Kind

(Radio Doria-Verlorene Kinder)


...

Was hat es damit auf sich, in einem "Lost Place" von Forum einen neuen Thread zu eröffnen?
Ein Leben in einer Ruine, oder die Ruine eines Lebens? Hat sich etwas geändert, oder dreht sich alles in einem unendlichen Kreis?

Meine Seele ist nach wie vor "schwarz", doch finde ich inzwischen so viel mehr Bestätigung in banalen, deutschen Pop-Hit-Texten, wie es mir scheint. Gerade zurück von einer Flucht zum Meer, hinter Hamburg und Köln, muß ich meinen Weg in Liedzeilen wiederfinden, und ein Revolverheld spricht mir so sehr aus der Seele, wenn er nicht mehr atmen kann, weil Hochhäuser seine Seele verbaut haben. Mir auch. 200 Meter weiter, in meiner eigenen Straße, meiner Heimat, wo eine alte Fabrik, der "Schlafende Drache", seine alten Tage verbringen sollte. Lieber ließe ich mich vergiften von den chemischen Dämpfen der Fotochemikalien als von 2000 neuen Einwohnern, die mir meinen Platz rauben. Wann hört der Wahnsinn endlich auf? Wann platzt meine Heimat endlich aus allen Nähten?

Laßt mich hier raus. Wieder hinter Hamburg, Berlin oder Köln. Ans Meer, zu dem unaufhörlichen, beruhigenden, nächtlichen Pfeifen der Austernfischer. Zum klappernden Geräusch der Pferdewagen auf Kopfsteinpflaster. Zum Rauschen der Wellen und dem Sand unter meinen nackten Füßen.
Zurück zu mir selbst.

Ich bin immer noch hier, und der Kampf hört niemals auf.
Kampf um meine noch verbleibenden Haare. Kampf um gesunde Augen, um Jobs für meine Angehörigen und meinen Partner. Mein steter Begleiter ist die Angst. Angst vor Verlust, vor Krankheit und Veränderung. Keine Minute Ruhe. Schlimme Träume. Wenn ich in den Spiegel sehe, erkenne ich mich nicht mehr.

Doch es gibt auch Positives.
Den Kleinen Drachen gibt es noch. Und er würde mich sogar heiraten. Wann immer ich bereit dazu bin. Ich hoffe, das Leben wird es mir sagen.
Den Tiger gibt es auch noch, und es wird ihn immer geben, in Liebe mit mir verbunden, wo auch immer es uns hin verschlagen wird. Inzwischen habe ich auch meinen Traum wahr gemacht und einen lebendigen Artgenossen von ihm gestreichelt, berührt, geführt, symbolisch für all das, was mir mit ihm nicht vergönnt ist. Bemüht, so viel Leben wie möglich mitzunehmen, zwischen all den Phasen, wo Stagnation, Verzweiflung und Trauer meinen Alltag erfüllt. Ich weiß nicht, woher ich noch die Kraft nehme. Doch "Aufgeben" gibt es in meinem Plan nicht. Und wenn alle am Boden liegen, muß ich als Letzter aufrecht stehen.
"Sie ist halt doch eine Kämpferin", hat mein Papa einst über mich gesagt.
Er hat immer an mich geglaubt. Papa, Du hattest in so vielem recht mit Deinem unerschütterlichen Optimismus. Auch darin, daß alles immer irgendwie ein gutes Ende findet.
Ich wünschte, ich könnte Dir glauben, auch in diesem Punkt.

Catch me when I'm falling.
rainravenWe've only reached the third day
Of our seven-day binge

(Marilyn Manson-Third Day of A Seven Day Binge)

...

Ich bin gerade fertig mit Tanzen und komme verschwitzt von der Tanzfläche, greife nach meinem Glas, nehme einen Schluck des im UV-Licht fluoreszierenden Standardgetränkes. Ich fühle mich gut. Vielleicht wird alles doch noch wieder wie früher, vielleicht wird es zumindest weitergehen.
2015 soll ein gutes Jahr werden, ich habe es im Blut.
Plötzlich greifen Deine Hände unverwandt nach meiner Mitte, pressen mich an Dich und Du wiegst mich lasziv im Takt zu einem Death-Country-esken Song, der aus der Anlage scheppert. Angenehm überrascht lasse ich meinen Drink stehen und beschließe, nicht cool wirken zu müssen, sondern einfach diesen Moment zu genießen und lasse mich führen. Meine Hände fassen diese verführerisch schmale Taille, und ich verinnerliche die Momente, in denen Du immer noch ganz mir gehörst...
Fast ist es wie früher, ich habe, verdammt noch mal, diesen Tiger immer noch an meiner Seite, und es gibt immer noch Momente, die wie früher sind, als wir noch jung waren, als ich noch ich war und alles noch so unbeschwert...

Ich sehe Deine Züge im Zwielicht, fettiges, ungekämmtes Haar, streng zurückgesträhnt, ungeschminkt, ungepflegt und unverblümt. Du mußt Dir keine Mühe mehr geben, einen auf Supergrufti machen, Dich verstellen, um mir zu gefallen. Mir fallen auch an Dir endlich Falten auf. Hatte ich Dich doch für so unerklärlich immerwährend jugendlich gehalten. Ich mag graue Haare bekommen, die Hauptsache ist doch, ich habe überhaupt noch Haare auf meinem Kopf, aber Du wirst auch nicht jünger, geliebter, vergötterter Tiger, und Du bist letztendlich auch nur aus Fleisch und Blut wie ich.

