| bettyboop | ich habe jetzt ein wenig gesucht und die regeln durchforscht und hoffe nun, dass der beitrag hier an der richtigen stelle stehen wird. es geht um folgendes erlebnis: gestern abend gegen 21 uhr bin ich mit zwei freunden auf dem nachhauseweg von einer party. wir mussten hauptbahnhof in die u-bahn umsteigen. unten auf dem bahnsteig fährt uns quasi die bahn vor der nase weg, als wir plötzlich vor uns den blinden sehen, der um hilfe bittet. er war anscheinend gerade aus der bahn ausgestiegen und vollkommen orientierungslos. er fragte, ob ihm jemand sagen könne, wie weit es noch bis zur treppe ist. meine freundin reagierte sofort und ging auf ihn zu. er erklärte daraufhin auch gleich, dass er es eilig hätte und seinen zug bekommen müsste. sie hat ihn also zur treppe begleitet und auch hoch gebracht. wir standen unten im ubahn schacht und ich dachte mir fast, dass er sie vielleicht noch bittet, ihn in die bahnhofshalle zu begleiten. zumindest war sie für uns quasi "verschwunden", da wir unten im ubahn schacht standen und sie, nachdem sie die treppe hoch gegangen war, nicht mehr sehen konnten. etwa 20 min später war sie wieder da und erzählte, dass er die ganze zeit betont hätte, wie eilig er es hätte und dass er wissen müsste, wo sein zug abfährt. er hatte zudem zwei größere hunde dabei (scheinbar allerdings keine blindenhunde), die den weg über auch noch die ganze zeit gebellt hätten und in dem gedränge den leuten in die quere kamen, da der blinde so schnell gegangen wäre...meine freundin wusste natürlich auch nicht, wo der zug, den er bekommen wollte oder musste, abfuhr, sodass sie jemanden von der bahn nach dem gleis fragen wollte. als sie ihm jedenfalls sagte, er solle kurz warten, damit sie es herausfinden könne, wurde er gleich ganz forsch und meinte, das würde ihm zu lange dauern, er hätte doch keine zeit. im endeffekt haben sie dann doch das richtige gleis gefunden und er hat sich auch für die hilfe bedankt. als meine freundin nun zu uns zurück kam, meinte sie allerdings, ihr wäre es gar nicht so recht gewesen, dass er sich sofort bei ihr eingehakt hätte und die ganze zeit über dieser enge körperkontakt da gewesen ist, auch wenn sie immer dazu bereit wäre, zu helfen. bei mir kam auch recht schnell die frage auf, in wieweit eine behinderte person diese hilfe von jemandem "erwarten" oder vielleicht auch "einfordern" kann. ich finde, man merkt sofort, was für eine gradwanderung diese frage beinhaltet... er hätte ja auch nach einem bediensteten der bahn oder des bahnhofes fragen können; diese müssen in einem solchen (oder ähnlichen fall) doch eigentlich hilfestellung leisten. man selber würde in so einem moment wahrscheinlich gar nicht daran denken, weil man sich "verpflichtet" fühlt...weil man moralisch in bedrängnis kommt...und das, obwohl man sich vielleicht mit der situation überfordert fühlt oder es einem aus persönlichen gründen gar nicht so recht ist. was denkt ihr darüber? wie würdet ihr reagieren? was ist selbstverständlichkeit? wo ist die grenze? oder gibt es überhaupt grenzen? gradwanderung ja oder nein? würde mich sehr über antworten freuen! viele grüße betty |
| Gr. Gaulichter | wenn jemand ein taschentuch braucht und du magst es ihm nicht geben, dann machst du dir nicht so viel überlegungen, stimmt's? nebenbei: das einhaken ist üblich. es ist die sicherste methode für den blinden, über stufen und andere hindernisse informiert zu werden, ohne dass der führende ein wort sagen muss. anfangs ist es unangenehm, das stimmt. gg.grüße |
| bettyboop | ehrlich gesagt versteh ich den vergleich mit dem taschentuch nicht ganz. und [I]warum[/I] sich ein blinder einhakt, ist mir vollkommen klar. es geht mir wie gesagt ja auch nicht darum, die hilfe ansich in frage zu stellen oder ob es in ordnung ist, dass ein behinderter (es kann ja auch jemand mit einer geh-behinderung sein) sich bei jemand fremdem sofort einhakt. |
