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  Forum: lebens : ART
    Thema: Gothics: Subkultur oder Ethnie?!?
DionysDas Thema [COLOR=crimson]Ethnie[/COLOR] sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen und man wird bald feststellen, dass es nur zu einem Kampfbegriff derer geworden ist, die ihre Unterschiede bzw. Eigenarten im Gegensatz zu der sie umgebenden Gesellschaft ins Feld führen wollen.

Definiert ist der moderne, westliche Begriff [COLOR=crimson]Ethnie[/COLOR] als:
"eine Gruppe von Personen, die derselben Kultur angehören und sich dessen auch bewusst sind."

Rasse, Abstammung, physische Ähnlichkeiten u.a. sind nach moderner, politisch korrekter Lesart längst nur noch mögliche Merkmale von Ethnien und keine Bedingungen mehr dafür.

Daher ist der Unterschied zwischen
[COLOR=crimson]Ethnie[/COLOR] und [COLOR=skyblue]Subkultur[/COLOR] per definitionem höchst schwammig geworden.

Wir sollten uns mal überlegen, warum z.B. eine sich als dänisch definierende Gruppe von Menschen ihrer Stimme in Schleswig Holstein mehr Gewicht verleihen kann, als es dort Gothics tun können. Die sogenannte dänische Minderheit braucht bei Kommunal- und Landtagswahlen nicht die übliche 5%- Hürde überspringen, um Sitze in den Parlamenten zu bekommen.
Damit hat jemand, der sich zu dieser Minderheit zählen kann, eine größere Möglichkeit der politischen Einflussnahme als ein "normaler" Schleswig-Holsteiner oder ein in Schleswig-Holstein lebender Gruftie.

Wieso also träumen hier manche von einer [URL=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=46562&perpage=15&pagenumber=2] [COLOR=teal]"Gruftie-Stadt"[/COLOR][/URL] wenn man doch ganz andere Wege der Identitätsbehauptung finden kann?!?
Vernetzung steht uns ja im Überfluss zur Verfügung. Warum streben wir nicht nach einer operationalen Schließung auf diesem Wege?
Wirtschaftliche Kreisläufe lassen sich auch auf anderem Wege schließen, als in einem gemeinsamen Kaff zu leben.

Wir sollten uns endlich unserer Stärken bewußt werden und uns, ähnlich wie es andere Gruppen tun, auf bestimmten Gebieten zusammenschließen.
Dann könnte es z.B. passieren, dass etwa Banken einen Gothic mit Undercut, 50 Piercings und Gesichts-Tattoo, Lackklamotten und verlängerten Eckzähnen aus Gründen der eingenen political correctness einstellen müssen, da sie es ja mit der in Kopftuch gehüllten, ethnisch bewußten Türkin auch tun.

Warum lassen wir uns also einfach so diskriminieren? Ist das Masochismus oder Sucht nach Mißerfolgen?

Es ist doch erstrebenswert, wenn eine Gruppe von Menschen, die sich mit einander identifiziert, durch Vernetzung Recourcen aus der sie umgebenden Gesellschaft abzweigt, um sie dann in einen eigenen Zyklus fließen zu lassen.
Was anderes tun die sogenannten "ethnischen Minderheiten" doch auch nicht!

Ich halte eine Gruppe, die sich ethnisiert jedenfalls nur für eine Subkultur, die selbstbewußt genug ist, sich eine bessere Stimme zu verschaffen.

Die Communities wie z.B. die China-Towns, Italienerviertel etc. sind auch nur solche Gebilde. Doch sind diese in einer Zeit entstanden, in der es das Internet noch nicht gab und man so städtische Infrastrukturen brauchte, um Vernetzung zu ermöglichen.

Ich werde in naher Zukunft eine Plattform entwickeln, die diesem Bestreben Rechnung trägt. Ich will keine "Gruftie-Viertel" sondern ein selbstbewußtes Bündnis, das sich Jobs, Recourcen und Möglichkeiten zuspielt und eine eigene Solidarität ausbreitet.

