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  Forum: lebens : ART
    Thema: Moral?
DarketSo, hiermit eröffne ich den Versuch in diesem Forum mal eine Diskussion zu ernsthafteren Themen als Posergehabe und Kindergruftis zu starten.

Ich stelle die Frage nach der Moral, den ethischen Grundsätzen von Menschen innerhalb der schwarzen Szene und der Szene insgesamt.
Wir grenzen uns durch Aussehen und Denkstruktur nach der Meinung der meisten Menschen vom Großteil der Gesellschaft ab oder geben uns jedenfalls die aller größte Mühe es zu versuchen und zu behaupten. Meine Frage ist die, wie es dahingehend mit den moralischen Grundsätzen der Gesellschaft aussieht. Lehnen wir sie ab, übernehmen wir sie, wandeln wir sie ab und wenn ja inwiefern?
Ich mache die Erfahrung, dass natürlich ein Großteil der Werte der Gesellschaft, die uns umgibt übernommen werden ("töten ist falsch"). Daher: Ist es nicht ein innerer Widerspruch die Gesellschaft "dort draußen" zu verdammen und dennoch eine ihrer wichtigsten Säulen, die Moral fast 1:1 zu übernehmen?
Das was ich auf diesem Board immer wieder lese ist das Credo: Alles ist erlaubt, solange es anderen nicht schadet. Also quasi Crowleys "Tu was Du willst" mit Einschränkungen. Ich persönlich teile dieses Credo, aber es ist auch außerhalb der Szene auf dem Vormarsch, ist das mit der schon pathologisch zu nennenden Ablehnung der Mainstream Gesellschaft eigentlich noch vereinbar?
Müsste sich eine Subkultur wie diese nicht über einen völlig eigenen ethischen Codex auszeichnen?

Ich stelle diese Frage völlig ernsthaft und unrethorisch, ich persönlich denke nein, allerdings bin ich auch kein Feind der Gesellschaft als solcher.
Sanna I.S.P.die moralischen begriffe kommen ja auch in der (groß)gesellschaft nicht von ungefähr, oder wurden irgendwann einmal völlig ohne bezug zur realität verfasst.
sie fußen auf erfahrungen wie menschen sich beim zusammenleben in großen gruppen verhalten, was nützlich ist, förderlich und was unbedingt unterbunden werden muss.

auch wenn sich in späteren entwicklungen viele moralvorstellungen schon fast als pervers erweisen (besonders von außerhalb einer gesellschaft betrachtet), hätte es, wie ich meine, wenig sinn, für eine subkultur, die ja im rahmen einer größeren gemeinschaft eingebettet liegt, diese als ganzes über den haufen zu werfen, und für sich eine neue moralische grundstruktur zu entwickeln.

moral ist etwas, das mit einer gesellschaft wächst, ein organisches gebilde, das, bei dem versuch einer künstlichen neuschöpfung, zwangsläufig brüchig und schwerfällig ausfallen wird.

demnach bin auch ich nicht der meinung, dass es einer eigenen klaren moralischen abgrenzung bedarf. schließlich ist eine solche auch schlichtweg unmöglich.
gekitsusehr interessante frage, darket

ich wuerde sagen, "wir" grenzen uns schon ab - wenn das auch nicht heissen muss, dass wir deshalb eine signifikant andere einstellung haben muessen als der "mainstream" (ich lass die anfuehrungszeichen bei "wir" und "mainstream" ab sofort weg, okay?).

zum einen macht der ton die musik - will heissen: auch wenn wir bei aehnlichen ergebnissen angelangen tun wir das wohl auf unterschiedlichen wegen. ob ich etwas uebernehme weil "man das halt so macht" oder sich "das anders ja nicht gehoert" oder ob ich zu dem schluss komme weil ich nachgedacht habe und selbst einen entschluss gefasst habe der mit mir und meinen gedanken vereinbar ist ist schon ein unterschied.

