| coma_black | So, nach viel Trulala um die Freigabe steht dieses Monstrum nun seit heute in den Videotheken, und der Film ist definitiv [I]kein[/I] Aprilscherz. Märtyrer heißt übersetzt "Zeuge", weil der echte Märtyrer im Schmerz einen Zustand der Ekstase erreicht, der sich Normalsterblichen verschließt. Es geht dabei allerdings weniger um den 178. Aufguß blöder Saw-Fallen oder Hostel-Übernachtungen, "Martyrs" ist formalästhetisch und auch vom intellektuellen Anspruch ein ganz anderes Kaliber. Aber gerade darum ist der (Dario Argento gewidmete) Film auch extrem schwer verdaulich und für den schnellen Horror-Kick zwischendurch ebensowenig geeignet wie für den Durchschnitts-DVD-Schauer. Wer jedoch der "New French Extreme" (High Tension, Inside, Frontiers) etwas abgewinnen kann, sich mal wieder so richtig fertigmachen lassen will (hach was sind wir doch für Märtyrer), kann und sollte durchaus einen Blick riskieren. Aber ich habe das Ding bis vorhin ertragen und bin immerhin so bedient, daß ich jetzt dazu absenfen muss. Wahnsinnsfilm... |
| coma_black | In einer Welt der Fritzls und ihrer Gruselkeller hat die Realität doch ohnehin schon jeden Film überholt. Ähnlich sieht es mit der Handy-Filmerei aus, die jetzt aktuell aus der Verkaufsversion des eher durchschnittlichen "Eden Lake" entfernt werden musste (für die 18er-Freigabe!). Ich frage mich dabei immer wieder, in was für einer Welt die Vertreter unserer nicht stattfindenden Zensur so leben, lesen die keine Zeitung? Oder versuchen sie einfach nur, die Leute in Sicherheit zu wiegen? Martyrs gebe ich jedenfalls in Anbetracht der Verbote von Hostel 2 und Stormwarning, bzw der drastischen Schnitte in Inside und Frontier(s), nur eine relativ kurze Zeit in den Videotheken. Denn irgendwie waren die genannten Filme im Direktvergleich einfach nur "Lällabäp" (schwäbisch, vergleichbar mit "Pille-Palle"). |
| Odessa | Das fürchte ich auch. Mal schauen wie ich an die ungekürzte Version (noch) rankomme.. ich werde mir den Film auch nicht allein anschauen, klar. Kannst Du mir in etwa (ein bißchen kennst Du mich vom Schreiben ja nun auch) sagen, ob ich es durchhalten kann? Du weißt, ich konnte bis heute Clockwerk Orange nicht anschauen weil ich vor Jahren beim ersten Mal über diese Stelle, wo der Mann gezwungen wird der Vergewaltigung seiner Frau zuzusehen, nicht hinwegkam. Das war definitiv meine Grenze. Von daher wäre ich um kleine "spoiler" dahingehend dankbar, damit ich annähernd einschätzen kann auf was ich mich mit dem Film einlasse (gerne in pn wenns Dir lieber ist). |
| coma_black | Naja, ich weiß nicht so recht... [B]SPOILERWARNUNG[/B] falls sich den Film jemand unvoreingenommen ansehen will. Martyrs verzichtet komplett auf sexuelle und auch auf sexualisierte Gewalt. Der Film ist kalt, freudlos und systematisch und hat zum Glück ein paar Drehbuchschwächen, die ihn erträglich machen. Ich denke, zumindest die erste Hälfte könntest Du durchstehen, weil es sich dabei um eine knallharte Racheaktion handelt. Schlimm wird es halt, wenn es in den Keller runtergeht. Das liegt vielleicht auch daran, daß ich die Marokkanerin Morjana Alaoui ziemlich schnuckelig finde [IMG]http://data3.blog.de/media/834/2215834_0672290bbb_m.gif[/IMG] - einer etwa zwanzigminütigen Filmsequenz beizuwohnen (die einem viiieeel länger vorkommt - auch weil unklar ist, wieviel Filmzeit dabei verstreicht, es könnte sich dabei locker um Wochen und Monate handeln) in der ihr Wille und Körper gleichermaßen ge- bzw- zerbrochen werden war jedenfalls kein Spaß (auch weil das Mädel schauspielerisch recht talentiert ist und nicht die übliche Scream-Queen-Vorstellung liefert). Filmisch gesehen ist Martyrs halt der Endpunkt einer Entwicklung, die seit Thomas Edisons "Electrocution of an Elephant" versucht, das Sterben und den Moment des "Übergangs" zu dokumentieren bzw. zu (re-)inszenieren. Die "Transzendenz" des leidenden Körpers, die vermutlich nichts weiter als ein letzter Abwehrmechanismus