| Cold Rain | Hallo ihr! Ich war mir nicht sicher, wo ich das posten sollte.. wenn ich falsch bin, bitte verschieben :) Also... ich hätte ein Anliegen an euch: Wir haben in Geschichte im Moment das Mittelalter, und heute ging es darum, ob der Begriff Mittelalter negativ oder positiv besetzt ist. Im Text war es kurz angeführt und unser Lehrer hat uns versucht, irgendwas zu erzählen zum Thema, aber..:rolleyes: Negativ ist mir klar, zum positiven ist es mir noch nicht ausreichend... der Text gab nur her, dass manche Menschen das Mittelalter als Hort der Sehnsucht nach einer anderen, besseren Zeit sehen und dass die Romantiker Anfang des 19. Jh. das Mittelalter idealisierten... warum? Ich weiß, dass es mit goth (blödes Wort) zu tun hat.. oder besser gesagt: dass manche/viele (?) goth das auch so sehen... aber der Bereich ist mir bis jetzt völlig unergründet... Über Nachhilfe würde ich mich ungemein freuen:) cold rain |
| Gr. Gaulichter | au fein, da hab ich mal drüber referiert. also pass auf, ist ganz einfach ;) (ich mach's stichpunktartig) romantisch: - romanhaftes - wunderbares - bezauberndes - stimmungsvolles - unwirkliches - "das, was sich nüchternem verstand und profitdenken entzieht" man kann daraus leitmotive der romantik ableiten - sehnsucht - wandern / reisen - entgrenzung des eigenen ichs (-> selbstverwirklichung) symbol der romantik ist die blaue blume, welche für sehnsucht steht. blau steht für fernweh und blume für naturverbundenheit und schönheit. romantische religiösität - katholizismus - romantiker sehnen sich nach mittelalter zurück wegen der überschaubaren und geordneten verhältnisse. - !!! romantiker benutzten das mittelalter um die eigene wirklichkeit, in der sie lebten, verfremdet darzustellen - absicht: gestaltung eines zustandes der harmonie um die aktuelle gegenwart zu bewältigen (verfremdung, flucht, als stilmittel die romantische ironie) romantischer held - einzelwesen, aussteiger, aber - unter vereinsamung leidend, empfindlich - neigung zur eigenbetrachtung - hang zur melancholie und ironie romantische welt - oft märchenhafte welt - darstellung von nicht bodensicheren personen - aufgreifen von utopischen, die durch das mittelalter realisiert werden, also z.b. durch aufgreifen von alter folklore so, nun noch mal ausführlicher zu deinem "warum": die frühromantik begann 1797. da ging es vornehmlich um herrschen und beherrscht werden, um prunksucht und so zeugs. andererseits begannen die bürger in den immer mehr anwachsenden städten selbstständig ihre macht besonders wirtschaftlich zu festigen. sie wollten mitspracherecht ihre heimat betreffende fragen. die kirche hatte ihre machtposition in teilen eingebüßt, z.b. durch Galileo ein paar jährchen vorher. die leute brachen auch auf, ihr glück im fernen indien :D zu suchen (dankt Amerigo Vespucci). es wurden immer mehr erfindungen gemacht, also die vorboten der industrialisierung waren zu spüren (sowas wie webmaschinen, erste dampfmaschinen und so). das alles trug dazu bei, dass alles sehr unübersichtlich war. das mittelalter lag lange zurück, märchen und sagen (Gebrüder Grimm in der hochromantik ab 1802) trieben sich im volk herum. und wie das bei denen so üblich ist, wird hier was weggelassen und da was dazugedichtet. dadurch passiert es, dass diese immer mehr den bedürfnissen, wünschen, träumen der menschen angepasst wurden. sie trugen das mittelalter mit sich und veränderten es im bewusstsein - sie idealisierten es. ähm ja, faden verloren... gg |
