| True Zombie | Die ganzen Leute die sich in ihrer Jugend zum erstenmal zu unterschiedlichen Szenen (Punks, Skins, Grufties, Technos, Hip Hopper, Metaler,...) zusammenschlossen und sich "Fuck the system!" auf die Flagge schrieben sind mittlerweile auch schon jenseits der 40/50 und deren Kinder mittlerweile selbst Jugendliche und junge Erwachsene. Ich gehe davon aus, wenn man als Kind von solch Alternativen aufwächst, daß man dann in seiner jugendlichen Rebellionszeit, nur noch damit schocken und provozieren kann, indem man extremster Systemfaschist wird und somit den Szene-Eltern den Stinkefinger zeigt. Eigentlich irgendwo ein schizophrenes Paradoxon, denn es war ja bei den Eltern ein Zeichen extremster jugendlicher Rebellion daß man sich vom System abgrenzte und was eigenes aus dem Boden stampfte. Doch wenn die Kinder dann schon so aufwachsen, daß sie von den Eltern immer verklickert kriegen, daß das System der böse Feind ist, braucht man sich nicht wundern daß die Kids wenn sie jugendlich werden, genau mit diesem Tabu brechen und sich auf die Seite des Systems stellen. Somit wurde aus der Systemtreue eine neue Form der Rebellion und man könnte sogar behaupten, daß es sich bei dieser Form der Konterrevolution um das neue Underground/Independent/Alternative-Dingens handelt - sozusagen die Alternative zur Alternative. Aber um das genau zu beurteilen steck ich selbst nicht in der Haut jener jungen Leute von heute. Ich persönlich sehe mich da eher als Zwischengeneration, die vielleicht nicht ganz so sehr das System fickte wie deren Eltern und ebenso nicht ganz so sehr systemtreu bin wie die Jugend von heute. Ich strebe da eher danach von Beidem zu profitieren, hab aber im ungünstigen Falle durch Beides nur die Arschkarte. Und mittlerweile muss ich dann wohl auch eingestehen, daß ich von beiden Seiten genascht hab und auch beiden Seiten was abgewinnen konnte, aber irgendwo mehr meine Ruhe und meinen Frieden habe, wenn ich mich beiden Seiten entziehe bzw. mir das nur gemäßigt gebe und nicht so übertreibe. Aber ich bin mir diesbezüglich auch noch etwas im Unklaren, ob ich es mal wieder so auf die Reihe krieg. |
| eine Andere | Ich glaube dein Konstrukt hinkt an der Tatsache, das es "das System" und "die Gesellschaft" nicht gibt, sondern das die ganze Kiste nunmal gsd wesentlich komplexer ist und es objektiv gesehen keine "Seiten" gibt. Sehr schön in dem Zusammenhang finde ich den Spruch: "Erwachsen werden bedeutet, Dinge zu tun, obwohl die Eltern einem dazu geraten haben. Imho beruht ein großer Teil der "Jugendlichen Rebellion" schlichtweg auf der Jugend .. Wer aber als Erwachener immernoch in diesen vereinfachten Kategorien denkt, muss sich nicht wundern, das er nicht ernstgenommen wird - auch - und erstrecht nicht - von den eigenen Kindern die man vielleicht auchnoch versucht hat so zu erziehen, das sie eine eigene Meinung vertreten. Weist du ich bin so ein "Kind" mit 4 habe ich von Meckie Messer im Kiga gesungen , bin mit 6,7,8 auf Ostermärsche mitgelaufen und habe Anti AKW Transparente gemalt , mit 12 mit meinem Vater gesoffen, der mir als Beamter mit einem BAT 13 Gehalt die Leier vom "bösen System" vorheulte. Und der bösen bösen Gesellschaft, die sein Sexualleben ruiniert hatte und ihn als Alkoholiker diffamierte wo er doch nur harmloser Quartalssäufer sei..