ist, macht nebenbei ja sogar den Dreh- und Angelpunkt des Christentums aus (von diversen anderen Mythen fange ich jetzt mal gar nicht mehr an). "Zerbreche deinen Leib" schreibt schon Paulus in einem seiner Briefe und Pascal Laugier schafft in Martyrs das, was Mel Gibson in seiner Passionsgeschichte nicht hinbekommen hat: diesen Moment der "Offenbarung" (=Apokalypse) festzhalten, in dem man als Zuschauer auf die eigene Kreatürlichkeit zurückgeworfen wird und etwas erlebt, das man als "Katharsis" bezeichnen könnte. (Hmmm, etwas Metaphysisch, aber ich tue mich schwer, das in Worte zu fassen, was der Film bei mir an Denkprozessen ausgelöst hat). Bei dem Gedanken, daß Herr Laugier das Remake von Hellraiser übernommen hat, wird mir jedenfalls recht flau im Magen... |
| coma_black | Das Problem ist aber, daß man Martyrs mit Kinderquatsch wie Hostel und Konsorten gar nicht vergleichen kann, immerhin hat sich die französische Kultusministerin persönlich für eine Jugendfreigabe des Films eingesetzt, weil er eben künstlerisch wertvoll und nicht einfach nur zweifelhafte Unterhaltung ist (wobei ich wie schon öfter gesagt kein Problem mit Exploitationfilmen habe, diese "Schmuddelware" ist halt so verlogen oder ehrlich wie wir alle auch - James Ballard meinte sogar in seinem Vorwort zu CRASH, daß eigentlich Pornographie die ehrlichste Kunstform sei, weil sie am deutlichsten zeigt, wie sich die Menschen täglich mißbrauchen). Es geht auch gar nicht darum, Leid erfahrbar zu machen - was hätte man auch davon, wirklich nachfühlen zu können, wie man sich jahrzentelang im Keller eines Fritzl fühlt (außer einem Dachschaden hinterher). Beim Splatter geht es eigentlich eher darum, aus sicherer Distanz "mitzuleiden" bei all den überlebensgroßen Gräueln, gleichzeitig aber auch durch den Voyeurismus zu einer Art Mittäter zu werden, also die dunklen Stellen im eigenen Selbst zu erkunden. Die Ablehnung vieler Zuschauer gegen die Saw-Reihe und ihre Epigonen rührt ja genau davon her, daß man sich über die eigenen Schattenseiten klar wird. Man kann in einem Film immer nur das sehen, was man bereits in sich hat. Aber eigentlich sollte ich mit ArrogantNick lieber gar nicht erst diskutieren... |
| lioba | Ich habe ihn vorhin angesehen. Erhlich gesagt hatte ich es mir schlimmer vorgestellt. Lag vielleicht daran, dass ich mich irgendwann emotional abgeschottet habe und begann das zu analysieren. Heftig daran zu denken, dass es genug Menschen gibt, für die diese "Visionen" Alltag sind. Ich finde den Grundgedanken des Filmes ziemlich interessant. Einwenig mehr Psycho, ein bisschen weniger bloße Gewalt hätten den Film eventuell noch besser gemacht. Aber nun fragt mich um Himmels willen nicht, wie ich das umgesetzt hätte :D [QUOTE]Nein danke! Ich fand Hostel schon zum Kotzen, da brauche ich sowas erst recht nicht mehr.[/QUOTE] Tut mir ja Leid aber... Hostel ist einfach nur.. ja, lächerlich schon fast. Martyrs hat meiner Meinung nach eine völlig andere Qualität und zielt nicht nur auf "schau mal wie sehr die bluten etc." ab. |
| coma_black | @ArrogantNick: Hmmmm... Die Faszination für Horror (bzw. im Fall der "Torture Porn"-Welle im Grunde genommen für SM) lediglich darauf zurückzuführen, was man schon erlebt hat (bzw. was man in der Realität noch nicht durchleiden musste) ist nicht per se falsch, aber halt etwas zu kurz gedacht. Andersherum könnte man auch sagen, daß es Leuten, die Komödien oder Liebesfilme schauen, ziemlich bescheiden gehen müsste. Das mag zwar schon zutreffen (ich vertrete ja auch die These, daß mittels Mario Barth & Co. die frustrierten Massen ruhig gestellt werden sollen), aber letztlich ist es eine unscharfe Verallgemeinerung. Das "Problem" für mich war, daß Du ohne ihn gesehen zu haben, Martyrs in den gleichen Korb wie Hostel usw. wirfst. Die Thematik ist zwar schon ähnlich, aber man könnte dann auch behaupten, daß es sich bei "Satan der Rache" und "Erbarmungslos" um Western handelt. (Das stimmt zwar, und ich finde beide Filme total geil, aber der eine ist naiv-harte Exploitation und der andere Kunst). |