zum anderen sind es denke ich doch eher die engsten moralischen kernbegriffe die wirklich gleich sind. nicht toeten, inzesttabu etcetera.. - aber wuerdest du auf etwas weiter gefasste werte wie zum beispiel treue/loyalitaet im mainstream wetten? verlassen wuerde ich mich momentan zumindest nicht auf deren existenz - zumindest nicht in dem masse in dem ich diese werte fuer mich lebe damit ich mich abends noch im spiegel ansehen kann.
ausserdem sehe ich in einem grossen (aber wie ich fuerchte kleiner werdenden) teil der schwarzen szene ein deutliches abgrenzen von als moralisch erachteten werten desm ainstream - ein grossteil der political correctness haelt einer hinterfragung nicht wirklich stand - wer wahllos uebernimmt wird es nie merken aber wer sich hinsetzt und wirklich ueber moral nachdenkt wird eher mit dem einen oder anderen weniger sinnvollen "wert" brechen.

gerade bei solch persoenlichen dingen wie moral, religion/glaube etcetera fnde ich, spielt auch der weg seine rolle, nicht nur das ziel.
Darket[QUOTE]zum einen macht der ton die musik - will heissen: auch wenn wir bei aehnlichen ergebnissen angelangen tun wir das wohl auf unterschiedlichen wegen. ob ich etwas uebernehme weil "man das halt so macht" oder sich "das anders ja nicht gehoert" oder ob ich zu dem schluss komme weil ich nachgedacht habe und selbst einen entschluss gefasst habe der mit mir und meinen gedanken vereinbar ist ist schon ein unterschied[/QUOTE]
Da würde ich mich nicht so festlegen. Ich weiß nicht welche Ansichten ich heute vertreten würde, wenn mir meine Eltern beispielsweise nicht beigebracht hätten, dass Gewalt schlecht ist. Ok, ich hab ihre Ansichten weiterentwickelt, aber die Grundsätze haben sie mir vermittelt.

[QUOTE]aber wuerdest du auf etwas weiter gefasste werte wie zum beispiel treue/loyalitaet im mainstream wetten? verlassen wuerde ich mich momentan zumindest nicht auf deren existenz - zumindest nicht in dem masse in dem ich diese werte fuer mich lebe damit ich mich abends noch im spiegel ansehen kann.[/QUOTE]
Nein, ich würde nicht darauf wetten, allerdings weder innerhalb der Szene noch außerhalb.
die Aversion[QUOTE] Ist es nicht ein innerer Widerspruch die Gesellschaft "dort draußen" zu verdammen und dennoch eine ihrer wichtigsten Säulen, die Moral fast 1:1 zu übernehmen?[/QUOTE]

Nein, ich sehe da keinen Widerspruch, da ich mir die Freiheit nehme, das was ich als bejahenswert empfinde, für mich zu übernehmen und den Rest zu verwerfen. Und gerade das macht eine Subkultur, die mehr als ein bloßer Modegag sein will, aus: Sie ist eine bewusst gelebte Antikultur, die der Gesellschaft zwar theoretisch diametral gegenüberstehen [I]könnte[/I], dies aber nicht muss, da sie sich primär als Realisation der alternativen Lebenskonzepte ihrer Mitglieder versteht und nicht als ein pubertäres Um-jeden-Preis-dagegenhalten. Wenn die Unterschiede so marginal wären, dass sie faktisch nicht vorhanden wären, entstünde erst gar keine Subkultur, da sich die Mitglieder in diesem Falle auch mit dem "Mainstream" zu arrangieren wüssten.

[QUOTE] Müsste sich eine Subkultur wie diese nicht über einen völlig eigenen ethischen Codex auszeichnen?[/QUOTE]

Nein, da die "Szene" (ab jetzt auch keine Anführungszeichen bei einschlägigen Worten, auch in zukünftigen Beiträgen in diesem Thread) dazu viel zu heterogen ist. Dabei meine ich jetzt weniger den Musikgeschmack als vielmehr den politischen Hintergrund bzw. die Motivation eines jeden Mitgliedes, die ihn zum Dazustoßen zu dieser Subkultur veranlasst hat. Und wenn man tatsächlich einen Versuch unternähme, einen solchen Codex zu verfassen, wäre er letztlich so schwammig in seiner Aussage, dass man es genauso gut hätte bleiben lassen können.