| Ikonos | Man muß bei der Sache auch noch berücksichtigen, dass das Bild vom Mittelalter sehr von einzelen (un)Wissensfragmenten geprägt wird, die mit viel Phantasie aufgefüllt werden. Und die Fragmente, auf denen die Vorstellung vom Mittelalter fußt, wird häufig aus "Quellen" wie Filmen oder Romanen aufgebaut. Kurz, die meisten haben ein Bild von etwas, dass Sie Mittelalter nennen, ohne das Mittelalter auch nur ansatzweise zu kennen. Ein schönes Beispiel, ist die Sache, wie man sich im Mittelalter die Welt vorgestellt hat: Fragt man jemanden dazu, so lautet die Antwort: Flach! Flach? Schaut man sich jedoch die Primärquellen von Früh- bis Spätmittelalter an, so wird man schnell feststellen: Der Mensch im Mittelalter wusste, das die Erde rund ist (sogar die Kirche stand dazu, wie z.B. die Schriften von Papst Sylvester II. belegen). Abbildung um 1220: Image du Monde von Gossuin von Metz: [IMG]http://turba-delirantium.skyrocket.de/images/gossouin_v_metz_image_du_monde_1230.jpg[/IMG] Nichtsdestotrotz hält sich seit den Zeiten der Aufklärung der Irrglaube, die Menschen im Mittelalter hätten geglaubt, die Welt sei Flach - da man in der Aufklärung sich über das Unwissen des Mittelalters stellen wollte. Damit wurde z.B. ein deutlich negativeres Bild des Mittelalters geprägt, als durch die Realität begründet war. Ebenso wird die systematische Hexenverfolgung mit dem Mittelalter in verbindung gebracht, ohne zu berücksichtigen, dass die Hexenjagd ein Phänomen der frühen Neuzeit war, also später anzusiedeln ist. Genauso gibt es entsprechende Positivierungen durch romantische Vorstellungen, die das Bild ebenso in die andere Richtung verzerren. Daraus kann man schließen, dass die meisten Leute die Assoziationen mit dem Mittelalter sich so zurecht biegen, wie es in Ihr Weltbild passt, weil keiner sich die Mühe macht, sich etwas genauer kundig zu machen. Wer zeigen möchte, wie gut es später war, wird ein negatives Bild zeichnen, wer hervorheben will wie schlecht es jetzt ist, neigt zum romantisieren. In der Hoffnung, nicht zuviel Verwirrung gestiftet zu haben, Gunter |
| Gr. Gaulichter | find ich faszinierend, deswegen: sie erkannten, dass die welt rund sein muss (oder irgendwie beulenartig), weil sie, wenn sie nach schiffen ausschau hielten, immer erst die mastspitze sahen und dann den rest des schiffes. fernrohre mit linsen gab es erst kurz vor 1600. gg |
| Trinity Goth | Mein Mediävistik Prof ist immer hochgegangen, wenn man das Mittelalter als Finsteres Zeitalter bezeichnet hat ;) Ich habe seit je her eine Vorliebe für Burgen und mittelalterliche Literatur, das in der schwarzen Szene diese Dinge verbreitet sind kam mir damals sehr gelegen. Warum Goth's das MA mögen hängt wahrscheinlich mit der romantischen Verklärung zusammen, die Sehnsucht nach einer einfacheren Welt. Gruß Trin |
| Ikonos | [QUOTE][i]Original geschrieben von Trinity Goth [/i] [B]die Sehnsucht nach einer einfacheren Welt. [/B][/QUOTE] Wobei das MA genausowenig "einfacher" war, wie es "finster" war. Es war einfach anders. Gunter |
| Rose_der_Nacht | okay, das hat nichts mit der Frage zu tun, aber mit Mittelalter. Wann fing eigentlich das mittelalter an und wo hörte es auf? - für Geschichte. |