Warum sollen unsere Recourcen und Mittel nicht vorrangig denen zu Gute kommen, die uns näher stehen als Spießer, Hip-Hopper, Geld-Adel oder Mafia?!?
rosenkind[QUOTE]wenn eine Gruppe von Menschen, die sich mit einander identifiziert[/QUOTE]

genau da liegt das Problem: tut sie das denn?
Mal abgesehen von der Tatsache, dass man sich noch nichtmal der Inhalte der Gruppe einig wird ("frage 10 Grufties, was Gothic ist und du kriegst 10 verschiedene Antworten", das Forum ist ein Paradebeispiel) erkenne ich kein miteinander identifizieren, zumindest mit der gesamten Subkultur:
- in der Clubszene gibt es vermutlich (weil ich bisher nur wenig Glegenheit bekam, es selbst zu überprüfen) die Alphagrufties, die geschlossenen Klüngel, die auf alle anderen Clubbesucher nur hinabschauen
- verdammt viele, die sich für true halten, ich würde sogar sagen fast alle, sehen die Newbies, die es aus Trend machen, nicht als Teil der Szene an, was Anfeindungen wie Modegruftie oder Poser belegen
- die "Alten" kritisieren die Kultur der "Jungen" und umgekehrt, was man hier im Forum sehr gut beobachten kann
- die verschiedenen Unterströmungen können sich gegenseitig auf den Tod nicht ausstehen (auch hier findet man im Forum viele Beispiele, ich sag nur Schwarztechno)
usw usw usw. die Liste lässt sich sicher noch mit vielen weiteren Beispielen ergänzen. Fakt ist: es gibt keine einheitliche Vorstellung von Gothic! Italiener bin ich einfach und was ein Italiener ist, ist jedem klar. Was die schwarze Szene angeht, ist es ein Irrglaube, dass sich alle an einer großen Sache festklammern, vielmehr stellt man bei genauerem Hinsehen fest, dass sich jeder nur an seine eigene Vorstellung klammert oder zumindest an die Vorstellung einer kleineren Gruppe in der Gruppe. Auf dieser Basis kann auch kein "miteinander idenfzieren" geschehen!

[QUOTE]Warum sollen unsere Recourcen und Mittel nicht vorrangig denen zu Gute kommen, die uns näher stehen als Spießer, Hip-Hopper, Geld-Adel oder Mafia?!?[/QUOTE]

insofern bezweifele ich ehrlich gesagt, dass mir (und anderen) der Großteil der schwarzen Szene näher steht als genannte Gruppen, dieses Gemeinschaftsgefühl ist eine hübsche romantische Fantasie, aber eben nicht mehr als eine Illusion. Ein stinknormaler Spießer dürfte mir sogar näher stehen als manche Dinge, die ich in der schwarzen Szene erlebt habe oder von anderen gehört habe, die sie erlebt haben.

von all dem abgesehen finde ich persönlich eine derartige Vernetzung, ob Infrastruktur oder Internet eine ziemlich gruselige Vorstellung, weil es ganz klar eine Identität "Gothic" vorraussetzt. Aber eine Identität Gothic sollte nicht existieren, denn dieses setzt die Subkultur über den Menschen. Ich möchte in erster Linie als Mensch und nicht als Teil einer Subkultur gesehen werden. Subkultur sollte nicht die Identität sein, sondern eine Plattform, auf der sich das Individuum, dass mit seiner Identität nur bei sich ist, austobt. Ich verweise mal auf den blauen Text meiner Signatur. Aber eine solche Sichtweise sehe ich nicht nur für mich persönlich als unangenehm an, sondern im Bezug auf andere, die sich auf diesem Strom treiben lassen, durchaus auch als gefährlich. Gothic als Identität kann zur echten Sackgasse werden. Als Subkultur erhebt man den Anspruch auf eine alternative [B]LEBEN[/B]sweise, was heißt, dass es nicht nur ein Aspekt ist, sondern ein rundum im ganzen Dasein des Menschen, verschiedenen Bereichen, aber in sich selbst viel zu eng gesteckt ist (z.B. die genauen "Kleidervorschriften"), um dessen in einer angemessenen Weise gerecht zu werden. Was passieren kann, wenn man auf diesem Gothic=Identität Tripp über die Pubertätsjahre hinaus bleibt, können einige andere User hier berichten, die schon länger dabei sind und Fälle von einem Versacken in der Szene im eigenen Umfeld beobachten konnten.
Oder um es mal mit den Worten eines Users in einem anderen Forum zu sagen: [I]Du kannst ja in der Szene sein, ohne gleich einheiraten zu müssen[/I]
Mal abesehen davon, dass ich persönlich finde, dassgrade dieses Identitätsdenken das ist, was den Zauber kaputt macht. Gothic nicht als Plattform sondern als Identität gesehen, brachte erst so Dinge wie Gruftdissen und Gruftiemarken hervor. es ist leicht, Gothic zu sein heute, man muss nur Gothicprodukte konsumieren und kann sich in der Identität bestätigt fühlen. Es ist ein leichtes dabei den Menschen zu vergessen und die Subkultur, die einst als Bund verschiedener Menschen begann, die sich als Menschen auf der Plattform der Szene trafen, ist längst vorbei. Denn es ist nicht mehr nötig, Mensch zu sein und sich selbst in die Szene einzubringen, sie mitzugestalten. Heute funktioniert das mehr umgekehrt, man gibt seine eigene Identität an der Türe ab und lässt sich von der Szene gestalten...