Wenn Du von der pathologischen Ablehnung des Mainstream sprichst, welchen Aspekt genau meinst Du dann? Wenn ich mich sowohl auf dem Board als auch off-line umschaue, erschöpft er sich meistens in der Ablehnung des Musikangebots, wodurch der jeweilige Mensch für sich ein, wie ich finde, recht fades identitätsschaffendes Moment zu ergattern hofft. Zur Verdeutlichung sei hier jemand angeführt, der mir stolz erklärte "In meinem Auto läuft nur Grufti-Mucke!" ( :rolleyes: ), der aber einen solchen Fetisch aus seinem Gefährt machte (wie es viele junge Männer aus eher ländlichen Gegenden zu tun pflegen), dass ich mich nicht des Eindrucks erwehren konnte, dass er sich in einem nicht zu vernachlässigenden Maße der Musik bediente, um eine Aufwertung seiner selbst vorzunehmen. Aspekte wie Gesellschaftskritik oder Verwirklichung eigener Lebenskonzepte suchte man bei ihm vergeblich... Seneca schrieb mal irgendwo etwas von der Befriedigung eigener Profilneurosen... das trifft wohl in den meisten Fällen zu, ohne jetzt eine von den vielen leidigen Diskussionen vom Zaun brechen zu wollen.

[QUOTE] Zitat:

aber wuerdest du auf etwas weiter gefasste werte wie zum beispiel treue/loyalitaet im mainstream wetten? verlassen wuerde ich mich momentan zumindest nicht auf deren existenz - zumindest nicht in dem masse in dem ich diese werte fuer mich lebe damit ich mich abends noch im spiegel ansehen kann.


Nein, ich würde nicht darauf wetten, allerdings weder innerhalb der Szene noch außerhalb.[/QUOTE]

Das ist wohl auch der Grund, wieso es mir schwer fällt, Gothic als Subkultur zu beschreiben. Eine gewisse Ästhetik wird als Distinktionsmittel missbraucht, ohne inhaltlich unterfüttert zu werden. Wobei ich mich jetzt nicht an diesem einen Beispiel aufhängen möchte, sondern es als Exempel dafür betrachte, dass ein Großteil derer, die sich Gothic nennen, keinen wirklichen Versuch unternehmen, ihr jeweiliges alternatives Lebenskonzept zu realisieren, da sie ein solches schlicht entbehren. Gothic spielt sich nun einmal primär in den Clubs ab und wird über einschlägige Zeitschriften definiert.

Gruß,
Eure Aversion
BlackDragonSehr interessante Frage...

Darf ich zur Beantwortung den Begriff Moral etwas erweitern?
Ich möchte mich generell auf das soziale Verhalten, sowie gewisse Normen und Werte beziehen.

Zum einen muss man natürlich sagen, dass wir ein Teil der Gesellschaft sind und die "Szene" kein autonomes Gebilde ist. Ich nehme an, dass die meisten mit dem Wort "Mainstream" die Dinge verbinden, die von den Massenmedien vermittelt werden. Dies eignet sich sehr gut als Vergleich, da ja schon das Wort "Massenmedium" impliziert, dass diese Dinge auf die breite Masse zutreffen...

Das zweite Problem, dass ich bei der Beantwortung deiner Frage sehe, ist, dass keine homogene Szene existiert, wir also keine Verallgemeinerungen in dieser treffen können.
Ich antworte also aus meiner äußerst subjektiven Sicht:

Es sind keine bestimmten Werte oder moralischen Grundsätze, von denen ich mich abgekehrt habe, sondern das Fehlen ebensolcher, wie zum Beispiel die von gekitsu angesprochene Treue und Loyalität.
Allgemein gefasst würde ich das, wogegen wir/ich uns/mich abgrenze(n), vielleicht als das bloße "vor sich hinleben" bezeichnen, wobei dies konsequenterweise bedeutet, dass man nicht einfach diverse Werte annimmt, sondern diese wieder und wieder überdenkt und auch (und das ist wahrscheinlich das Schwerste und auch interessanteste an der Sache) lebt!
Man könnte es auch als eine ständige Arbeit an sich selbst bezeichnen - aber ich werde Offtopic...