| coma_black | Ein SPIEL-Film ist ja letztlich auch nur ein Spiel, das in beidseitigem Einverständnis funktioniert. Ice Age (cool!) "Kitzelt" den Zuschauer nur an anderen Stellen, das Prinzip dahinter ist aber eigentlich dasselbe. Während sich aber halt der Spielbergianismus (oder auch die Disney-Philosophie) bei diesem Spiel mit der emotionalen Manipulation an gewisse eingeschliffene Konventionen hält, stürmt der exploitative Horrorfilm deine Wohnung und kackt auf den Teppich. Darum wird auch im König der Löwen ständig der "Circle of Life" beschworen, beim Fressen sieht man aber nur die "Bösen". Diese unvermittelte "Ehrlichkeit" innerhalb eines Spiels, bei dem es ja nur um die Erzeugung von Illusionen geht (selbst die bewegten Bilder bewegen sich ja eigentlich gar nicht), macht dieses Genre für mich so spannend. Ich kann mich einerseits darauf verlassen, daß mir nichts geschieht (ist ja nur ein Film), gleichzeitig kann ich vor allem den intelligenteren Horrorfilmern (oder auch einem Quentin Tarantino) nicht über den Weg trauen, weil sie sich nicht an die von Hollywood etablierten Spielregeln halten. Anders sieht es dann mit Dokumentationen oder Pornographie aus, denn hier fällt der Spiel-Aspekt weg. |
| coma_black | edit: (das wäre jetzt zu sehr in mein Privatleben abgedriftet) Ich kann dazu nur feststellen, so mit 14/15 habe ich angefangen Stephen King zu lesen und Metallica zu hören. Später kam dann richtiger Horror von Clive Barker, Nancy A. Collins usw. dazu und mit 18 die diversen guten und weniger guten Filme. Ich behaupte, daß mir all dies geholfen hat, die Pubertät zu überstehen und nicht mit 25 schizophren zu werden, die paar Scheißeflecken in meinem Leben als lachhaft zu erkennen und meine relativ selbstbewußte Persönlichkeit auszubilden. Mit "pädagogisch wertvollen" Jugenbüchern wäre das wohl nichts geworden... |
| coma_black | Mir fällt da gerade noch ein Zitat aus einem Buch über David Cronenberg ein: "Dieses Buch widme ich Mikey, Donald und den anderen Bewohnern von Entenhausen, weil sie in einer besseren Welt leben, die keine Horrorfilme nötig hat" (oder so ähnlich, weil ich das Buch nicht besitze und darum nicht nachschlagen kann) |
| coma_black | @ArrogantNick: Ich ziehe aus negativen Emotionen die Kraft zum Weitermachen, wie ich aus persönlicher Erfahrung mit allerlei "positiver" Energie (Joseph Murphy, Carnegie, The Secret usw.) bestätigen kann, die mir nichts gebracht hat, außer mich tiefer in Depressionen reinzureiten. |
| coma_black | Mit negativen Emotionen meine ich eine zielgerichtete Kanalisierung von Trauer, Zorn, Hass und was halt sonst so auf der Gefühlsskala ganz weit unten angesiedelt ist. Also wenn ich zum Beispiel "Antichrist Superstar" oder "The Downward Spiral" von vorne bis hinten anhöre... oder eine Oper von Richard Wagner. Das bewirkt (wie auch ein guter Metzgerfilm) eine "Reinigung vom Affekt", also diese Sache mit der Katharsis, durch die dann ein Spaziergang mit dem Hund, oder eine Zigarre, oder was es sonst so schönes gibt, eine ganz neue Bedeutung erhält. Außerdem bin ich dadurch insgesamt ausgeglichener und weniger jähzornig ;) Ich habe das vorhin falsch verstanden, ich bin davon ausgegangen, daß du irgendwie so Eso-mäßig auf "positive thinking" machst. Sorry! |
| coma_black | Also entweder haben a) jetzt alle Angst, sich den Film anzuschauen, b) sind nach dem Film so traumatisiert, daß sie hier nicht mehr mitdiskutieren können oder c) mögen uns nicht :D |
| solipsismus | Ich fand den Film, verglichen mit High Tension (der jetzt auch nicht perfekt war), nicht so gut. Das liegt in der Sinnlosigkeit der Sache. Es wird zwar erklärt, warum man die Mädchen foltert, aber nie klar, wer diese Organisation ist und warum genau deren Mitglieder dies wissen möchten. Reine Neugierde könnte eine mögliche Erklärung sein, aber ohne irgend einen logischen Grund am Ende, finde ich es wirklich ... dämlich. Der Film war zwar größtenteils gut gemacht, aber ich bevorzuge entweder ganz sinnlos oder ganz sinnvoll. |