lange Rede, kurzer Sinn: ich sehe ein solches Projekt, wie du es planst, ehr als kritisch, zumindest mit diesem Hintergedanken. Wenn ich einen undercut hätte, dann würde ich ehr wollen, dass ich meine Arbeitsstelle bekomme, weil sich irgendwer dafür einsetzt, dass generell anderes Aussehen und Lebenskonzepte gleichbehandelt werden müssen und nicht, weil dies speziell jemand für die Grufties durchgeboxt hat, denn ich möchte nicht darauf reduziert werden, sondern als Mensch gesehen werden, die Gründe dafürhabe ich in beiden Abschnitten des Textes genannt.

dennoch wünsche ich dir viel Erfolg, ABER bitte gehe nicht mit dem Gedanken ran, für die ganze Szene zu sprechen oder die ganze Szene einfangen zu wollen, sondern sieh es mehr von der praktischen Seite. Gothics gegen rechts (z.B.) sind auch eine subkulturintere Bewegung und doch keinesfalls repräsentativ für die ganze Subkultur.
moreDa Gothic sich ja nicht als eine politische Gruppierung sehen, viele ja nichtmal sich zu einer politschen Richtung hingezogen fühlen, finde ich das mehr als überflüssig. Ja, um ehrlich zu sein, ich finde es eher albern.

Sieht man sich mal die Altersstrucktur an, sind ja viele noch nicht mal in einem Alter wo sie wählen dürfen. Und selbst wenn, wissen sie noch lange nicht, was sie wollen.

Die Szene besteht zu einem Großteil aus Menschen die noch nicht zu sich selbst gefunden haben und das schwarz-sein als Ersatzindentität nutzen, was im Grunde ja nichts schlechtes ist. Und diejenigen, die seit mehr als 4 - 6 Jahren (zu denen ich mich dazu zähle, sonst könnte ich diese Altersgrenze nicht definieren) sind wirklich eine Minderheit. Zumindest wenn ich mich in einschlägigen Diskos umsehe, denke ich, ich bin ein Greis.


[QUOTE]Wir sollten uns endlich unserer Stärken bewußt werden und uns, ähnlich wie es andere Gruppen tun, auf bestimmten Gebieten zusammenschließen.
Dann könnte es z.B. passieren, dass etwa Banken einen Gothic mit Undercut, 50 Piercings und Gesichts-Tattoo, Lackklamotten und verlängerten Eckzähnen aus Gründen der eingenen political correctness einstellen müssen, da sie es ja mit der in Kopftuch gehüllten, ethnisch bewußten Türkin auch tun.
[/QUOTE]Wenn ich in eine Bank gehe, möchte ich seriös bedient werden. Dazu gehört es m.E. dass der Bankbeamte soviel Respekt seinen Kunden gegenüber hat, dass er seine Freizeitgaderobe von seiner Berufsgaderobe trennt. Ich habe einen Versicherungsvertreter, der Grufti ist, weiß dass ich es auch bin, trotzdem bei Geschäftsterminen bei mir nur mit Krawatte auftaucht. Ich will ja auch nicht von einer Krankenschwester im Jogginganzug behandelt werden.