| Mondsilbertaufe | [QUOTE]bei mir kam auch recht schnell die frage auf, in wieweit eine behinderte person diese hilfe von jemandem "erwarten" oder vielleicht auch "einfordern" kann. [/QUOTE] Er kann es und er macht es einfach. Blinde haben den Nachteil, dass sie deine nonverbale Kommunikation nur bedingt wahrnehmen können. Sie wissen ja noch nichtmal, ob du ein nettes Mädchen bist oder ein böser Mensch, der sie anfixen will. Falls ein Blinder also Hilfe braucht, wartet er nicht ab, bis er einen Schaffner sieht, wie soll er auch, sondern fragt lustig drauf los: Hilfst du mir, ja oder nein? Du kannst natürlich verneinen, so wie bei jedem gesunden Menschen auch. Wenn du ein Problem damit hast, die Hilfe zu verweigern, könntest du dich fragen: Warum will ich nicht helfen? und: Warum kann ich es ihm nicht sagen oder schäme mich dafür? In dem Fall könntest du Selbstreflexion betreiben, falls das ein Problem für dich darstellt. Ich wette, der Blinde hätte nicht weiter nachgedacht, hättest du "Nein" gesagt. Ich denke nicht, dass der Konflikt, den du offensichtlich mit dir selbst ausfichst ein moralischer ist. Schließlich bist du dir bewusst, dass Menschen mit Behinderung manchmal Hilfe brauchen und es wichtig und gut ist, wenn man ihnen helfen kann, dies auch zu tun. Nein, diese Frage scheint mir eher eine Frage der Erziehung zu sein. Ich selbst helfe gern und habe auch kein Problem damit, dass manche Menschen Hilfe bedürfen und einige von ihnen sie bestimmt einfordern. Dabei Grenzen zu setzen fällt mir auch nicht schwer, denn ich weiß, dass der andere zunächst von einem Stereotypen ausgeht, von dem jeder Mensch in gewisser Hinsicht abweicht. Inwiefern man selbst davon abweicht, muss man dem Gegenüber klar machen, indem man Grenzen aufzeigt. Z.B. dass man nur bereit ist, bis zur Treppe zu begleiten oder auch nur die Richtung anzugeben. Dabei muss man es aber direkt formulieren. Nur weil sie blind sind, sind sie noch lange keine Hellseher. Dass du möglicherwiese pikiert dreinschaust angesicht der forschen Vorgehensweise eines Blinden, merken sie meist erst, wenn du etwas mit ihnen sprichst. Blinde Menschen können klare Ansagen gut akzeptieren. Mir ist zumindest noch nie jemand aufgefallen, der hilfloserweise in Tränen ausbrach, weil sich keiner fand, der ein wenig Orientierung spendete. |
| MagnusCaudar(Bw | Für gewöhnlich helfe ich nicht , doch wie meistens liegt dies wahrscheinlich wieder einfach an der Einstellung ... Das sind die einzigen renzen die es gibt ... |
| Nezumi | Also normalerweise helfe ich schon, nur scheint diese Person ja ganz schön dreist zu sein:eek: Das ist mir noch nie passiert, bei mir waren die alle immer recht höflich. Also wenn ich jemandem helfe, setze ich auch voraus, das die Person es zu schätzen weiß, das ich ihr (ja eigentlich einer wildfremden Person) einen Teil meiner persönlichen Zeit widme. Ich dnke mal, deine Freundin war einfach zu überrumpelt von der Frechheit, wäre mir nicht anders ergangen. Das mit dem einhaken stört mich weniger, ich hab zwar schon Berührungsängste, aber bei einem Blinden kann ich das noch irgendwie nachvollziehen. Mich stört eher, dass er sich beschwert hat, dass es ihm zu langsam geht! Es hätten ihn ja schließlich auch alle stehen lassen können, dann hätte es noch länger gedauert. Klar muss man sich meiner Meinung nach als behinderter Mensch nicht in die Opferrolle fügen, aber trotzdem sollte man nicht voraussetzen, dass einem jeder jederzeit Hilfe schuldig ist und man sollte dann auch demenstsprechend höflich sein. Sonst sehe ich das irgendwie als Mißbrauch seiner Behinderung... |