Wie lange es diese Unterkunft noch geben mag, es ist egal, ich fühle mich jung in diesem Moment, der zählt, und ich fühle mich unwiderstehlich wie damals, als ich auf der bunt blinkenden Bankeinfassung aus Plexiglas Platz nehme. Du döst neben mir, Deine Hand in meiner, ich sitze exponiert im blauen Licht, ein Bein lässig angewinkelt, eines ausgestreckt, den Drink leuchtend in der Hand, meine Augen schweifen durch den Raum, den spärliche Gäste füllen. Die Nacht pulsiert mit meinem Herzschlag, dies ist mein Revier, ich bin zuhause, ich bin noch immer ich. Wo auch immer es uns hin verschlägt, die Geschichte wird weitergehen.

Ich möchte diesem Club ein Denkmal setzen, rot, wie seine Vorgänger, bunt schimmernde Kreise auf dem Boden, die mich noch an andere Zeiten und andere Orte erinnern. Ich habe diese Location schon unter drei oder vier Namen zuvor gekannt, und immer haben mich diese fluoreszierenden Leuchtbalken für sie eingenommen. Heute weiß ich, daß es ganz banale Lichtschläuche sind, aber das macht sie nicht weniger attraktiv.
Heute weiß ich auch, daß auch der Tiger ein ganz banaler Mann aus Fleisch und Blut ist, aber das macht ihn nicht weniger attraktiv.

Mag auch die Zeit und die Gentrifizierung meine Zuhause hinwegnehmen, in mir drin kann sie mir keiner nehmen. Und irgendwann sehen wir uns wieder, auch Orte, die man geliebt hat, sind nicht verloren, ich weiß das.
Nimm meine Hand in Deine Hand, unscheinbarer Zeitgenosse, sieh in meine Augen, sag diese Worte, die immer noch ihre Gültigkeit haben, und küsse mich, wie flüssiger, goldener Honig. In diesem Moment die Ewigkeit.

...


Ich möchte auch einem anderen Club ein Denkmal setzen, der nie ein Zuhause war, doch ein Ort, an dem ich, so fehl ich auch am Platze sein konnte zwischen all diesen bärtigen, kurzhaarigen Pulli-und Jeans-Trägern und Glatthaar-Minirock-Studentinnen, mich dennoch wohl gefühlt hatte, zumindest, solange ein Konzert im Gange war, vor diesem schimmernden Paillettenvorhang. Das orange Interieur, das mir eine Zeit vorgab, die ich nicht mehr selbst erlebt hatte, die Drinks-kaum eine Location hat Leckeres zu trinken, was mir gerecht wird, deswegen muß diese gewürdigt werden-Kunstledersitze und Glasbausteine, Lavalampen und bizarre Dekogegenstände, ich hatte Dich gern, orange Höhle. Wie oft haben wir uns bei Dir wieder ganz jung gefühlt, lange, bevor wir "schwarz" wurden, wie oft eigenen Studentenzeiten nachgesonnen.
Auch wenn wir in Dir nie zuhause waren, hatte ich doch nie gedacht, daß diese Molochstadt Dich auch verschlingen würde, nach vielen langen Jahren, so lang, wie ich nun schon in der Szene daheim bin.
Ich sah die Bilder von Deinem Untergang, und sie taten mir weh, erinnerten mich so sehr an den Abriß meines eigenen Zuhauses, ein einzelnes trauriges Knicklicht im Schutt, der einst die Tanzfläche, die Bretter der Welt, gewesen war. Ruhe in Frieden, oranger Club. Auch Du wirst einen Platz in meinem Herzen behalten, wenn Du ihn schon in dieser Stadt nicht haben konntest.

Ich lebe noch. Ich fliege noch, ich feiere noch, in dem, was noch übrig ist, und ich bin noch am Leben. Heute nacht tanze ich für Euch, für einen Tiger, einen roten und einen orangen Club, und für alle, die noch bei mir sind...
rainravenYou're gone and I gotta stay
High all the time
To keep you off my mind
Spend my days locked in a haze
Trying to forget you babe
I fall back down

(Tove Lo-Habits)

...


Nun ist es soweit. Was ich all die Jahre befürchtet hatte, ist eingetroffen.
Ich gebe Dich frei, Tiger. Mit meinem Verstand, aber nicht mit meinem Herzen. Das kann ich nicht. Jeden Tag bist Du bei mir, seit all den Jahren. Wie kann ich meine stummen Träume abstellen? All die Hoffnungen, geboren, um nie Wirklichkeit zu werden.

Sie ist keine Tigerin, nein. Eher eine Blume. Doch ich will Euch nicht im Weg stehen, und deshalb gehe ich Euch aus dem Weg. Noch einmal will ich nichts kaputtmachen. Wie Du es ausdrückst, will ich auch "einfach nur überleben".

Ich wünsche Euch alles Gute, mit einem ehrlichen Herzen und zwei weinenden Augen. Und ich nehme mein graues, aber sicheres Leben an.
Am Rande des Abgrunds stand ich. Nun mache ich einen Schritt nach vorne.



I've known from the start
You would break my heart
You are who you are
But I'll keep loving you

(David Guetta-I'll keep loving you)

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