| smart_hicks | Ein guter Horrorfilm, den man auch wirklich als "Horror" bezeichnen kann. Während des Anschauens des letzten Drittels habe ich echt überlegt, den Film abzubrechen und das ist mir so noch nie passiert. Dieser Film hat mich geradezu seelisch gefoltert, in Anbetracht der Handlung wörtlich zu nehmen. Es war eine wichtige Erfahrung, Katharsis-Theorie hin oder her. Nach diesem Trauma hat ein Verdrängungs- und Distanzierungsmechanismus in mir statt gefunden, was wohl kaum verwunderlich sein dürfte. Aber meine Fähigkeit zur Empathie hat darunter nicht gelitten (warum auch?), im Gegenteil. Ein sehr guter Film. Gruß Hicks |
| coma_black | Ich habe den Film nochmal angeschaut, mit etwas mehr Distanz. Das perfide an Martyrs ist, daß er die desorientierte Zeitstruktur, wie sie mir ein ehemaliger Insasse von Hohenschönhausen mal ansatzweise erklärt hat, auf den Zuschauer überträgt. Man war in dieser Zelle, man ist dort, und man wird dort bleiben - auch Jahrzehnte nach der Entlassung. Fällt die lineare Zeit ersteinmal weg (durch ewiges Halbdunkel und einen ermüdenden Zyklus aus Erniedrigungen), dann verabschiedet sich zwangsläufig irgendwann auch das Ego, weil wir unser Selbst nur durch den linearen Zeitablauf aufrechterhalten können, durch unsere "Geschichte". Im Film wird trotz der angeblichen zeitlichen "Sicherheit" (15 Jahre später) nicht klar, wie lange sich die Mädels in dem Haus und später im Keller aufhalten. Durch die zahlreichen Brüche fällt gleichzeitig auch die Bezugsperson weg und konsequent fies steht am Beginn des Films die "Befreiung" des Opfers und die aufgestoßene Tür. Mich wird Martyrs jedenfalls noch lange heimsuchen... |
| Davy Crockett | Obwohl ich mir geschworen hatte, diesen Film niemals anzuschauen - habe ich es nun doch getan - und ihn mir in voller Länge "gegeben"...vor genau einer Woche, ausgerechnet dem Karfreitag... ...doch nun habe ich ein Problem, wie mir scheint...nämlich das, irgendetwas dazu sagen zu müssen...fange ich daher am besten mit dem an, was sich leicht in Worte fassen lässt, formalistischen/formalästtätischen Gesichtspunkten wie Aufbau und Erzählstruktur, da dieser Film bereits an diser Stelle ein paar Fragen und Probleme aufwirft, die nicht ohne Auswirkung auf den inhaltlichen Teil/die story bleiben...ich kannte bereits ein paar Szenen daraus, bevor ich dieses Ding nun endlich in voller Länge "geniessen" durfte - ja, ich weiss, das ist genau der falsche Ausdruck, um die Wirkung dieses Films zu beschreiben, doch dazu später mehr...die wenigen Szenen, die ich zuvor schon kannte, spielen sich fast alle im ersten Teil des Films ab, und daraus geht überhaupt nichts Eindeutiges hervor, worum es in dem Film geht, und irgendwie haben diese wenigen Eindrücke mich auch nicht sonderlich für den Film begeistern können... mir nach "Hostel " I und zwei, "SAW" und "Frontier(s)" und "High Tension" noch einen weitereren "Folterfilm" anzutun erschien mir extrem sinnfrei und dredundant, war das Thema in all diesen Filmen und etlichen Weiteren doch schon in allen nur erdenklichen sadistischen und perversen Variationen und Nuancen durchgespielt worden...was sollte also noch ein weiterer Film dieser Sorte für einen "Erkenntnisgewinn" auslösen wo die übrigen es schon nicht vermocht hatten, mehr zu sein als ein wenig Nervenkitzel und Gänsehaut für zwischendurch, jedenfalls ohne jeden nachhaltigen Effekt auf den Zuschauer...? ...nun, um es kurz zu machen, unverhofft kommt oft - und nach diesem Film ist nichts mehr so, wie es vorher war...die wenigen echten Schwächen des Films liegen im Handlungsaufbau und in dem nicht wirlich gelungenen Versuch, eine nichtlineare, alogische Zeitstruktur zu schaffen und zwei Geschichten/Handlungsstränge unter einen Hut zu bekommen: ein ambitioniertes Experiment, dass hier aber - im Gegensatz etwa zu "Lost Highway" oder auch "Mulholland Drive" - an die dieses Verfahren zumindest oberflächlich erinnert, nie ganz gelingt...wobei der erste Teil des Films ohnehin von etlichen "Lynchismen" (vgl. Georg Sesslen) nur so wimmelt, man denke an das "Eraserhead"- ähnliche Fabrikgelände (wie es ähnlich ja auch bei "Hostel" vorkommt...) zu Beginn und die Villa der Familie...die Einstellung auf das Haus ist z.B. fast 1:1 aus der ersten Szene von "Lost Highway" entnommen, wo das Haus von Fred und Renee Madison erstmals zu sehen ist...doch am Ende bleiben zu viele logische Fehler übrig, die verhindern, dass die zweite Storyline die erste zu Ende führt, bzw, zu deren Bedingung wird und umgekehrt...im Gegenteil, bei "Martyrs" annullieren sie sich gegenseitig: der zweite Teil, das eigentlich namensgebende "Martyrium", ist der entschieden wichtigere, und der hätte die Vorgeschichte - Lucies Rache - eigentlich nicht nötig gehabt...es hätte den ganzen Film zumindest wesentlich spannender und "linearer" gemacht, auf eine der beiden Geschichten ganz zu verzichten...entweder einen reinen "Rache ist Blutwurscht" - Streifen im Stil von "Kill Bill" durchzuziehen - oder aber sich ganz auf den zweiten, den Folterteil, zu beschränken, auf dem Thema und Kernaussage des Films ohnehin einzig und allein basieren...was diesen - entscheidenden - Teil aber nicht wirklich glaubwürdig macht, ist wiederum der erste Teil...denn dieser hat ja gar kein "eigenes" Ende...ähnlich, wie der zweite keinen eigenen Anfang hat...es bleiben weiterhin die besagten logischen Fehler: warum bleibt Anna weiter in dem Haus, auch nachdem sie die schreckliche Wahrheit über das Haus und Lucies Vergangenheit endlich herausgefunden hat? - bis dann die wahren Bösewichter endlich eintreffen und es keine Chance zur Flucht mehr für sie gibt, etc...hier ist der Film kaum gescheiter als "Fronier(s)", wo man/frau garantiert immer genau das falsche tut, nämlich alles, um seinen/ihren Mördern direkt in die Arme zu laufen...eine weitere Unzulänglichkeit bildet die Seite der Täter: diese "Sekte" ist nicht im mindesten glaubwürdig -selbst die reichen Sadisten-Psychos aus den beiden "Hostels" waren da irgendwo weit näher an der Realität....nur furchteinflössend, das ist er schon, dieser Club ergrauter Tattergreise, die da zum Schluss in ihren fetten Bonzenschlitten vor der Villa vorfahren - und reich sind sie offensichtlich auch - denn sonst wären sie ja wohl auch kaum die abgrundtief verkommenen Faschisten, bar jeder Menschlichkeit...dieser Film schafft eine Atmosphäre universeller, allgegenwärtiger Bedrohung...das ist hier tatsächlich wie in kaum einem anderen gelungen... ...es ist daher auch müßig, irgendeine Interpretation anbieten zu wollen oder nach dem "Sinn" zu fragen...denn es gibt keinen Sinn in diesem Film - und das ist die einzige "Pointe", die er überhaupt zu bieten hat...das endlose Martyrium, das nun erfolgt - es ist völlig sinnlos...wer einen "Sinn" darin sucht, einen Menschen auf die allerperfideste Art zu Tode zu quälen.. .der findet auch einen...wie ebenjene Gruppierung...es ist ein absolut nihilistischer Film...was nun die Folterszenen selbst angeht - so sind diese in ihrer Eindringlichkeit in ähnlicher Weise kaum irgendwo zu finden... der hier schon erwähnte Effekt, dass es einem einfach nicht mehr gelingt, wegzusehen, die Augen abzuwenden oder den Film einfach abzuschalten, hat sich schon nach kurzer Zeit bei mir eingestellt...der allmähliche Identitäts- und Persönlichkeitsverlusst der Frau, nachdem sie wieder und wieder und stets derselben Abfolge von Schikanen und Erniedrigungen ausgesetzt wird - ist hier sehr glaubwürdigig vermittelt...noch intensiver ist es nur noch bei den Folterszenen in Radfords vErfilmung von Orwells "1984" gelungen - und hier waren es die Giganten Richard Burton und John Hurt, die sich dabei ein Täter- Opfer - Duell auf allerhöchstem intellektuellen Niveau lieferten... |