[QUOTE]Die Communities wie z.B. die China-Towns, Italienerviertel etc. sind auch nur solche Gebilde. Doch sind diese in einer Zeit entstanden, in der es das Internet noch nicht gab und man so städtische Infrastrukturen brauchte, um Vernetzung zu ermöglichen[/QUOTE] Das bezeichne ich weniger als Communitie sondern als Abgrenzung und Verweigerung jeglicher Integration. Dass was wir übrigens gerade bei Türken in unseren Städten ankreiden...

Des Weiteren entscheidet sich jeder, der sich schwarz kleidet oder ähnliches selbst, wie er behandelt wird und in wie weit er provoziert.
Da kommen wir ja auch gleich zu einem wichtigen Thema! Was ist mit der von Schwarzen so gliebten Provokation? Die fällt dann ja wohl weg, wenn sich deine Idee durchsetzen würde?

Ich halte davon nichts. Es ist eine Subkultur, das wollten wir ja schon immer. Wir haben das freiwillig so gewählt. Wer das nicht erträgt kann Bluejeans tragen und fällt nicht weiter auf. Meine Persönlichkeit fühlt sich jedoch durch die Blicke auf der Straße nicht diskriminiert. Ich habe mein Leben so gewählt weil ich das wollte.

Im Übrigen fühle ich mich unter bunten Menschen sehr integriert, akzeptiert und wohl. :D
Mestigoth[QUOTE][i]Original geschrieben von rosenkind [/i]
[B]Es ist ein leichtes dabei den Menschen zu vergessen und die Subkultur, die einst als Bund verschiedener Menschen begann, die sich als Menschen auf der Plattform der Szene trafen, ist längst vorbei. [/B][/QUOTE] Sie begann auf der Basis gemeinsamer Interessen, vor allem gemeinsamer Musik. Von der ist heute nur leider kaum noch etwas übrig. Warum sollte das mit der Szene anders sein? Punk und Wave und die damit verbundenen Interessen liegen nun mal näher aneinander als Mittelalterrock-Gedöns und Metal-Gequietsche. Insofern ist das schon ganz richtig so, dass die Szene keine Szene ist, sondern ein Aufeinandertreffen verschiedener Szenen. Das waren doch schon immer lediglich Koexistenzen, die man früher unter dem Begriff [b]Independent[/b] zusammenfasste, und keine homogene Subkultur.
WasserlilieZu "unserer Szene" passt ein Life of Brian Spruch besser als zu jeder anderen Gelegenheit:

"Wir sind alle Individuen!"
"Ich nicht!"

So sieht's aus. Gothic ist allerhöchstens für den völlig unbedarften Außenstehenden eine homogene Gruppierung.
Denn erstens sind hier sowieso alle ganz toll anders als die Masse und einige sind noch viel "anderser" als alle die anderen, die ja nur einfach anders sind. ;)

Zum Glück bin ich da anders! :D

Es ist eben schwierig, in Mengen noch anders zu sein.

Bei Gothics gilt (anscheinend):
Je größer die Gesamtmenge, desto kleiner die tatsächliche Übereinstimmungsmenge, weil das Abgrenzungsbedürfnis wiederum wächst.
rosenkind[QUOTE]Je größer die Gesamtmenge, desto kleiner die tatsächliche Übereinstimmungsmenge[/QUOTE]

was wohl weniger etwas mit Gothic zu tun hat, sondern schlichtweg mit dem Menschen selbst, denn das gilt für so ziemlich jede freie Gruppierung. Der Grund dafür ist auch nicht das Bedürfnis, nochmal anders als anders zu sein (das ist mehr eine Folge, der schon vorhandenen Pluralität) sondern schlichtweg die Tatsache, dass Menschen sehr unterschiedlich sein können und je größer eine Gruppe ist, umso schwächer wird auch der soziale Zusammenhalt, was wiederum dazu führt, dass die Schwierigkeiten, in die Gruppe zu gelangen geringer werden und mit ihnen schrumpft auch das Maß der Übereinstimmungen, die man haben muss, um mitzumachen.
oder simple gesagt: es ist schwerer in einen Freundeskreis von 5 Leuten Zugang zu finden, als auf einer Party mit 200 Besuchern!

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