Wie sieht es nun real in der "Szene" aus?
Im Großen und Ganzen möchte ich behaupten, dass ihre Mitglieder keine anderen Moralischen Denkensweisen bzw. Grundsätze haben, als die breite Masse der Gesellschaft, wobei es den Meisten - wie auch mir - wahrscheinlich im engeren "schwarzen" Bekanntenkreis anders vorkommt, was aber IMHO allein daran liegt, dass wir uns eher Freunde suchen, die die Gleiche Grundauffassung wie wir haben und vielleicht auch das symbolisieren, was wir von der "Szene" erwarten.

[QUOTE]Lehnen wir sie ab, übernehmen wir sie, wandeln wir sie ab und wenn ja inwiefern?[/QUOTE]
"Abwandeln" halte ich für treffend...
BlackDragon[QUOTE]Nein, ich sehe da keinen Widerspruch, da ich mir die Freiheit nehme, das was ich als bejahenswert empfinde, für mich zu übernehmen und den Rest zu verwerfen. Und gerade das macht eine Subkultur, die mehr als ein bloßer Modegag sein will, aus: Sie ist eine bewusst gelebte Antikultur, die der Gesellschaft zwar theoretisch diametral gegenüberstehen könnte, dies aber nicht muss, da sie sich primär als Realisation der alternativen Lebenskonzepte ihrer Mitglieder versteht und nicht als ein pubertäres Um-jeden-Preis-dagegenhalten.[/QUOTE]
Warum kann die Aversion etwas in zwei Sätzen formulieren, was ich versucht habe in einem ganzen Beitrag zu vermitteln? :rolleyes:
Mit anderen Worten: dito
DarketDie immer wieder anzutreffende Ablehnung der "Mainstream"-Gesellschaft bezieht sich v.a. auf die ihr von subkultureller Seite immer wieder vorgeworfene Doppelmoral und Oberflächlichkeit. In gerade diesem Subforum zu lesen wird einige sehr deutliche Beispiele hervorbringen :rolleyes:
Ich habe bewusst versucht die Frage nach der Moral von einer Grundsatzdefinition der Szene abzukoppeln, damit kommen wir ohnehin zu nichts, inzwischen bin ich mir allerdings nicht mehr sicher ob diese Abkopplung wirklich funktioniert, die Frage nach einer gemeinsamen Moral beinhaltet zumindest die Möglichkeit, dass eben diese der Zusmmenhalt der ganzen Subkultur sein könnte.

[QUOTE]Es sind keine bestimmten Werte oder moralischen Grundsätze, von denen ich mich abgekehrt habe, sondern das Fehlen ebensolcher, wie zum Beispiel die von gekitsu angesprochene Treue und Loyalität.[/QUOTE]
Nun gut, dennoch gibt es Grundsätze von denen "wir" uns abgewandt haben, gerade in der Frage der Sexualität werden wir innerhalb der Szene eine, wie ich finde deutlich ehrlichere Moralvorstellung finden. Es fehlt diese Doppelmoral, die uns häufig im Alltag begegnet. Und ich finde, das dort eine ganz klare Abkehr von gesellschaftlichen Normen stattfindet.


[QUOTE]da ich mir die Freiheit nehme, das was ich als bejahenswert empfinde, für mich zu übernehmen und den Rest zu verwerfen. [/QUOTE]
Gut, in gewisser Weise tun wir das ständig und überall, allerdings ist es auffällig, wenn in eigentlich allen anderen Bereichen versucht wird diese Antikultur zu pflegen, die Du angesprochen hast.
Damit wären wir wieder bei der schon viel zu oft gestellten Frage inwieweit sich diese Subkultur vom Mainstream abhebt, wenn nicht durch jene Grundsätze, die jede eigenständige Gesellschaft auszeichnet?