| Davy Crockett | ...irgendwie lässt mich dieser Film nicht mehr los - vielleicht läuft deswegen bei mir ständig "To our Martyrs" von Samael...:Ddas habe ich ja zuvor schon von einigen gehört, die ihn gesehen haben...und doch zeigt er vermutlich nur die Spitze eines Eisberges...das, was in den KZs und Folterknästen dieser Welt tagtäglich geschieht, stellt sicher selbst diesen Film weit in den Schatten...dabei werden hier in Folterknästen durchaus übliche Praktiken gezeigt, die zumindest ansatzweise, wenn auch weniger drastisch zuvor schon in anderen Filmen zu sehen waren (vgl. z.B. Natalie Portman in "V for Vendetta", der rein von der psychologischen Situation des permanent-eingesperrt und gefoltert-werdens diesem hier schon recht nahe kommt...auch die sehr einförmigen, sich tagein tagaus wiederholelnden Folterrrituale, "waschen und füttern mit anschließender Tracht Prügel" sind in chinesischen Folter-KZs und US imperialistischen Folterknästen in der gezeigten Form so durchaus realistisch... ...und es gibt sicher noch weit schlimmeres...es wäre hier jedoch sinnvoller und besser gewesen, das Ganze ähnlich wie "V for Vendetta" in den Rahmen eines Orwell-ähnlichen Terrorstaates zu verlegen...doch verstehe ich irgendwie auch, dass P.Laugier hier möglicherweise der Gefahr, einen "politischen" Film daraus werden zu lassen, aus dem Wege gehen wollte, indem stattdessen diese Geheimorganisation einführte, was das Ganze allerdings recht unglaubwürdig macht... ... |
| coma_black | Davy, ich habe doch gesagt, daß der Film eine unvergleichliche Langzeitwirkung hat. ;) Ich habe es jedenfalls seither nicht mehr fertiggebracht, ihn nochmal anzusehen. |
| lioba | Geht mir ganz genauso. War sehr.. beeindruckend. |
| Changeling II | Die Amis sind sich aber auch wirklich zu nichts zu schade: denn derzeit wird in Hollywood emsig an einem Remake gebastelt, das garantiert großer Müll wird und dem französischen Original in keinster Weise das Wasser wird reichen können... ...wenn schon ein US-Remake, dann wäre dies ein Stoff gewesen, der einen der wahren Kult-Regisseure Hollywoods verdient hätte: einen Ridley Scott, Quentin Tarantino, David Fincher oder - David Lynch...stattdessen darf diesen Film nun ausgerechnet ein nach Hollywood eingeflogener deutscher Nobody verhunzen - ein gewisser Stramm oder Stamm oder so ähnlich, der zuvor bereits irgend ein dittklssiges "Der Exorzist"- Remake verbrochen hatte... |
| Nix | [QUOTE][i]Original geschrieben von solipsismus [/i] [B]Ich fand den Film, verglichen mit High Tension (der jetzt auch nicht perfekt war), nicht so gut. Das liegt in der Sinnlosigkeit der Sache. Es wird zwar erklärt, warum man die Mädchen foltert, aber nie klar, wer diese Organisation ist und warum genau deren Mitglieder dies wissen möchten. Reine Neugierde könnte eine mögliche Erklärung sein, aber ohne irgend einen logischen Grund am Ende, finde ich es wirklich ... dämlich. Der Film war zwar größtenteils gut gemacht, aber ich bevorzuge entweder ganz sinnlos oder ganz sinnvoll. [/B][/QUOTE] Weil hier parallel ein Thread zu den persönlichen TopTen der Horrorfilme lief, habe ich "Martyrs" nochmals ausgegraben. Leider musste ich nach einer Umschau im Netz feststellen, dass sich die meisten derer, die den Film anschauten, anscheinend gar keine Mühe gemacht haben, das, was der Film vielleicht transportieren möchte, zu durchdenken. Schade. Dass der Film wie eine Analogie zu "Passion of Christ" wirkt (wie wohl Coma zutreffend anschnitt), ist nicht Zufall, ist doch einerseits das Martyrium als solches (als Prozess) als auch der Märtyrer als Person Thema und gleichzeitig Programm. So wirkt Anna nicht zufällig wie eine Christus-Erlöser-Figur, sie ist sogar eine: sie hilft Lucie, deren Trauma zu verarbeiten, verarztet ihre Wunden, tröstet sie, vergibt ihr später die Schuld, die sie auf sich läd und liebt sie, ohne über sie zu urteilen. Ihr Weg ist deshalb so vorgezeichnet wie der des Christus in Mel Gibsons Film. Eine Auflösung des Martyriums des Zuschauers, der mit