| Ikonos | [QUOTE][i]Original geschrieben von Rose_der_Nacht [/i] [B]okay, das hat nichts mit der Frage zu tun, aber mit Mittelalter. Wann fing eigentlich das mittelalter an und wo hörte es auf? - für Geschichte. [/B][/QUOTE] Man kann etwa sagen von ca 500 n. Chr. bis 1500 n. Chr. - also vom Untergang des weströmischen Reiches bis zur Reformation. Unterteilen kann man es noch in: Frühmittelalter: 500 - 1050 Hochmittelalter: 1050 - 1250 Spätmittelalter: 1250 - 1500 Natürlich kann man über all diese Zahlen streiten, aber das ist so die gängiste Definition. Gunter |
| Rose_der_Nacht | Vielen Vielen Dank für die schnelle Antwort! :) |
| Trinity Goth | @Ikonos: Das hab ich ja auch nicht behauptet, aber viele MA Freaks möchten genau das gerne glauben ;) Das heute auf den Märkten gelebte Mittelalter ist wohl diese Vorstellung - eine Idealisierung. Gruß Trin |
| Ikonos | [QUOTE][i]Original geschrieben von Trinity Goth [/i] [B]@Ikonos: Das hab ich ja auch nicht behauptet, aber viele MA Freaks möchten genau das gerne glauben ;) Das heute auf den Märkten gelebte Mittelalter ist wohl diese Vorstellung - eine Idealisierung. Gruß Trin [/B][/QUOTE] Jo, das auf den Märkten sicherlich (ob man das überhaupt Mittelalter nennen mag, ist ne andere Sache und artet meist in übelsten Auseinandersetzungen aus ;) ) Idealisierung ist vieleicht noch 'ne Untertreibung: Eines meiner gesichteten Highlights auf dem Markt war ein Mönch mit Thorshammer-Umhänger, der laut "Odin" brüllte - jaaaa, so muß das sein. Oder ein in einen ehemaligen Flokati gehüllte Gestalt (mit Schwert und Trinkhorn), der amerikanischen Touris voller Selbstüberzeugung erklärte, daß er das Mittalter authentisch darstelle. Aber es geht ja auch anders... Gunter |
| Demoness | Das Wort "Mittelalter" an sich ist doch eigentlich neutral ... Eben etwas 'dazwischen', was nicht wie "Renaissance" durch den Namen irgendwie beschrieben wird ... Ein nichtssagender Begriff, der im Nachhinein von den Menschen geprägt wurde. Im Mittelalter selbst dachten die Menschen, kurz vor der Apokalypse zu stehen ... Leider wird immer irgendetwas Romantisches mit dem Mittelalter verbunden ... Aber das Mittelalter war kein Mittelaltermarkt, lang nicht so finster wie oft behauptet, und einfacher oder überschaubarer war da auch nicht wirklich etwas. Seit ich mittelalterliches Englisch und mittelalterliche Geschichte studiere (mittlerweile mehr als 3 Jahre) hat sich sämtliche romantische Vorstellung des Mittelalters bei mir verzogen ... Immerhin ist das Mittelalter gute 1000 Jahre lang existent gewesen, regional und zeitlich gab es wahnsinnige Unterschiede ... |
| Cold Rain | Danke für die vielen Antworten, ich denke da kann ich gut was mit anfangen.. mein Lehrer wird begeister sein ;) cold rain |
| Tiberon | Die Suchfunktion offenbart so einiges ... [url=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=32153&highlight=mittelalter]Mittelalter[/url] [url=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=26545&highlight=mittelalter]Was haltet ihr von der Mittelalter Szene[/url] [url=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=19083&highlight=mittelalter]Frisuren im Mittelalter[/url] |
| Trinity Goth | @Ikonos: Das ist Fantasy live, die MA Freaks gehen zwar hoch, wenn man ihnen das sagt *evil grin*. Ich durfte mir damals immer anhören ich hätte keinen authentische Gewandung ( nicht das ich das irgentwann behauptet hätte), aber das von einer Tussi zu hören deren Gewandung zwar einen mittelalterlichen Schnitt hatte, aber pink war *schauder*. Ich behaupte 100% authentisch funktioniert nicht und was soll das Ganze auch für einen Sinn haben. @Demoness: Also mein Mediävistik Studium förderte den Spass am MA um so mehr, zumindest die Literatur hat doch etwas sehr romantisches. @Tibereon: Der Thread hier ist schon nach wenigen Posts interessanter als der andere Thread deswegen habe ich den anderen geschlossen. Gruß Trin |