edit: Mal kurz angemerkt: Ich finde es interessant, dass sich auf diesen Thread bisher genau die Leute gemeldet haben, von denen ich es erwartet hätte ;)
ThalmosIch sehe in dem `Mainstream`(schon wieder das M-Wort), nicht wirklich einen Gegner, vielleicht sollten wir ihn sogar als unseren Freund bezeichnen. Wir sind alle in ihm aufgewachsen, ohne ihn gäbe es uns so, wie wir heute sind, nicht. Wir hätten keine Möglichkeit zu differenzieren, keine Wahl. Keine Einheit der Masse=Keine Einheit als Alternative dazu. Ich denke jeder von uns hat etwas von der Gesellschaft gelernt, dass es wert ist, auch wenn man sich von ihm abgrenzt, ausserhalb ihr weitergeführt zu werden. Unter moralischer Abgrenzung zum Mainstream würde ich nur verstehen, völlig entgegengesetzte Meinungen zu vertreten, was dann auch nicht wirklich attraktiv für die Individuen innerhalb der Szene wäre, sprich, es würde sehr unangenehm werden. Ich glaube nicht, dass wir es nötig haben, uns moralisch abzugrenzen. Der einzige Unterschied, den ich erkennen kann, ist, dass wir uns der Moral der Masse zwar bedienen, aber ihr vielleicht etwas mehr bewusst sind.
BlackDragon[QUOTE]Nun gut, dennoch gibt es Grundsätze von denen "wir" uns abgewandt haben, gerade in der Frage der Sexualität werden wir innerhalb der Szene eine, wie ich finde deutlich ehrlichere Moralvorstellung finden. Es fehlt diese Doppelmoral, die uns häufig im Alltag begegnet[/QUOTE]
Von einem gewissen Standpunkt aus hast du recht, wobei ich "Doppelmoral" auch als ein Fehlen eines wichtigen Grundsatzes bezeichnen würde: der Ehrlichkeit
(Aber du hast sicherlich recht damit, dass es auch bestimmte Grundsätze gibt, von denen sich die "Szene" lossagt...)

Edit: Ich merke gerade, dass "Ehrlichkeit" kein guter Begriff ist, aber ich denke, es ist verständlich, was ich meine...

[QUOTE]edit: Mal kurz angemerkt: Ich finde es interessant, dass sich auf diesen Thread bisher genau die Leute gemeldet haben, von denen ich es erwartet hätte [/QUOTE]
Du weißt doch: ich liebe dieses Forum! ;)
Montrose[QUOTE]Sexualität werden wir innerhalb der Szene eine, wie ich finde deutlich ehrlichere Moralvorstellung finden.[/QUOTE]
Das ist aber eine sehr gewagte Hypothese. Ehrlicher ist Gothik vielleicht in zwei ganz speziellen Punkten: daß es zwischen Mann und Frau andere Ebenen der Attraktionen gibt als das "eine".... nämlich komplexe Fantasien zu Adel, Unterwerfung und Dominanz, Mystifizierung des Fleischlichen. Der andere Punkt ist die offene Trauer über die Vergänglichkeit des Glücks, das Erschrecken darüber, wie flüchtig die eigenen Gefühle sind.

Wenn Du aber mit "ehrlicher" einfach nur rumvögeln meinst, dann haben die Normalos eindeutig die ehrlichere Moralvorstellung, weil sie nicht wie Gruftis doppelte Böden mit Verkleidung inszenieren.

Psychodynamisch betrachtet ist die Gothic-Mentalität stockkonservativ. Gerade daß sie sich erst als "böse" bezeichnen muß, um bestimmte Schritte zu wagen, zeigt doch ein stark entwickeltes Über-Ich an. Ähnliches vermute ich auch bei Satanisten und manchen Psychos in der Szene. Die schwarze Szene proklamiert die Unfreiheit und trauert darüber. Wäre sie frei, hätte sie andere Lieblingsthemen.