Fragen gefoltert wird (niemand hat augenscheinlich Genuss an den Folterungen des Mädchens, niemand delektiert sich daran; die Folterungen werden auch nicht gefilmt, niemand sieht zu) erfolgt gegen Ende, als Anna gefragt wird, was sie drüben sah. Die Reaktion der fragenden alten Dame auf die Antwort Annas ist, dass sich erstere erschießt, offensichtlich in Folge der Antwort Annas. Sie spricht vorher sogar die sinngemäßen Worte: "Glauben Sie, sie wissen, was uns nach dem Tod erwartet? Zweifeln Sie daran!". Damit ist schon alles gesagt. Der Zuschauer hat gesehen, was Anna sah: Rauchschwaden, vielleicht ein Tunnel ins Licht. Mehr nicht. Die Aussage hätte plakativer fomuliert werden können: "Glauben sie an einen Himmel? Zweifeln Sie daran!" oder "Glauben Sie an eine Hölle? Zweifeln Sie daran!" Weil es egal ist, was sich der Fragesteller vorstellt, er aber in jedem Fall daran zweifeln soll, steht zu vermuten, dass die alte Dame glaubt, dass auf den Tod nichts folge. Anna hat ihr jedoch sicher gesagt, dass es ein Jenseits gibt, dass das Paradies wartet. Sie tat das wie ein Erlöser, um die "Suche", d.h. die Wissenssuche, durch die Folterungen, zu beenden. Als Märtyrerin. Aber die Dame durchschaut sie und glaubt ihr nicht. Hätte sie Anna geglaubt, hätte für die alte Dame kein Grund bestanden, sich sofort zu erschießen. Erst recht gilt dies für die negative Variante: bei Ankündigung einer Hölle hätte es niemand eilig, dorthin zu gelangen. Das Interesse der Dame war wissenschaftlicher Natur. Die Ankündigung eines Paradieses hätte einen beachtlichen Wissensschatz bedeutet. Dieses Wissen mit in den Tod zu nehmen, machte keinen Sinn. Die alte Dame tötet sich, weil sie gespürt hat, dass Anna nichts gesehen hat, dass es kein Jenseits gibt. Die Suche ist anders ausgegangen, als erwartet, die Passion ist zu Ende. Zurück bleibt ein Mädchen, dass sich für andere aufgeopfert hat. Als "Zeugin", wie die Übersetzung des Wortes "Märtyrers" im Abspann aufklärt. Als Zeugin für das Nichts nach unserem Leben. Und als Zeugin für das, wozu Menschen im Stande sind. Und ein flaues Gefühl beim Zuschauer bleibt auch zurück. Wie weit darf Wissenschaft gehen? Wie weit geht sie, wenn niemand hinschaut? Wie sinnvoll sind ihre Fragestellungen? Kurz: Ich fand den Film keineswegs sinnlos. Dass er gewalttätig ist, ist zwingend, es liegt in seiner Natur. Er reflektiert unser aller Natur. |
| Changeling II | Gute Interpretation -der ich auch im Großen und Ganzen zustimme...und daher zum Anlasss nehme, das Phänomen "Religion", erneut aufzugreifen...da es in dem Film ja eine entscheridende Rolle spielt und dieser Film die denkbar beste Ausgangsbasis dafür liefert zu begründen, warum ich "religiöse Gefühle" irgendwelcher - Menschen - für ganz und gar nicht "schützenswert" halte... ...zum einen muss ich nicht jeden Humbug unwidersprochen hinnehmen...ich bin durchweg bereit, anderen die gleiche Freiheit einzugestehen, die ich mir selbst herausnehme: zu denken und zu sagen was ich will...nur darf ich dann auch nicht erwarten, niemals zum Addressaten von verbaler Kritik, im schlimsten Falle zur Zielscheibe von Hohn und Spott zu werden, falls ich denn irgendwelche "ewigen Wahrheiten" über Gott und die Welt verlauten lasse... ...aber in dem Film geht es um viel mehr...es geht um das, was "Menschen" anstellen können, wenn sie mit ihren "religiösen Gefühlen" mal wirlich Ernst machen..."Märtyrer" ("Zeuge") ist ja bereits ein Begriff, der primär der Sphäre des REligiösen entstammt und auf einen Zusammenhang verweist...eine Schwachsinnslehre, bzw. ein kollektives Wahnsystem mag noch nicht allein deshalb gefährlich sein, weil es irrational ist...andererseits halte ich - offentsichtlich irrationale und falsche Annahmen über die Beschaffenheit des Kosmos schon allein deswegen nicht für "schützenswert", weil sie ganz offensichtlich falsch oder zumindest nicht wahr sind... ...es geht ja keineswegs darum, Verfechtern von Irrlehren und fixen Ideen diese