| Ikonos | [QUOTE][i]Original geschrieben von Trinity Goth [/i] [B] @Ikonos: Das ist Fantasy live, die MA Freaks gehen zwar hoch, wenn man ihnen das sagt *evil grin*. [/B][/QUOTE] Wobei ja ansich nichts gegen Fantasy zu sagen wäre, außer wenn man es "Mittelalter" nennt ;) [QUOTE][i]Original geschrieben von Trinity Goth [/i] [B]Ich durfte mir damals immer anhören ich hätte keinen authentische Gewandung ( nicht das ich das irgentwann behauptet hätte), aber das von einer Tussi zu hören deren Gewandung zwar einen mittelalterlichen Schnitt hatte, aber pink war *schauder*.[/B][/QUOTE] Ich weis zwar nicht wie Pink das war, aber seltsame Farben (und Kombinationen) gab es schon: [url]http://digi.ub.uni-heidelberg.de/sammlung2/cpg/cpg848.xml?docname=cpg848&pageid=PAGE0138[/url] [QUOTE][i]Original geschrieben von Trinity Goth [/i] [B] Ich behaupte 100% authentisch funktioniert nicht und was soll das Ganze auch für einen Sinn haben.[/B][/QUOTE] 100% wird man nie erreichen können, aber warum soll man es nicht zumindest in gewissen Aspekten versuchen. Ich finde es immer wieder faszinierend, z.B. Kunsthandwerkstechniken wie sie von Theophilus Presbyter (11. Jh.) beschrieben wurden, anzuwenden umdadurch zu erfahren, wie man damals Holz und Farben verarbeitet hat. Resultat dieser Versuche war zum Beispiel eine Rekonstruktion eines Wurfzabelspiels (Vorläufer von Backgammon) mit entsprechenden Materialien nach Abbildungen und Funden. Original: [url]http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Wurfzabel.jpg[/url] und Rekonstruktion: [url]http://turba-delirantium.skyrocket.de/photos_g/bbl_ronneburg_03.jpg[/url] Und sowas bringt mir deutlich mehr, als jeder MA-Markt ;) [QUOTE][i]Original geschrieben von Trinity Goth [/i] [B]@Demoness: Also mein Mediävistik Studium förderte den Spass am MA um so mehr, zumindest die Literatur hat doch etwas sehr romantisches.[/B][/QUOTE] Irgendwie hält sich ja in der sog. MA-Markt-Szene irgendwie eine massive Abneigung gegen eigenes Nachforschen und die Ansicht, daß jeder, der einen gewissen Anspruch hat, eins Spaßbremse sei. Dabei kriegt man von Büchern und Museen keine Pusteln und mir (und dem Rest von unserer Gruppe) macht gerade die Recherche einen riesen Spaß. Gunter |
| Demoness | Ich hab doch gar nicht behauptet, ich hätte keinen Spaß mehr am Mittelalter, nur weil ich es studiere! Klar hab ich Spaß, besonders an Ausstellungen und Büchern ... nur eben nicht mehr so auf Mittelaltermärkten, wo es Bratkartoffeln als sog. "Ritterschmaus" gibt und alle denken, sie würden ein orignal mittelalterliches Fressgelage feiern! Da ich durch das Studium auch Ahnung von z.B. Mittelhochdeutsch und besonders von Alt- und Mittelenglisch habe, nervt mich auch das komische pseudo-mittelalterliche Gerede auf diesen Märkten ... Original nachgemacht will ich es ja gar nicht haben. Aber teilweise mutet es ja schon fast als Verarsche an, was da so angeboten wird. Manche Märkte und besonders Reenactmentgruppen taugen sehr viel, andere sind eben deutlich für das auf diesem gebiet ungebildete Publikum gedacht ... |