[QUOTE]Daher: Ist es nicht ein innerer Widerspruch die Gesellschaft "dort draußen" zu verdammen und dennoch eine ihrer wichtigsten Säulen, die Moral fast 1:1 zu übernehmen?[/QUOTE]
[QUOTE]in dem `Mainstream'[/QUOTE]
[QUOTE]auf die ihr von subkultureller Seite immer wieder vorgeworfene Doppelmoral und Oberflächlichkeit.[/QUOTE]

Ich habe gestern diesen "Fight Club" gesehen. Da geht es ja bekanntlich um einen Normalo, der Gewalt als Befreiung aus seiner vom Kapitalismus unterdrückten Existenz sieht. Am Schluß zündet der Aussteiger ein paar Bomben und die Hochhäuser New Yorks stürzen in sich zusammen.

Ich fand den Film saukomisch. Der Mainstream ordnet sich seiner selbstgeschaffenen Hölle unter ----die Aufgabe seiner Existenz ist ja nicht erwzwungene Folge des Kapitalismus, sondern freie Entscheidung. Und dann kauft sich so ein Höllenfuzzi wie ich oder Ihr oder jedermann eine Kinokarte, um mal im imaginären Raum den totalen Ausstieg sich von einem anderen vorschauspielern zu lassen.
Plötzlich und völlig unvorgesehen kauft sich auch so ein saudi-arabischer Kameltreiber eine Kinokarte, schaut sich diese Filme an und denkt: aha, die Amerikaner wären also glücklicher, wenn ihnen ihre Welt um die Ohren fliegen und sie nochmals ganz von vorne anfangen könnten. Und da denkt sich der Kameltreiber: Dann helf ich denen doch einfach mal ein bißchen nach im "fliegen lassen". Und als dann die World Trade Centers eingestürzt waren, dann war's auch wieder nicht recht. Dieser Fight Club bekommt durch den 11.9. ein ganz anderes "Gschmäckle", wie wir im Schwäbischen sagen.

Doppelmoral hatte der Kinofilm, weil er es "eigentlich" so doch gar nicht meinte. Moral hat der Kameltreiber gezeigt, weil er etwas ernst genommen hat. Und so ähnlich ist das auch mit Gothic. Die Moralität und Ehrlichkeit von Gothic mißt sich daran, was passiert, wenn jemand das, was Gothic behauptet, ernstnimmt.

Zu einer weiteren Analyse müßte man zweierlei spezifizieren:

1. Was genau sagt denn Gothic, daß gut ist zu tun.

2. Was würde daraus resultieren, würde man diese Behauptungen wörtlich umsetzen.


Zu erstens muß ich sagen, daß das sehr gemischt ist. In der schwarzen Disko hier kommt an Texten ja alles mögliche vor. Da gibt es Liebeslieder, da gibt es Lieder vom Selbstmord, da gibt es auch so eine komische Sorte von Lieder, in denen die Ermordung von Menschen oder dem Tod in einem Zweikampf geschildert werden.

Bevor man über eine Moral der "Gothic" disktuiert, müßte man erst mal rausbekommen, was damit inhaltlich gemeint ist.
Darket[QUOTE]Mal kurz angemerkt: Ich finde es interessant, dass sich auf diesen Thread bisher genau die Leute gemeldet haben, von denen ich es erwartet hätte [/QUOTE]
Ok, jetzt waren bis auf Seneca alle da, mit denen ich gerechnet habe.

Monty, ich meinte mit weniger Doppelmoral garantiert nicht wildes herumgevögel-jeder mit jedem. Es wird anders, offener auch mit ungewöhnlicheren Phantasien und Praktiken umgegangen, man kann drüber reden ohne als Bekloppter oder Perverser abgestempelt zu werden.

[QUOTE]Wäre sie frei, hätte sie andere Lieblingsthemen. [/QUOTE]
Genau das ist der Punkt! Wäre sie frei müssten wir hier nicht jeden 2. Tag lesen, dass es ganz furchtbar ist, dass 13 jährige gern Nightwish hören (bevorzugt beschweren sich die 16 jährigen :rolleyes: ). Aber egal wie sehr darüber geklagt wird (auch von mir), dass diese Debatten belanglos sind, es gibt genügend andere Themen, die durchaus diskutiert werden.