auszureden oder gar gewaltsam auszutreiben...man soll sie nur nicht vor vernichtender Kritik und drastischem Spott schützen...denn wer das fordert, begibt sich auf denselben Pfad wie sie, den des Fanatikers - und davon handelt der Film... ...die schrullige Tante mit ihrem Gefolge von senilen Giftzwergen in dem Film hat also eine Vision...soso...soweit so schlecht...die hatten andere vor ihr auch schon: Jesus, Buddha, Mohammed, um nur drei der üblichen Verdächtigen zu nennen...die alte Vettel - sie gibt sich damit aber noch längst nicht zufrieden, sie möchte es wissen, sie verlangt einen unwiderlegbaren - Beweis...nun, bis dahin wäre das ganze noch nicht problematisch...das Problem entsteht hier erst dadurch, dass sie ein Versuchskaninchen benötigt -und wie man erfährt mehr als nur eins...und bei der Fraktion, die meint, gar keinen Beweis mehr zu benötigen, weil die Bibel, der Koran oder was auch immer -sowieso das "Wort Gottes" in Reinkultur sind...die sind ohnehin bereit, für diese Schnapsidee alles zu tun...die Idee, religiösen Wahn zum Thema einer solchen Geschichte zu machen, ist genial und findet sich nur bei ganz wenigen Filmen in so konsequent und durchdacht umgesetzter Form wie hier - einer davon ist "Sieben" von David Fincher, wo es um einen Serienkiller geht, dessen "Knall" darin besteht, die Menschheit von den Sieben Todsünden aus der Bibel zu befreien... ...ähnlich wie bei "Martyrs" gibt es auch hier nur wenig explizit gezeigte Brutalität...ein Großteil der immensen Brutalität geschieht in beiden Filmen allein durch Andeutungen, bzw. wird auf die Ebene des "Kopfkinos" verschoben...man sieht bei Fincher jedes der Opfer, nachdem sie bereits tot sind oder so gut wie - zerstückelt, zerplatzt, gehäutet - - und etliches mehr.....und bekommt eine vage aber umso grauenvollere Ahnung, was sie zuvor durchgemacht haben....ähnlich geschehen in "Martyrs" bei der Frau in dem Haus, die Anna kurz vor ihrem Tod aus dem Kellerloch befreit - und dann schliesslich bei Anna selbst...der Aspekt des religiösen Wahns besteht in beiden Filmen darin, dass die Täter ihre "religiösen Gefühle" oppressiv anderen aufzwingen müssen, sie ihnen buchstäblich, wie Kafkas Maschine -in den Leib einschreiben...was als das Merkmal von "religiösen Gefühlen" schlechthin gelten kann: sie [I]müssen[/I] mitgeteilt werden - um jeden erdenklichen Preis! -und zwar so, dass es den "Beglückten" Schmerzen, wenn nötig den Tod bereitet...der Killer in "Sieben" schreibt mit dem Blut seiner Opfer die jeweilige "TodSünde" auf, auf deren Grundlage das Opfer angeblich diesen Tod verdient hat...in "Martyrs" ist Annas Körper selbst das Pergament, in das die "Frohe Botschaft" der Zwangsbeglückung geschrieben wird, um für die Nachwelt als "Zeugin" zu dienen...die Vettel sucht einen Beweis dafür, dass es eine Seele und einen Himmel -oder eine Hölle - für sie gibt...beide finden am Ende in gewisser Weise das, was sie suchen...auch, wenn sie dafür ebenfalls ihr Leben hinzugeben gezwungen sind, was jedoch einkakuliert war... ..bereits das zentrale Symbol des Christentums, das Kreuz, ein antikes Marterinstrument, verweist auf das Martyrium...deutlicher könnte der Hinweis auf das, was im Schilde geführt wird, wohl kaum ausfallen: erst durch das Martyrium, indem ihr es -am eigenen Leib - nachvollzieht, wird euch die "Erlösung" zuteil sein... |
| Nix | [QUOTE][i]Original geschrieben von Changeling II [/i] [B] ...die schrullige Tante mit ihrem Gefolge von senilen Giftzwergen in dem Film hat also eine Vision...soso...soweit so schlecht...die hatten andere vor ihr auch schon: Jesus, Buddha, Mohammed, um nur drei der üblichen Verdächtigen zu nennen...die alte Vettel - sie gibt sich damit aber noch längst nicht zufrieden, sie möchte es wissen, sie verlangt einen unwiderlegbaren - Beweis...[/B][/QUOTE] Ihr Interesse ist rein sachlich-rationaler Art, definitiv nicht religiös motiviert. Das macht das ganze noch perfider. Sie möchte ihren Zweifel bewiesen sehen. |