( 4 von 4 Quartalen).. und sowiso das wir vor 12 Jahren schon hier subtropische Verhältnisse haben werden..oder so :) Trotzdem bin ich leider kein "Systemfaschist" geworden .. sondern ne arme Sau ohne Ausbildung und Rentenanspruch die nun die revolutionäre Wahl hat zwischen H4 subventionierten Niedriglohn, nem gelben Schein, oder 24/7 Selbstständigkeit um ihre Kinder zu ernähren, deren Vater den "richtigen" Ausstieg gemacht hat - auf der Platte als Junkie... Die Revolution hatte ich mir damals irgendwie anders vorgestellt . |
| True Zombie | Ja, mein Beileid für Dich. Ich hänge auch nur noch einsam da in meinem Drecksloch mit ner ruinierten Gesundheit, Suchtverhalten und ein paar Kröten mehr als Hartz4. Irgendetwas zu genießen bin ich nicht mehr groß im Stande, da die Schmerzen körperlichen und psychischen Ursprungs zu stark sind. Nachdenken über dies und jenes ist mir die letzte Freude. Ab und zu mal ne Brise frische Luft tut auch mal gut. Und manchmal schmeckt sogar mal wieder der Kaffee, auch wenn mir nur noch sauer aufstößt dabei. Aber ansonsten fühl ich mich mit meinen Mitdreißigern nur noch wie ein verwahrlostes Wrack. Ich könnte mit Sicherheit etwas tun, um mich besser zu fühlen - mehr Bewegung, gesündere Ernährung, mit dem Rauchen aufhören. Aber das tut letztlich erstmal nur noch mehr weh, auch wenn man dafür im Nachhinein dankbar wäre. Und jene Anstrengung die Karre eigenhändig aus dem Dreck zu ziehen lässt mich irgendwie davor zurückschrecken, so daß ich lieber im Dreck ausharre, daran leide und darauf warte bis ich motiviert bin was zu ändern. |
| Kampfsau | Mmmhh, kann es nur dafür oder dagegen geben? Warum sollte man gegen etwas sein, nur weil die Eltern dafür sind? Schließlich sagt sich ja auch niemand wirklich ich werd ein Säufer der seine Kinder schlägt, weil meine Eltern so liebevoll zu und geduldig mit mir waren. Man muss doch selber wissen, was wirklich das Beste für einen ist. Wenn die Eltern einem das verbieten, dann muss man rebellieren. Wenn die Eltern einem etwas vorgelebt haben, dass einem zusagt, dann kann man dem doch nachstreben. Das Kinder ähnlich wie ihre Eltern leben ist viel wahrscheinlicher, als dass genau das Gegenteil eintrifft. Nun gut, wirtschaftlich ist es natürlich deutlich schwieriger geworden, den selben Lebensstandard wie die Eltern zu halten aber man kann ähnliche Werte vertreten. |
| True Zombie | Ja, wenn Du es so siehst haste Recht. Denn eigentlich seh ich auch nix verkehrtes darin, daß meine Eltern relativ fleißige Arbeiter sind und das auch moralisch irgendwo vertreten können. Und die ham zwar Auto, Haus, Urlaub und den ganzen Kram, den ich nicht brauch, aber sind trotzdem irgendwo einfache Leute. So wie viele andere in deren Alter ebenso. Ich bin ja letztlich auch nur ein Mittelschichtskind, was sich erst beeindrucken ließ vom schillernden Reichtum der Oberschicht und im Anschluss von der abgewrackten Armut der Unterschicht. Ich lebte beides auch auf ne gewisse Art und Weise aus, aber so richtig zufrieden stellte es mich auf Dauer auch nicht. Die Gewöhnlichkeit meiner Eltern ist zwar irgendwo beruhigend, aber auf Dauer mir dann auch irgendwo zu langweilig. Ich weiß bis jetzt auch noch nicht, welchen Weg ich bis zum Lebensende gehen soll, auch wenn ich schon ein paar unterschiedliche Wege ging. |