[QUOTE]Bevor man über eine Moral der "Gothic" disktuiert, müßte man erst mal rausbekommen, was damit inhaltlich gemeint ist.[/QUOTE]

Naja, ich stelle nicht die Frage nach der konkreten Moralität der Szene, ich stelle die Frage ob es nicht eine eigene, unabhängige geben müsste.
die Aversion[QUOTE]Damit wären wir wieder bei der schon viel zu oft gestellten Frage inwieweit sich diese Subkultur vom Mainstream abhebt, wenn nicht durch jene Grundsätze, die jede eigenständige Gesellschaft auszeichnet?[/QUOTE]

Um als Subkultur, wie ich diesen Begriff verstehe, zu existieren, dürfte sie nicht, wie es allzu oft geschieht, auf ihre äußere Erscheinung (bzw. das, was als solche verkauft wird), reduziert werden - ein Grund, wieso Gothic eigentlich gar keine Subkultur ist, sondern ein Marketingkonzept...

[QUOTE] edit: Mal kurz angemerkt: Ich finde es interessant, dass sich auf diesen Thread bisher genau die Leute gemeldet haben, von denen ich es erwartet hätte ;)[/QUOTE]

Bei manchen Fragestellungen antworte ich halt reflexartig und kann schlicht nicht anders (wobei ich einfach so egozentrisch bin und die Aussage auch auf mich beziehe) ;)

Gruß,
Eure Aversion
Darket[QUOTE]wobei ich einfach so egozentrisch bin und die Aussage auch auf mich beziehe[/QUOTE]
durchaus ;)
gekitsusorry, hab gestern nicht mehr hier reingeschaut, deswegen schliesse ich mich verspaetet dem ersten absatz von aversions erstem posting an.

zu deinen zitaten meines postings, darket:

1) sicher ist schon eine gewisse praegung vorhanden - elternhaus und so weiter..
aber ich sehe das so: es wird jedem kind irgendwann diese phase zugestanden in dem es das genaue gegenteil dessen tut was die eltern fuer gut befinden.
was allerdings danach geschieht:
in (leider) recht vielen faellen kehrt das kind hernach wieder mehr oder weniger fraglos (dafuer aber mit dem festen gewissen, erwachsen zu sein) wieder zum alten modell zurueck. these - antithese - und dann doch wieder die these (naja, vielleicht bleiben ja einige noch bei der antithese haengen, aber das ist letzten endes genauso bloed)
manche allerdings finden durch dieses kontrastprogramm zu neuen dingen die sie uebernehmenswert finden, uebernehmen gleichzeitig aber auch elemente aus dem elternhaus (ganz so hinterm mond wie man da frueher dachte sind die alten herrschaften ja doch eher selten - bei naeherer betrachtung)... der erste schritt zum vollkommen eigenen stiefel ist getan: these - antithese - synthese.

ein in meinen augen wichtiger unterschied dabei ist das "eigene": die synthese musst du dir selbst zusammenbasteln, these und antithese sind vorgegeben und warten darauf, uebernommen zu werden - im zweifelsfall ohne groesser hinterfragt zu werden.

nun beschraenke ich diese art lernvorgang (und die zwei verschiedenen loesungswege) nicht unbedingt nur auf die pubertaet, denn auch meine oma mit 82 (und ich mit meinen 22 auch) lernt noch dazu indem sie mit gegenpositionen konfrontiert wird, sie nachzuvollziehen versucht, vergleicht, abwaegt - und gegebenenfalls ihre sicht der dinge den neuen erkenntnissen anpasst.

auch wenn der selbstgeshcusterte stiefel nicht allem widerspricht was der mainstream tut, er hat das potential dazu, denn wir haben ihn ja selbst gemacht.

zu 2) - ja, leider wuerde ich innerhalb der szene auch nicht mein geld drauf verwetten, aber zumindest mal wuerde ich meine gewinnchancen innerhalb der szene als hoeher erachten als ausserhalb.

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edit: Mal kurz angemerkt: Ich finde es interessant, dass sich auf diesen Thread bisher genau die Leute gemeldet haben, von denen ich es erwartet hätte :)
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ich auch? ich auch?

zum thema frei-heit und 13-jaehrige nightwish-hoerer:
da bin ich ja nur froh, dass ich das im regelfall nicht wirklich schlimm finde. ;)
EldgrimMeiner Ansicht nach ist Moral keine Frage von Subkultur oder Mainstream sondern hängt im allgemeinen von den Personen selbst ab. Die Schwarze Szene ist so unterschiedlich dass es gar keine einheitliche Moralvorstellung geben KANN. Jeder hängt an seinen eigenen Vorstellungen genau so wie es leute ausserhalb der Szene auch tun. Sowieso finde ich es lustig das manche Grufties scheinbar alle anderen "Normalen" Menschen für absolut unmoralisch, unselbstständig, angepasst und dämlich halten (kommt zumindest in manchen kommentaren so rüber). Diese Erfahrung konnte ich bisjetzt noch nicht machen und ich habe fast nur umgang mit "Normalen". Ich persönlich sehe mich wie Darket auch nicht als Feind dieser Gesellschaft sonder als Teil derselben. Und als Teil möchte ich mit meiner Persönlichkeit dazu beitragen diese Gesellschaft in der wir alle Leben MÜSSEN vieleicht ein Stück besser zu machen.



[QUOTE]"Tu was Du willst"[/QUOTE]
[QUOTE]es ist auch außerhalb der Szene auf dem Vormarsch[/QUOTE]

Tja! Ist ja auch scheinbar am bequemsten nicht wahr?
Montrose[QUOTE] Naja, ich stelle nicht die Frage nach der konkreten Moralität der Szene, ich stelle die Frage ob es nicht eine eigene, unabhängige geben müsste.[/QUOTE]Sicher doch. Dann laß uns doch mal anfangen zu basteln.

Man unterscheidet zwischen Moral, Ethik, Sitte usw. Moral wird im philosphischen Diskurs eher eine untergeordenete Rolle zugewiesen, weil es sich bei der Moral um ganz konkreten Handlungsanweisungen wie "man fährt nicht bei Rot über die Ampel" handelt, nicht jedoch um deren Begründungskontext. Begründungskontext, also Ehtik im höheren Sinne, ist zum Beispiel, worauf die Moral begründen soll: auf Gewohnheit, auf eine bestimmte Gesinnung, auf einen bestimmten Zweck hin? Das sind jeweils grundverschiedene Ansätze.

Die Frage, ob es eine gothische Moral geben sollte, ist falsch gestellt. Man muß wirklich den umgekehrten Weg gehen: Gibt es irgendetwas besonderes an Gothic, daß Substanz hätte für irgendwelche Handlungsleitlinien. Ein Soll ist ja nur dann denkbar, wenn dem ein Kann vorausgeht. Wenn Gothic keine eigene Klasse von Existenzform darstellt, sondern nur eine andersgeartete Ausprägung einer übergreifenden Klasse von Existenzformen, kann Gothic keine eigene Ethik ausbilden.
Anders ausgedrückt: wenn jemand "schwarz" und der andere "rot" sagt, dann sind beides Farben, die in ihrem Referensystem Farbe sich nicht unterscheiden, sondern nur in ihrer Ausprägung. Wenn Gothic ganz im Sinne von Adorno nur eine von vielen "Anderssein-Propagandaformen" des Kapitalismus ist, um den industriellen Massenmenschen durch die Illusion der Individualität konsumkompatibel zu machen und sein (vielleicht vorhandenes --- man darf nicht vergessen, daß selbst in Umsturzphasen 99 % der Menschen Mitläufer sind) revolutionäres Selbstbestimmungspotential ruhig zu stellen, dann erübrigt sich die Frage um eine eigene Moral von Gothic, weil Gothic an sich dann schon nichts eigenes mehr ist, sondern nur Instrument einer bereits vorhandenen, übergeordneten Ethik.

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